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Do., 14.09.2017

Zeitungsarchiv Der Digitalisierung gehört die Zukunft

70 Jahre liegen zwischen diesen beiden Zeitungen: Rechts die Erstausgabe der Westfälischen Nachrichten vom 3. August 1946 – links eine Ausgabe aus dem Jahr 2016. Gesichert werden die Originale im Zeitungsarchiv.

70 Jahre liegen zwischen diesen beiden Zeitungen: Rechts die Erstausgabe der Westfälischen Nachrichten vom 3. August 1946 – links eine Ausgabe aus dem Jahr 2016. Gesichert werden die Originale im Zeitungsarchiv. Foto: Oliver Werner

Zeitungen gibt es seit über 400 Jahren, in Münster seit 1763, kurz nach Beendigung des Siebenjährigen Kriegs. In jenem Jahr verlieh der münstersche Fürstbischof Maximilian Friedrich von Königsegg-Rothenfels dem Buchdrucker Anton Wilhelm Aschendorff das Privileg zur Herausgabe einer Gazette.

Von Bernd Haunfelder

Das „Münsterische Intelligenzblatt“, eine kleinformatige Zeitung von wenigen Seiten, enthielt Gesetze und Verordnungen der Landesverwaltung, vor allem aber Inserate der örtlichen Geschäftswelt und Familienanzeigen.

Hinrichtung König Ludwigs XVI. von Frankreich

Meldungen von politischen Ereignissen, zumeist schon Tage, wenn nicht gar Wochen alt, fanden auch Eingang und vermittelten einen Eindruck von der „großen weiten Welt“. Eine Sensation ohnegleichen dürfte beispielsweise die Ende Januar 1793 veröffentlichte Nachricht von der Hinrichtung König Ludwigs XVI. von Frankreich gewesen sein, obwohl die Leser schon vorab über den Prozess gegen ihn ausgiebig informiert worden waren. Meldungen aus der Stadt waren dagegen eher rar.

Der Name dieser Zeitung hatte übrigens nichts mit „Intelligenz“ zu tun, sondern leitet sich vom Lateinischen ab und orientierte sich an der Bedeutung „Einblick nehmen“, etwas „verstehen“, etwas „einsehen“.

1849 wurde das „Intelligenzblatt“ eingestellt. 1852 folgte ihm der „Münsterische Anzeiger“, Vorgänger der seit 1946 erscheinenden „ Westfälischen Nachrichten“.

Unmittelbare Darstellung des Lebens einer Stadt

Grundsätzlich gilt seit 1763 für Münster wie für andere vergleichbare Städte: Nirgendwo wird das Leben einer Stadt unmittelbarer dargestellt als in einer Zeitung. Dagegen haben bis heute andere, auch neue Medien schon allein wegen der Auffächerung des lokalen Pressewesens keine Chance, kein Regionalfunk und kein Regionalfernsehen. Nicht zu vergessen, Deutschland ist nach wie vor eines der „zeitungsreichsten“ Länder der Welt.

Wer sich einen Eindruck über das Leben in der näheren Region seit Mitte des 18. Jahrhunderts verschaffen will, wen Familienanzeigen, Handel und Wandel und auch das reiche kulturelle, vor allem das musikalische Leben, interessiert, wird die bedeutsame Quelle des „Intelligenzblatts“ kaum vernachlässigen können.

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Bislang nur in Universitätsbibliothek und Stadtarchiv einsehbar

Allein die Nutzung war bis vor einigen Jahren noch mit größeren Hürden verbunden. Die Zeitung konnte nur in der Universitätsbibliothek und im Stadtarchiv eingesehen werden. Kopieren daraus war wegen des empfindlichen Papiers nicht erlaubt. Forschern blieb also nichts anderes übrig, als althergebracht die sie interessierenden Passagen abzuschreiben – ein mühseliges und ermüdendes Unterfangen. Selbst die Verfilmung der Bestände hatte nur eine gewisse Erleichterung gebracht. Technikbedingt war die Qualität der Kopien nicht optimal.

Seit einiger Zeit ist der in der Universitätsbibliothek Münster deponierte Bestand des Intelligenzblatts digitalisiert und online abrufbar. Damit haben sich, einmal abgesehen vom historischen Aussagewert der Zeitung, die Einsatzmöglichkeiten der Quelle bedeutend verbessert. Nachhaltig befördert wird dies durch den gleichfalls möglichen digitalen Zugriff auf zahlreiche andere archivalische Bestände, etwa auf dem weiten Feld der Familienforschung, des Verlags- und Musikwesens oder der Wirtschaftsstatistik.

Der Digitalisierung gehört die Zukunft

Fraglos geht mit der neuen Datenwelt auch ein Wandel im Umgang mit der Vergangenheit einher. Kaum jemand hätte sich früher die Mühe gemacht, ganze Jahrgänge einer Zeitung zu durchsuchen. Dazu musste der Sachverhalt schon außergewöhnlich sein, ein derartig zeitaufwändiges Verfahren zu nutzen.

Vorreiter der Pressedigitalisierung und der Erschließung mittels einer Stichwortsuche waren in den vergangenen Jahren der „Spiegel“ und die „Zeit“. Der Zugriff auf die Exemplare seit 1947 sichert beiden Blättern eine unangefochtene Spitzenstellung.

Der weiteren Digitalisierung und der damit einhergehenden Vernetzung großer Zeitungs- und Buchbestände gehört die Zukunft. Sie wird jedoch dort gebremst, wo die Qualität der Vorlage unzureichend ist. Dies ist bei der kontinuierlichen Verschlechterung der Papierqualität im 19. Jahrhundert, worunter auch Unmengen Bücher leiden, nicht einmal so selten. Von Nachteil ist ferner, dass die im 19. Jahrhundert verwendete Frakturschrift nicht gerade lesefreundlich ist.

Zeitung als historische Quelle

Die Zeitung als historische Quelle rückte eigentlich erst seit Mitte des 19. Jahrhunderts in den Betrachtungshorizont der Forschung. Seit der Revolution von 1848/49 hatte sich das öffentliche Interesse am politischen Geschehen merklich gewandelt. Dementsprechend veränderten die Zeitungen auch ihr Angebot. Überregionale und lokale Nachrichten traten mehr und mehr in den Vordergrund. Aus dem noch biedermeierlichen Zeitungsauftritt, in dem der Fortsetzungsroman, allerlei Ratschläge für den Haushalt oder Rätsel noch breiten Raum einnahmen, wurde eine Informationszeitung.

Diese Entwicklung lässt sich sehr anschaulich am Aufstieg des „Münsterischen Anzeigers“ seit 1852 aufzeigen. Seine unangefochtene Stellung als größte Zeitung der Stadt verlief parallel zu deren stürmischer Entwicklung. Die Einwohnerzahl der Stadt wuchs von 1850 bis 1914 von 30.000 auf 100.000 Einwohner an. Die Zeitung startete mit 700 Exemplaren und erreichte 1912 eine Auflage von 36.000. Allein von 1892 bis 1912 hatte sich diese verdoppelt.

Der Aufstieg des münsterschen Pressewesens

Der Aufstieg des münsterschen Pressewesens wurde aber noch durch einen anderen Sachverhalt positiv beeinflusst. Die politischen Verwerfungen im Bismarckschen Zeitalter, genannt sei der die Stadt von 1871 bis 1884 im Griff haltende Kulturkampf, traten nirgendwo deutlicher zu Tage als hier. Die Lokalzeitungen legten sich mit der Staatsmacht an und wurden zum Teil verboten. Ohne deren Berichterstattung ist der hiesige Kulturkampf jedoch nicht darstellbar, zumal die staatliche Überlieferung aufgrund ihrer Einseitigkeit eines merklichen Korrektivs bedarf.

Im staatlichen Archivwesen hatte die rasante Entwicklung des Pressewesens jedoch keine Spuren hinterlassen. Noch bis weit ins 20. Jahrhundert hinein blickten viele Archivare auf den Quellenwert von Zeitungen geringschätzig herab, standen doch Presseerzeugnisse immer im Schatten klassischer Politik- und Verwaltungsüberlieferung.

Allianz aus Information und Meinung

Dabei spielte das Abbild einer jeden Zeitung, nämlich die Allianz aus Information und Meinung, keine geringe Rolle. So war den preußischen Staatsarchiven keine Sammelpflicht auferlegt worden. Dem „Tagesprodukt“ maßen auch Bibliotheken lange keine so große Bedeutung zu. Die gezielte bibliographische Erfassung der deutschen Zeitungslandschaft erfolgte erst in den 1960er-Jahren.

Die Entwicklung der Tagespresse hat nach beiden Weltkriegen einen merklichen Aufschwung erfahren. Der heutige Zeitungsumfang der „Westfälischen Nachrichten“ ist mit jenem vor einem halben Jahrhundert nicht mehr zu vergleichen. Mit den seit den 1970er-Jahren angebotenen Stadtteilausgaben kam eine weitere Informationsausweitung hinzu.

Was Historiker oder Heimatforscher erfreute, bereitete Bibliotheken indessen großes Kopfzerbrechen. Die unhandlichen und großformatigen Bände standen einer benutzerfreundlichen Einsichtnahme im Weg, vom thematischen Zugriff ganz zu schweigen. Leser, die sich noch einmal über dieses oder jenes informieren wollten, hatten mit allerlei Schwierigkeiten zu kämpfen. Hinzu kam, dass die meisten Zeitungsverlage ihre Bestände der Öffentlichkeit vorenthielten.

Digitalisierung als Pioniertat

Die seit den 1970er-Jahren einsetzende Verfilmung der Bände hat die Lage zwar verbessert, aber nicht entscheidend nach vorne gebracht. Seit dieser Zeit hatte zudem der Seitenumfang der Lokalpresse beträchtlich zugenommen, wohingegen die Archivrecherche nach wie vor begrenzt blieb. Gigantische Zeitungsausschnittsammlungen mit einer noch so präzisen Verschlagwortung stießen irgendwann an ihre Grenzen. Die Lösung des Problems brachte schließlich der nahezu unbegrenzte Einsatz der Datenverarbeitung.

Die seit August 1946 erscheinenden „Westfälischen Nachrichten“ gingen die Digitalisierung vor einigen Jahren als erste größere deutsche Tageszeitung an und leisteten damit eine Pioniertat. Mit dem Einscannen der Folianten, Blatt für Blatt, war es aber nicht getan. Eine derartig gewaltige Datenmenge will mit einer gezielten Verschlagwortung so aufgefächert werden, dass eine Nutzung ohne Probleme möglich ist. Die Tagespresse rückt mit dem „Erinnerungsarchiv“ damit zwangsläufig an den Leser näher heran, den vielfach eine enge Beziehung mit seiner Stadt verbindet, und sie eröffnet ihm auch neue Perspektiven.

Von Verwandtschaftsbeziehungen bis Kommunalpolitik

Dabei geht es beileibe nicht nur um das Aufspüren von Verwandtschaftsbeziehungen, Sportergebnissen oder Vereinsnachrichten. In den Mittelpunkt rücken vor allem kommunalpolitische Vorgänge, die heutzutage in der Öffentlichkeit einen ganz anderen Stellenwert als früher besitzen. Von Infrastrukturentscheidungen etwa fühlt sich heute, so oder so, fast jeder betroffen. In bürgerschaftlichen Auseinandersetzungen mit Ratsentscheidungen kann also eine „alte Tageszeitung“ eine ganz neue und aktuelle Bedeutung erlangen.

„Sie haben aber noch vor Jahren gesagt …“, könnte solch ein Satz lauten, dessen Argumentation einem digitalen Archivfund zu verdanken ist. Ein weiterer wichtiger Aspekt der Digitalisierung von Zeitungsbeständen wird zumeist übersehen, nämlich jener der Nachhaltigkeit der soliden Information. Dem haben andere moderne Medien nichts entgegenzusetzen.

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