Arnd Zeigler kritisiert Auswüchse im Jugend-Fußball
Wenn Trainer und Eltern am Spielfeldrand durchdrehen

Ahlen -

In seiner Kult-Sendung „Zeiglers wunderbare Welt des Fußballs“ widmet sich der Journalist, Autor und Moderator Arnd Zeigler regelmäßig der schönsten Nebensache der Welt. Eine ihrer unschönen Seiten hat er jetzt in einem viel beachteten Posting auf seiner privaten Facebook-Seite beleuchtet. Dort macht er seinem Unmut über allzu ehrgeizige Jugend-Trainer und fanatische Eltern am Spielfeldrand Luft.

Freitag, 06.09.2013, 14:09 Uhr

Einhalt gebieten möchte Arnd Zeigler dem nicht selten fragwürdigen Verhalten von Jugend-Trainern und Eltern Fußball spielender Kinder am Spielfeldrand.
Einhalt gebieten möchte Arnd Zeigler dem nicht selten fragwürdigen Verhalten von Jugend-Trainern und Eltern Fußball spielender Kinder am Spielfeldrand. Foto: Zeigler

Er berichtet von Müttern und Vätern, die junge Schiedsrichter übelst beschimpfen, ihre Zöglinge zu Zeitspiel oder gar Fouls auffordern. Und von Trainern, die ihren jungen Spielern beibringen, dass man auch unfair spielen darf – Hauptsache, man gewinnt. AZ-Redakteur Kristian van Bentem sprach mit Arnd Zeigler über seine Erfahrungen, die er als Vater eines in der D3-Jugend von Werder Bremen spielenden Jungen gemacht hat.

Herr Zeigler, in welchen zwielichtigen Gefilden Ihrer wunderbaren Fußball-Welt haben Sie sich denn da rumgetrieben?

Arnd Zeigler: Das waren eigentlich gar keine zwielichtigen Gegenden. Ganz im Gegenteil. Die enorme Resonanz auf mein Posting war für mich ein Aha-Erlebnis, das mir gezeigt hat, dass das Problem sehr viel verbreiteter zu sein scheint, als man glauben möchte. Binnen zwei Tagen haben 8000, inzwischen schon über 11 000 Leute meine Nachricht geteilt. Und es hat nicht einer negativ reagiert. Ganz viele haben stattdessen gesagt: Genau so ist es, und genau so habe ich das auch schon oft erlebt. Das scheint also nicht nur meine private Meinung zu sein. Besonders hat mich gefreut, dass sich auch ganz viele Schiedsrichterverbände bei mir bedankt haben.

Dass sie von dieser Seite Zustimmung erhalten, verwundert nicht. Sie haben in Ihrem Posting allerdings auch gesagt, dass Sie diejenigen, die es eigentlich betrifft, vermutlich gar nicht erreichen. Weil Lesen und Schreiben nicht zu deren Stärken gehören?

Zeigler: Nein, so war das sicher nicht gemeint. Es ging darum, dass ich mein Posting eigentlich nur mit meinem sehr engen Kreis von Facebook-Freunden teilen wollte. Aber da stimmte wohl was mit meinen Einstellungen nicht – und dadurch ist das dann versehentlich öffentlich geworden.

Davon abgesehen: Ist das von Ihnen beschriebene Problem eine Frage von Bildung und sozialer Herkunft?

Zeigler: Ohne es jetzt verallgemeinern zu wollen: Die Fälle, die ich am heftigsten in Erinnerung habe, sind mitnichten solche aus irgendwelchen sozial schwachen Gegenden, sondern sogar aus besseren. Gerade da hat man manchmal Eltern, die richtig hardcore sind und es damit fördern, dass Kinder auf dem Platz jeglichen Respekt vermissen lassen. Aber im Grunde findet man derlei Phänomene überall, quer durch alle Bevölkerungsschichten.

Haben Sie das Gefühl, dass diese Auswüchse zugenommen haben? Oder ist dieses Problem nicht so alt wie der Fußball selbst?

Zeigler: Mein Eindruck ist auf jeden Fall, dass das zunimmt. Bei mir ist es zwar schon lange her, dass ich in der Jugend gespielt habe, aber ich kann mich an so etwas nicht erinnern. Wir hätten uns nicht getraut, zu dritt auf den Schiedsrichter zuzurennen und auf ihn einzuschreien – und erst recht nicht mit Unterstützung der Eltern.

Worauf führen Sie diese Entwicklung zurück?

Zeigler: Unter anderem darauf, dass Unfairness in der Bundesliga vorgelebt wird. Wann immer dort ein Spieler etwas „verbricht“, wird das sofort von den Kindern nachgeahmt: Die ahmen Schauspielerei nach, die ahmen Rudelbildung nach, die ahmen Reklamieren nach. Und was mich dabei eben am meisten stört: Oft angestachelt von Eltern und Trainern. Die sagen zu den Kindern: „Wenn er Dich das nächste Mal berührt, fällst Du richtig hin, dann gibt es Freistoß.“ Das kann doch nicht sein, dass man bei Kindern in dem Alter schon anfängt, Unfairness zu predigen und sie noch zu animieren, gegen den Schiedsrichter zu maulen. Insbesondere nicht gegen junge Schiedsrichter. Die kriegen in den seltensten Fällen Anerkennung, sondern immer Druck und werden von allen Seiten auf teilweise unvorstellbare Weise langgemacht. Die machen diesen Job für zwölf Euro Spesen an Wochenenden in ihrer Freizeit und tun mir sehr oft Leid.

Manche werden sagen: Fußball ist halt kein Hallen-Halma, Emotionen gehören dazu. Der soll mal nicht so den moralischen Zeigler-Finger heben . . .

Zeigler: Ich möchte mich auch gar nicht als Heiligen hinstellen. Ich schreie ja manchmal auch auf dem Fußballplatz rum, wenn ich das Gefühl habe, das ist eine grobe Fehlentscheidung. Aber es ist ein Unterschied, ob ich das unter 40 000 Zuschauern im Stadion hinter einem Zaun mache oder vor Kindern am Spielfeldrand. Auch da macht man seinem Ärger natürlich mal Luft. Aber alles muss im Rahmen eines gewissen Grundrespektes bleiben. In dem Fall, den ich bei Facebook geschildert habe, haben Eltern noch eine Stunde nach Spielschluss mit Regenschirmen in der Hand dem Schiedsrichter gedroht – und das, während Kinder daneben stehen und es mitbekommen, dass ihre eigenen Eltern keinen Respekt vor dem Schiedsrichter haben. Das hat dann nichts mehr mit harmlosen Emotionen zu tun. Und was auch überhaupt nicht geht, ist, den eigenen Kindern beizubringen, den Gegner geringzuschätzen.

Wie äußert sich das?

Zeigler: Ich habe Eltern erlebt, die ihren Kindern vom Spielfeldrand zurufen: „Der Dicke da, der kann überhaupt nichts, mach den fertig!“ Wie kann man sowas machen? Ich habe es früher, als ich noch kein Kind hatte, immer für sehr spießig gehalten, wenn es hieß, man habe als Eltern doch Vorbildfunktion. Inzwischen spielt mein Sohn seit dem fünften Lebensjahr im Verein, und ich habe gemerkt: Das ist enorm wichtig und ein ganz zentraler Punkt in der Erziehung, den Kindern frühzeitig den Unterschied zwischen guten und schlechten Vorbildern näherzubringen.

Wie kann man das Problem in den Griff bekommen? Sie haben in Ihrem Posting scherzhaft gesagt, sie möchten manche Jugendtrainer therapeutisch behandelt sehen.

Zeigler: Das war überhaupt nicht scherzhaft gemeint. Ich habe einen Trainer kennengelernt, der ist in meinen Augen wirklich ein Psychopath. Der hat seine Kinder nie gelobt, sondern immer nur mit Drohungen und in einem Klima voller Angst geführt, bis einige schon weinend zum Training gefahren sind. Wie ich in meinem Posting geschrieben habe: Ich würde mir wünschen, dass Trainer, Betreuer und vor allem auch Eltern bei allem falschem Ehrgeiz einen Vernunftsrest mobilisieren. Vielleicht sollte man manche Eltern und Trainer auch mal dabei filmen, wie sie sich verhalten, und es ihnen dann vorführen. Da würden sich manche sicher ziemlich erschrecken.

Was können die Vereine beitragen?

Zeigler: Ich möchte jetzt nicht meinen eigenen Verein Werder Bremen als leuchtendes Beispiel darstellen. Aber da gibt es einen Ehren-Kodex für alle Trainer, Eltern und Kinder, der Werte wie Fairness vermittelt. So etwas sollte es vielleicht überall geben. Und es gibt ja auch schon Versuche, im Jugendfußball ohne Schiedsrichter zu spielen. Stattdessen entscheiden die Kinder selbst, unterstützt von den beiden Trainern, die am Spielfeldrand nebeneinander stehen. Das Interessante ist, dass es dann offenbar viel weniger Streit gibt, weil die Schiedsrichter fehlen, auf die man eindreschen kann. Auch die Spieler lernen so viel schneller, sich einvernehmlich zu einigen.

In Holland haben in diesem Jahr jugendliche Zuschauer einen Schiedsrichter zu Tode geprügelt. Ein tragischer Einzelfall? Oder kann sich so etwas überall aufschaukeln?

Zeigler: Ich will es weder verharmlosen noch dramatisieren. Aber sobald es mit einer grundsätzlichen Geringschätzung des Schiedsrichters anfängt, es in Ordnung ist, wenn man ihn aggressiv angeht, und man sich anmaßt, alles besser beurteilen zu können, obwohl er näher dran ist, dann fängt es an, gefährlich zu werden. Wenn man grundsätzlich keinen Respekt hat vor einer Autorität wie einem Schiedsrichter, dann ist man schnell auf einem ganz schmalen Grat, das Maß zu verlieren. Und das ist ja auch kein Fußball-isoliertes Problem. Denn Kinder tragen das auch in die Schulen, und das findet man dann in der Gesellschaft wieder. Wer auf dem Fußball-Platz keinen Respekt hat, hat ihn auch nicht im sonstigen Leben.

Dann sollte man seine Kinder vielleicht lieber nicht im Fußball-Verein anmelden?

Zeigler: Doch, auf jeden Fall! Denn ich finde es ja eigentlich am Fußball so toll, dass Kinder in einer funktionierenden Mannschaft unheimlich viel Sozialverhalten vermittelt bekommen: Sich gegenseitig zu helfen; dass man als Team funktioniert, wenn alle miteinander arbeiten; harmonisch und verständnisvoll miteinander kommunizieren, auch wenn da vielleicht sechs verschiedene Nationalitäten vertreten sind. Ich kenne viele Leute, die sagen: Neben meinen Eltern habe ich am meisten von meinem Jugend-Trainer gelernt. Und genauso sollte es sein.

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