Gedanken zur WM
Früher war mehr Fieber

Greven -

Was haben Holger Althaus, Stephan Maurer und Reinhard Rothe mit Heiner Brand und Marko Rehmer gemeinsam? Sie interessieren sich für Fußball. Und wagen mit uns einen Blick auf die heute startende WM.

Donnerstag, 14.06.2018, 00:00 Uhr

Nein, leicht wird es nicht, den Triumph von 2014 zu wiederholen. Meinen jedenfalls unsere befragten Sportpromis. Überhaupt scheint die WM-Euphorie vor dem Eröffnungsspiel noch nicht grenzenlos zu sein – und doch ist das Turnier Gesprächsthema Nummer eins.
Nein, leicht wird es nicht, den Triumph von 2014 zu wiederholen. Meinen jedenfalls unsere befragten Sportpromis. Überhaupt scheint die WM-Euphorie vor dem Eröffnungsspiel noch nicht grenzenlos zu sein – und doch ist das Turnier Gesprächsthema Nummer eins. Foto: dpa/AP

Wussten wir’s doch: Auf Reinhard Rothe ist Verlass. Der Mann gilt in Mannschaftskollegenkreisen nicht umsonst als wandelndes Sport-Lexikon. Er gibt die Antwort schon, bevor man ihn mit einer fiesen Frage testen kann: „Die bisher letzte WM-Titelverteidigung“, haut Rothe sofort raus, „gelang Brasilien. WM 1962 in Chile.“ Und deswegen, meint der Tischtennis-Altmeister, spreche ja eigentlich schon die Statistik gegen die deutsche Mannschaft. Der fünfte Stern? Rothe mag nicht dran glauben: „Halbfinale, wie vor zwei Jahren bei der Europameisterschaft. Mehr nicht.“

Mehr nicht – mit dieser würzigen Ansage ist der DJK-Routinier nicht allein. Er kriegt sogar äußerst prominente Unterstützung: von Heiner Brand, den wir am Montag unverhofft beim Charity-Golfturnier zugunsten der NCL-Stiftung trafen. Der ehemalige Handball-Bundestrainer weiß aus eigener Erfahrung, dass es schwieriger ist, einen Titel zu verteidigen als einen zu gewinnen: „Das wird sehr schwer. Und die Konkurrenz schätze ich auch stärker ein als noch vor vier Jahren.“

Schmunzeln muss Brand angesichts der doch sehr aufwendig inszenierten Kaderpräsentation neulich: „Wer darf mitspielen? Wer muss nach Hause fahren? Nicht leicht, da stets auf dem neuesten Stand zu sein.“

Lokalmatador Rothe, dessen Weltmeister-Tipp übrigens Spanien lautet, findet gar: „Der Fußball dominiert eben alles, darüber beklagen wir Vertreter der sogenannten Randsportarten uns ja oft.“ Wie viele Stunden Gepöhle in den nächsten Wochen im TV gezeigt werden, und wie viele staatstragende Ja-gut-ich-sach-ma-DFB- Pressekonferenzen mit dem Bundes-Jogi – vermutlich will Rothe das gar nicht so genau wissen. Trotzdem mag er Fußball. Zeit, dass sich was dreht? Irgendwie doch.

Findet auch Stephan Maurer: Der Ex-Vorsitzende des TC RW Greven berichtet, dass Trainings- und WM-Zeitplan in den kommenden Wochen gut aufeinander abgestimmt werden müssen: „Wir schauen die Spiele zusammen im Clubheim, da freue ich mich schon wieder drauf.“ Sogar ohne Deutschland als Gewinner – Maurer hofft zwar auf den Pokal für die seit Ewigkeiten als „Turniermannschaft“ gefürchteten Deutschen, forsche Töne stimmt aber auch er nicht an.

Apropos: forsch ja auch das Meet & Greet der Herren Özil und Gündogan unlängst mit Sportsfreund Erdogan. Vielleicht ein Skandal, vielleicht aber auch einfach nur ein bisschen blöd – Rothe beschleicht zumindest so ein Gefühl: „Die Stimmung ist gerade wohl nicht so super bei der Truppe.“

Dann brauchen sie halt einen taktischen Masterplan. 2014 in Brasilien sprachen alle von der „falschen Neun“. Bei der EM 2016 dann kollektive Schnappatmungen, wenn mit einem Pass fünf, acht oder gar weit mehr als 67 Gegenspieler überspielt wurden – wie hieß dieser heiße Scheiß noch mal? Ach ja, die Packing-Rate. Was für dieses Jahr jedenfalls schon klar ist: Holland und Italien haben eine Einpacking-Rate von einhundert Prozent.

Ansonsten aber? Keine hippen Trends in Sicht – sagt einer, der sich richtig auskennt: Marko Rehmer, früherer Bundesligaprofi (Rostock, Hertha, Frankfurt) sowie 35-facher Nationalspieler unter Erich Ribbeck und Rudi Völler. Auch Rehmer war am Montag in Greven Benefiz-Golf zocken – gerne aber auch mit einem Auge in Russland: „Um den Titel zu holen, braucht es ein flexibles System. Der Fußball ist so rasant geworden, da muss man auf Entwicklungen im Spiel blitzschnell reagieren können.“ Ob es dafür auch ein tolles Fachwort gibt? „Glaub‘ nicht“, witzelt Rehmer, bei dem Frankreich, Deutschland und Brasilien ganz oben auf der Favoritenliste stehen. Aber: „Wenn ich wüsste, wer’s macht, hätte ich sicher `ne Wette abgeschlossen.“

Auch in der lokalen Fußballszene herrscht, was – jedenfalls kostenpflichtige – Tipps angeht, noch große Zurückhaltung. „Ganz ehrlich“, erzählt Falke Saerbecks Trainer Holger Althaus, „ich bin da noch nicht so sehr im Thema.“ Früher war nicht nur mehr Lametta, sondern auch mehr Fieber so kurz vor dem ersten Anstoß: „Da war ich deutlich verrückter“, lacht Althaus.

Im Moment gebe es zudem viele Dinge, wegen derer man keinen Bock auf WM haben könne – der Falke-Coach redet da Klartext: „Es ist einfach viel zu viel Kohle im Spiel. Das gefällt mir nicht.“ Vor längerer Zeit hat er sich mal auf Deutschland als Champion festgelegt, erwägt aber, prognosetechnisch noch umzudisponieren: „Am Ende eines solchen Turniers entscheiden ja immer Kleinigkeiten.“ Das von Sportreportern gerade so heiß geliebte „Momentum“. Wer es auf seiner Seite hat – fröhlich verspricht Althaus, sich während seines nahenden Urlaubs Gedanken darüber zu machen.

Und den Rothe? Fragen wir das nächste Mal, wie der dritte Torwart von Saudi-Arabien heißt.

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