Martin Jochheim startete beim 24-Stunden-Lauf
Ein Sieg des Willens

Gronau -

„Eigentlich bin ich ziemlich trainingsfaul“, erzählt Martin Jochheim. Am letzten Wochenende war der 60-jährige Gronauer dennoch 24 Stunden ohne Pause laufend unterwegs.

Samstag, 23.06.2018, 03:00 Uhr

Martin Jochheim nahm erfolgreich am 24-Stunden-Burginsellauf in Delmenhorst teil. Er meisterte 133,923 km.
Martin Jochheim nahm erfolgreich am 24-Stunden-Burginsellauf in Delmenhorst teil. Er meisterte 133,923 km. Foto: gp

Nicht mehr als 17 bis 18 km hat Martin Jochheim in den vergangenen Monaten im Training am Stück gelaufen, außerdem regelmäßig 10 oder 11 km in etwa einer Stunde. Maximal 40 Trainingskilometer kamen so in der Woche zusammen.

Am Samstag um 12 Uhr stand er aber trotzdem mit weiteren 207 Läuferinnen und Läufern in Delmenhorst am Start, um beim 15. Burginsellauf in 24 Stunden auf einem Rundkurs von 1,25 km möglichst viele Kilometer hinter sich zu bringen. Während sich in 53 Teams mehrere Aktive, von denen immer einer auf der Strecke sein musste, diese Aufgabe teilten, war Martin Jochheim wie die anderen 154 Einzelstarter ganz auf sich allein gestellt.

Mehr oder weniger regelmäßig gejoggt hatte Martin Jochheim schon zu Studentenzeiten. Intensiver stieg er 2002 beim Laufen ein, als er in Enschede erstmals einen Halbmarathon absolvierte. Ein Jahr später folgte der erste Marathon in Münster. 2005 bereits entdeckte er aber seine besondere Liebe zum Ultralanglauf. „Ich rege mich schon auf, wenn am Start alle auf die Uhr drücken und nach jedem Kilometer kontrollieren, ob sie noch im Zeitrahmen sind“, bekennt Martin Jochheim.

Anders war es bei der „Georgsmarienhütter Null“. Dort gab es keine Zeitnahme, dort legte man die 50 km möglichst gemeinsam in Gruppen zurück. „Das hat mich gleich begeistert. Dort saß man außerdem am Abend vor dem Lauf gemütlich zusammen, hat ein Bier getrunken und geplaudert. Hier ging es allein um die Ausdauer und das Ankommen.“ Weitere Ultraläufe folgten, darunter der klassische 100 km-Lauf im schweizerischen Biel, der Rennsteiglauf und bisher vier 24-Stunden-Läufe.

Auch wenn es eine Zeitnahme gab, hat Martin Jochheim die Atmosphäre bei diesen Ultralangläufen ganz ähnlich erlebt wie bei der Georgsmarienhütter Null. „Wenn einer zum Beispiel ausrutscht auf einem matschigen Waldweg, bleiben die Mitlaufenden stehen und helfen“, schildert er seine Erfahrungen.

Wie gewohnt war Martin Jochheim schon am Tag vor dem Lauf mit dem Wohnmobil in Delmenhorst angereist. „Dann kann ich schon ein wenig runterkommen“, erläutert er. Am Samstag um 12 Uhr war es aber zunächst mit der Ruhe vorbei. Vor allem die Teams und ihre Fans, aber auch zahlreiche Zuschauer sorgten für mächtig Stimmung an der Strecke, die auch Martin Jochheim immer wieder genießt. „Wenn gerade am Anfang oder in der Endphase ein Song aus dem Lautsprecher erschallt, mit dem man etwas Besonderes verbindet, sorgt das schon für Gänsehautfeeling.“

Mit Temperaturen um die 25° Grad war es zwar ein wenig warm für eine solche Extrembelastung, etwa eineinhalb Stunden Regen kurz nach Einbruch der Dunkelheit sorgten aber für etwas Erfrischung. „Zwar klebte jetzt der Staub in der Kleidung und am Körper, andererseits war aber nicht mehr so viel Dreck in der Luft“, schildert Martin Jochheim seine Erfahrungen.

„Die Nachtstunden bieten auch die Chance, mental runter zu schalten und zur Ruhe zu kommen“, erzählt er weiter. Gleichzeitig konnte der Gronauer in dieser Phase auch einige Plätze gutmachen. Denn während ein Teil der Läuferinnen und Läufer sich hinlegt und ein Nickerchen macht, ist es das Ziel von Martin Jochheim, wirklich 24 Stunden auf den Beinen zu sein. „Einmal habe ich die Schuhe gewechselt, zweimal das Laufshirt. Natürlich bleibt man auch stehen, um zu essen und zu trinken, und plaudert dabei ein wenig“, berichtet er.

Wie viele andere hat er auf einem Campingtisch das Nötigste für die Verpflegung bereitgestellt: Zwei Mars-Riegel, leicht mit Zucker gesüßte Haferflocken, eine Flasche Malzbier, Apfelschorle, Wasser. „Aber eigentlich war die Verpflegung der Veranstalter fantastisch. An einem Bierstand war ein kleines Büfett aufgebaut mit allem, was man sich vorstellen kann: verschiedene Kuchen und Säfte, Kräcker, Cola, Malz- und alkoholfreies Weizenbier, und, und, und …“, hat er ein dickes Lob für die Organisatoren parat.

„Was ich zu mir nehme, entscheide ich spontan. Datteln, Cola, Malzbier, Erdbeeren sind mir diesmal recht gut bekommen.“ Daher kann er der kurzen 1,25 km-Runde durchaus Positives abgewinnen. „So kann ich jederzeit etwas trinken oder essen. Außerdem gibt es auch ein bisschen Sicherheit, wenn jederzeit Helfer in der Nähe sind“, erläutert er. „Vielleicht hätte ich nur etwas mehr Salz zu mir nehmen sollen“, überlegt er, was er beim nächsten Mal noch verbessern kann. Denn recht früh plagten ihn Muskelkrämpfe, sodass er längere Gehpausen einlegte, um in jedem Fall die 24 Stunden durchzuhalten.

Um 12 Uhr am Sonntag war es dann schließlich geschafft. Als die Runden und Meter addiert wurden, kam die Summe von 133,923 km für Martin Jochheim heraus. In der Gesamtwertung der 114 Männer landete er damit auf Platz 23. Als Vierter in der Altersklasse M 60 verfehlte er den Platz auf dem Treppchen zwar knapp, aber selbst in dieser Altersklasse, in der bei anderen Veranstaltungen die Zahl der Starter schon recht gering ist, ließ er noch neun Läufer hinter sich.

Wären mit etwas mehr Training vielleicht noch mehr Kilometer drin gewesen? Für Martin Jochheim stellt sich diese Frage nicht wirklich. „Vielleicht wäre ich mit mehr Training 17. statt 23. geworden. Ich will aber und kann auch beruflich als selbstständiger Apotheker gar nicht wesentlich mehr trainieren. Vor allem will ich mich im Training nicht unter Druck setzen. Am Ende eines solchen Laufes bin ich einfach nur ein bisschen stolz, in 24 Stunden eine Strecke gelaufen zu haben, die viele nicht am Stück auf dem Fahrrad schaffen.“

Und auch auf die Frage, wie man eine solche Leistung überhaupt mit so wenig Training schafft, hat er eine klare Antwort: „Als unsere Vorfahren noch als Jäger unterwegs waren, um das Überleben der Familie zu sichern, konnten sie auch nicht einfach stehen bleiben und sagen: Ich bin jetzt müde. In Extremsituationen können wir Menschen wesentlich mehr aushalten und leisten als wir meinen. So ist letztlich auch ein 24-Stunden-Lauf vor allem eine Frage des Willens, wenn man eine gewisse Grundlagenausdauer besitzt“, lautet sein Fazit.

So wird Martin Jochheim auch in den nächsten Wochen vermutlich wieder seine 10 bis 11 km oder auch mal 17 bis 18 km – allein oder mit Freunden, mal etwas schneller, mal langsamer – laufend zurücklegen und auch am 1. September in Bottrop wieder am Start stehen: dann bei den Deutschen Meisterschaften im 24-Stunden-Lauf.

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