Felix (Fiffi) Gerritzen
Vom Dribbler zum König der Herzen

Münster - Wir haben ihn nie spielen sehen. Wir kannten ihn nur aus dem Radio und der Zeitung. Aber wir alle – Jugendkicker aus einer holsteinischen Kleinstadt – wollten so schnell wie „Fiffi“ Gerritzen an der Außenlinie nach vorne stürmen – wir glaubten fest an die Mär, dass er mit dem Ball am Fuß die 100 m in unter 11,0 schaffte.

Montag, 17.02.2014, 14:02 Uhr

Wie er wollten wir Traumpässe hineingeben und aus den unmöglichsten Winkeln Tore erzielen. Wir haderten mit Sepp Herberger , dass er die Süddeutschen bevorzugte und „Fiffi“ so selten aufstellte. Für uns war der schnelle Preußen-Stürmer schon damals ein Denkmal.“

Dies ist ein Zitat von Prof. Hans Langenfeld, emeritierter Ordinarius für Sportgeschichte und Sportpädagogik der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster . Es zeigt eindrucksvoll und überzeugend die Ausstrahlung, die Felix , genannt Fiffi, in den frühen 1950er Jahren als Fußballer besaß. Seine Ausstrahlung ging weit über Westfalen, über die Oberliga West hinaus. Sie erfasste die junge Bundesrepublik und sogar das benachbarte Ausland.

Das Jahr 1951 war Fiffis erfolgreichstes Jahr als aktiver Fußballer, Deutscher Vizemeister mit Preußen Münster , Rechtsaußen im Hunderttausendmarksturm, Berufung durch Sepp Herberger in die A-Nationalelf zum Spiel gegen die Schweiz am 15. April in Zürich, Torschütze zum 2:1. Das Spiel wird 3:2 gewonnen. Die beiden anderen Tore schossen Fritz und Otmar Walter.

Fiffi Gerritzen wurde von namhaften anderen Vereinen umworben, vom 1. FC Nürnberg oder Werder Bremen und vom AC/FC Turin. 80 000 Mark soll dieser geboten haben. In einem Brief von einem gewissen Gustavo Beretton, wohnhaft in München, datiert vom 28. Mai 1951, den ich einsehen konnte, ist nur davon die Rede, dass Philipp, nicht Felix, Gerritzen doch Kontakt aufnehmen möge. Philip, sprich Felix, antwortete nicht und blieb bei den Preußen in Münster, blieb in Westfalen.

In Herbergers Notizbuch

Fiffi gehörte zum Kreis der großen Fußballspieler der frühen Nachkriegszeit. Bereits zum ersten DFB-Lehrgang nach dem 2. Weltkrieg wurde er eingeladen, viermal spielte er in der A-Nationalelf, viermal in der B-Nationalelf, mehrfach in den Auswahlmannschaften der Regionalverbände Nord respektive West. Diese Spiele hatten in der unmittelbaren Nachkriegszeit fast den Charakter von Länderspielen. Sie wurden mit großem Presseaufwand begleitet und fanden eine große Zuschauerresonanz, bis zu 40 000 pilgerten dazu in die Stadien. Fiffi stand in Herbergers Notizbuch. Alles spricht dafür, dass er zum Aufgebot für die Fußballweltmeisterschaft 1954 gehört hätte, wenn nicht eine langwierige Knieverletzung, Kapsel- und Bänderriss, diesen Traum zerstört hätte. Aber nun der Reihe nach.

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Fiffi Gerritzen (r.) 1951 am Kaffeetisch mit Fußball-Legende und Ehrenspielführer Fritz Walter.

Felix Gerritzen wurde am 6. Februar 1927 in Oldenburg (Oldenburg) geboren, wuchs dort auf und begann beim VfB Oldenburg seine Fußballkarriere im Alter von neun Jahren. Mit 16 Jahren spielte „Fiffi“ zum ersten Mal in der Ersten des VfB und – wir schreiben das Jahr 1943 – wurde zum Wehrdienst eingezogen. Er ging zu den Fallschirmspringern und wurde in Stendal ausgebildet. Nach sechs Übungssprüngen, so die schriftliche Quelle, ging es bereits an die Front. Er machte seinen ersten Sprung über Breslau und wurde sogleich, 1944, von den Russen gefangen genommen, mit 17 Jahren. In der Gefangenschaft hatte er „großes Glück“, so sagte er einmal selbst. Eine jüdische Lagerärztin machte ihn zum „Mädchen für alles“. Dass seine Gefangenschaft dennoch kein Zuckerschlecken war, kann man sich leicht vorstellen. Fiffi erkrankte an einem Zahngeschwür, und die Lagerärztin sorgte 1946 für seine vorzeitige Entlassung. Dennoch, die Gefangenschaft hinterließ körperliche wie charakterliche Spuren.

Fiffi wechselte 1950 vom VfB Oldenburg zu Preußen Münster. Einen gewissen Einfluss auf diese Entscheidung für die Preußen hatte wohl sein Vater, ein gebürtiger Münsteraner, der gesagt haben soll, Münster sei eine schöne Stadt. Um diesen Wechsel ranken sich zudem Gerüchte und Spekulationen, die mit den Umständen der Zeit und dem münsterischen Bauunternehmer Josef Oevermann zu tun haben.

Anfänge des Berufsfußball in der Nachkriegszeit

Führen wir uns kurz die Umstände der Zeit, die wirtschaftliche, soziale und kulturelle Lage vor Augen: 1948 wurde die Währungsreform durchgeführt, die Aufbaujahre begannen; die Städte lagen in Schutt und Asche, insbesondere die Ruhrgebietsstädte und Münster als bedeutender Wehrmachtstandort; es herrschte Hunger, Armut und Wohnungsnot; viele Männer waren gefallen oder in Gefangenschaft; viele junge Männer kamen ohne Berufsausbildung aus der Gefangenschaft; 1949 wurde – etwa zeitgleich zur Gründung der Bundesrepublik - vom DFB das Vertragsspielerstatut eingeführt, das heisst es begann eine vorsichtige Hinwendung zum Berufsfußball.

Der Fußball war in der frühen Nachkriegszeit für die große Mehrheit der Deutschen das Lebenselixier. Hier setzte Josef Oevermann ein. In jungen Jahren spielte er selbst bei den Preußen, jetzt, 1950, war er der Obmann der 1. Mannschaft und deren Mäzen zugleich. Die Preußen sollten zu einer ersten Adresse im deutschen Fußball werden. Er ging, um es im heutigen Sprachgebrauch auszudrücken, auf Einkaufstour, aber mit den Mitteln, die in der jungen Bundesrepublik wirtschaftlich wie fußballrechtlich möglich waren.

Er offerierte den Spielern Arbeitsmöglichkeiten und Wohnungen. Felix Gerritzen, der eine Dekorateur-Lehre absolviert hatte, begann in Münster als Kraftfahrer, zunächst für ein Einzelhandelsgeschäft, dann für die Provinzialversicherung als Cheffahrer. Über 20 Jahre chauffierte er deren Vorstandsmitglieder quer durch die Republik, wechselte dann in die Werbeabteilung und stieg zum Chefdekorateur auf.

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Fiffi Gerritzens Ehefrau Helga und der langjährige Fußball-Profi Christoph Metzelder präsentierten dieses historische Foto im Oktober 2013 bei der Feier zur Aufnahme Gerritzens in die Westfälische Ehrengalerie. Es zeigt den Preußen-Münster-Stürmer im Nationaltrikot (Foto: Jürgen Peperhowe).

"Erfinder" des Doppelpasses

Nun also 1950 lotste Josef Oevermann mit Alfred (Adi) Preißler, Rudi Schulz und Fiffi Gerritzen drei exzellente Spieler und Stürmer zu den Preußen. Die Saison 1950/51 wurde die erfolgreichste in der Preußen-Münster-Geschichte mit dem Gewinn der Vizemeisterschaft. Und sie war die erfolgreichste Saison für Fiffi, obwohl er 1955 Torschützenkönig der Oberliga West wurde. Jetzt entstand die Legende vom Hunderttausend-Mark-Sturm in der Besetzung Gerritzen, Preißler, Schulz, Rachuba und Lammers.

Fiffi Gerritzen und Adi Preißler werden bis heute als Erfinder des Doppelpasses gerühmt, ob zu Recht sei dahingestellt. Zudem gilt Fiffi, sagen wir in Deutschland, als Erfinder des Fallrückziehers mit Scherenschlag, den er in einem Sandkasten eifrig geübte hätte, sagte er später. Unbestritten war seine Schnelligkeit mit dem Ball, seine sichere Ballbehandlung, seine angeschnittenen Ecken, seine Spielfreude und Fußballleidenschaft.

Fiffi spielte noch die Saison 1957/58 bei den Preußen. In 166 Spielen schoss er für seine Preußen 83 Tore. Er wechselte dann zu Saxonia Münster, spielte in der Landesliga, nie gänzlich frei von Kniebeschwerden. Später trainierte er einige Zeit die erste Mannschaft von Blau Weiß Aasee, wo vier seiner Söhne spielten. Er ließ nie ganz das Fußballspielen sein, so z. B. in der NDR-Prominentenelf oder in einer prominenten Ärztemannschaft aus Münster.

Aktivitäten nach der aktiven Spielerlaufbahn

Mit dem Fußball blieb er zeit seines Lebens verbunden als aufmerksamer Begleiter seiner Preußen ebenso wie des aktuellen Fußballgeschehens. Er griff auch zur Feder und schrieb Fußball-Kolumnen für die Münstersche Sonntagszeitung. Das sind kurze, knappe Text, ohne Schnörkel und Haken, ohne verbale Dribblings mit einer klaren Meinung zum aktuellen Fußballgeschehen, zum Beispiel zu den Preußen, zu Joachim Löw und zur Nationalelf, zu Uli Hoeneß, zu Theo Zwanziger, zu den Fans.

Dieses unentgeltliche, freiwillige Arbeiten für andere hatte er schon 1954, also in seiner aktiven Fußballerzeit, begonnen. Neben seiner täglichen Erwerbsarbeit und dem grünen Rasen hatte er ein weiteres Spielfeld betreten, das des handwerklich-künstlerischen, kreativen Schaffens zu seinem eigenen Vergnügen und zur uneigennützigen Hilfe, Unterstützung und Freude für andere.

Der Autor

Prof. Dr. Dieter H. Jütting ist Vorsitzender des „Fördervereins Münsteraner Sportwissenschaft“. Der Artikel ist eine gekürzte Fassung der Laudatio auf Felix „Fiffi“ Gerritzen zur Aufnahme in die Westfälische Ehrengalerie am 14. Oktober 2013.

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Eines seiner ersten Projekte war die Anfertigung eines sogenannten Knusper- oder Hexenhauses, ein Lebkuchenhaus von beachtlichem Ausmaß (1.20 x 0,80 Meter), das in der Caféteria der Provinzial-Versicherung in der Vorweihnachtszeit zu bestaunen war. Kurz vor Weihnachten wurde die süße Leckerei dann zum Waisenhaus Vinzenz­werk in Münster-Handorf gebracht. Die Kinder freuten sich über das Naschwerk, Fiffi freute sich über die leuchtenden Kinderaugen. Über 50 Mal fertigte er dieses essbare Kunstwerk an, in den letzten Lebensjahren unterstützt von seinem Sohn André.

In dieses Muster seines Engagements gehörte auch, dass er viele Jahre Weihnachtsgestecke für alte Leute mit kleinem Einkommen bastelte, für Kirchengemeinden Kruzifixe, Wegekreuze, Heiligenfiguren oder Bänke und dergleichen restaurierte. An der Werse hatte er ein Bootshaus gepachtet und zu einem Atelier ausgebaut. Fiffi half, wo er konnte und nahm kein Geld. Fiffi machte seinem Vornamen, Felix, der Glückliche, alle Ehre. Er war ein heiterer, froher, freundlicher und hilfsbereiter Mensch zu jedermann,

Felix Gerritzen starb am 3. Juli 2007, 80 Jahre alt, in Münster. Unter großer Anteilnahme der Bevölkerung, über 500 Trauernde begleiteten ihn auf seinem letzten Weg. Er wurde auf dem Mauritzfriedhof in Münster begraben.

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