Erstes Training in Watutinki
Ein bisschen Show, ein bisschen Gündogan

Moskau -

Wenn ein Nationalspieler auf die Idee kommen würde, sich vor die vier Meter hohe grüne Mauer zu begeben, die das Hotel-Resort Watutinki umgibt, dann würden er vermutlich ganz schnell in den tristen Alltag einer Moskauer Vorstadt abtauchen. Gewaltige Wohnkomplexe, unfassbar viele Baustellen, marode Straßen – alles andere als Reichtum. Dieser Kiez rund um die Wohlfühloase zeichnet einen unfassbaren Gegensatz zum Hier und Jetzt der Elitekicker.

Mittwoch, 13.06.2018, 20:32 Uhr

Erste Trainingseinheit in Watutinki mit Marco Reus, Mesut Özil und Ilkay Gündogan (von links).
Erste Trainingseinheit in Watutinki mit Marco Reus, Mesut Özil und Ilkay Gündogan (von links). Foto: dpa

Nun gut, die DFB-Auswahl ist nicht zum Urlaub oder Sightseeing in Russland. Aber die Unterschiede des Lebens zwischen Hotel und dem, was man auf den vielleicht acht Minuten Busfahrt zum Trainingscamp von ZSKA Moskau sehen kann, sind gewaltig, als ob man durch zwei unterschiedliche Galaxien fährt. Da ist der Brennpunkt Wedding in Berlin, dem sich Abwehrspieler Jerome Boateng von Geburt an zugehörig fühlt, eine durch und durch heile Welt.

Heile Welt wollte auch der DFB beim ersten offiziellen Training der Mannschaft von Bundestrainer Joachim Löw zumindest ein wenig erzeugen. Der sogenannte Stand der ZSKA-Trainingsarena, eine für vielleicht 500 Menschen gedachte Sitztribüne, wurde mittig gleich mal für die Kids der deutschen Schule Moskau gesperrt. Es sollte etwas Stimmung aufkommen, die Kinder kreischten ab und an wie auf Kommando, später gab es Autogramme, das durfte nur keine trostlose Übungsstunde vor Journalisten werden. „KC an the Sunshine Band“ brachte zusätzlichen Schwung. „That’s the way, aha, aha, I like it“. Übersetzt heißt der Dancefloor ungefähr: „So geht’s, so mag ich’s.“ Was für eine Zuspitzung, damit ging es auf den Rasen.

Eine halbe Stunde musste man zuvor warten, ehe etwas auf dem Spielfeld passierte, das Showtraining begann. Vorher betätigten sich die Akteure in einer Art Festzelt auf dem Ergometer oder schoben ein paar Gewichte, ließen sich tapen oder behandeln. Erst dann kam der Ball ins Spiel.

Dramatik? Brutal intensive Einheit? Zumindest läuteten die knapp 60 Minuten mit Spielgerät die letzte Phase der Präparation auf die sonntägliche Partie gegen Auftaktgegner Mexiko ein.

Und da passierte etwas Außergewöhnliches, weil ausgerechnet der zuletzt in Leverkusen von den eigenen Fans ausgebuhte Ilkay Gündogan das allererste Tor schoss. Nun gut, ein Trainingsspiel, mehr nicht. Doch der 26-Jährige ballerte den Ball so dramatisch in die Maschen, als ob er jeden Ballast der „Erdogan-Affäre“ ein für alle Mal abwerfen wollte. Auffällig agil bewegte sich der Starspieler von Manchester City in diesem Mini-Wettstreit der Eleven untereinander. Auch das zweite Tor ging auf Gündogans Kappe im roten Trainingsleibchen, allerdings gab es keinerlei mutige Zweikampf-Tacklings der anderen zu sehen. Das war nett.

Löw hatte drei Mannschaften benannt bei einer dieser raren öffentlichen Aufführungen. Jedes Team sollte sieben Feldspieler haben, die Rechnung ging nicht auf. Das WM-Aufgebot mit seinen 20 Feldspielern führte zur Unterbesetzung einer Auswahl, weil dieses Team faktisch nur sechs Akteure hatte. Einer musste mehr machen, so etwas wie Überminuten schieben: Mesut Özil. Rücken- und Kniebeschwerden, die noch zur Absage der Testpartie gegen Saudi-Arabien (2:1) geführt hatten, waren so kurz vor dem Turnierstart verschwunden. Der zweite Buhmann der „Erdogan-Affäre“ ist fit. Immerhin eine zweite positive Kunde.

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