Mi., 17.04.2013

Serie "Neonazis im Fußball" Fanprojekte wollen die Entstehung rechter Gesinnung bei Jugendlichen verhindern

München - 

Andrea Sailer steht am Eingangstor der Gedenkstätte Dachau. Im einstigen Konzentrationslager, nordwestlich von München gelegen, waren 200 000 Menschen inhaftiert gewesen, mehr als 41 000 starben. Andrea Sailer leitet das Fanprojekt München, an diesem Morgen führt sie Fans des 1. FC Köln durch die Gedenkstätte.

Von Ronny Blaschke

Die Jugendlichen hatten am Vorabend das Auswärtsspiel ihres Vereins beim TSV 1860 München verfolgt. Einige Jugendliche haben bis in die Nacht gefeiert, doch nun hören sie Andrea Sailer zu.

In jedem Stadion verfolgen auch Neonazis und Rassisten den Fußball. So lange sie unauffällig bleiben, können die Vereine sie nicht ausschließen. Und selbst wenn: ihre Gesinnung wäre nicht verschwunden. Andrea Sailer und ihre Kollegen in den fünfzig Fanprojekten hierzulande verfolgen eine andere Strategie: Sie nutzen den Fußball, um Fans für die Jugendhilfe zu gewinnen. In der Hoffnung, dass rechtsextreme Einstellungen gar nicht erst entstehen.

Fußballfans in Holocaust-Gedenkstätte

Andrea Sailer hat Lehramt studiert. In der Versöhnungskirche Dachau fand sie Partner und lernte Holocaust-Überlebende kennen. Seit fünf Jahren führt sie Fußballfans durch die Gedenkstätte. Sie erklärt Dokumente, führt durch Einzelzellen. Mit den Kölnern steht sie nun in einer Schlafbaracke, mit dem Zeigefinger deutet sie auf den ehemaligen Appellplatz, wo auch Fußball gespielt wurde. „Einige Häftlinge mussten gegen Wachleute der SS spielen“, sagt sie. „Wie hättet Ihr euch wohl in dieser Situation verhalten?“ Die Jugendlichen grübeln, diskutieren. „Wir hätten absichtlich verloren“, sagt einer.

"

Einige Häftlinge mussten gegen Wachleute der SS spielen.

Andrea Sailer

"

Die Fanprojekte werden zu einem Drittel durch den DFB oder die DFL finanziert, sowie durch das Bundesland und die Kommune. Der angestrebte Jahresetat eines Projekts liegt bei 180 000 Euro. Diesen Mindeststandard weisen aber nur fünf von fünfzig Projekten auf. „Zuletzt sind 25 Mitarbeiter ausgeschieden“, sagt Michael Gabriel, Leiter der Koordinationsstelle Fanprojekte in Frankfurt. Rund 100 Millionen kosten Polizeieinsätze im Fußball pro Saison – davon ließe sich soziale Fanarbeit fast 13 Jahre lang finanzieren.

Die Kölner Gäste in der Gedenkstätte Dachau sind in der Mehrheit nicht volljährig, viele stammen aus sozial benachteiligten Familien. Die Betreuer hatten auf der Busfahrt Fragebögen verteilt, um das Vorwissen zu testen. „Oft ist wenig Hintergrund vorhanden“, sagt Andrea Sailer. Inzwischen ist der Geschichtsunterricht ein fester Bestandteil der Fanprojekte. Die Pädagogen reisen mit ihren Fans nach Auschwitz oder Buchenwald. Anhänger, die sich wegen ihrer Vereinsliebe vernetzen, werden gegen Rassismus sensibilisiert.

Ursprung der Fanprojekte in Bremen

Eine Gruppe von Wissenschaftlern hatte 1981 den Anfang gemacht, ihr erstes Fanprojekt in Bremen setzte Standards. Vor dem Pokalspiel des Hamburger SV gegen Bremen am 16. Oktober 1982 geriet der 16-jährige Werder-Fan Adrian Maleika in einen Hinterhalt. Er wurde von einem Stein eines Hamburger Hooligans getroffen, am Tag darauf starb er.

Als Reaktion wurde auch in Hamburg ein Fanprojekt gegründet. Im März 1991 randalierten Dresdner Fans beim Europapokalspiel gegen Roter Stern Belgrad, die Partie musste abgebrochen werden. Infolgedessen brachten die Innenminister flächendeckend Fanprojekte auf den Weg.

Andrea Sailer ist es wichtig, die Eindrücke aus der Gedenkstätte in die Lebenswirklichkeit der Jugendlichen zu übersetzen. Die Pädagogen müssen Nähe suchen und Distanz wahren. „Es ist klar, dass Jugendarbeit nicht für Menschen mit einer verfestigten neonazistischen Ideologie ausgelegt ist“, sagt Michael Gabriel.

Leserkommentare

Google-Anzeigen

Mehr zum Thema

karriere.ms Anzeigen

Ihr Jobportal für unbefristete und befristete Stellenangebote aus dem Münsterland

Anzeige


http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/1610414?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F3661143%2F203%2F1740806%2F1740807%2F