Di., 26.04.2016

Olympia 2016 in Rio Armut, Gewalt, Kriminalität – der traurige Alltag der Favelas

Inbegriff der Armut: Rund 1000 Favelas soll es in und um Rio geben, bewohnt von etwa drei bis fünf Millionen Menschen.

Inbegriff der Armut: Rund 1000 Favelas soll es in und um Rio geben, bewohnt von etwa drei bis fünf Millionen Menschen.

Rio de Janeiro - 

Nur noch drei Monate bis zu den Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro. Zum ersten Mal wurden die Sommerspiele in ein lateinamerikanisches Land vergeben. Brasilien putzt sich heraus. Unser Redaktionsmitglied Jürgen Beckgerd besucht das Land und schildert den Stand der Vorbereitung – aber auch die gravierenden sozialen Probleme.

Von Jürgen Beckgerd

Der Name passt wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge: „Lava Jato“ steht auf dem Plakat über einer heruntergekommenen Autowaschanlage. „Lava Jato“ bezeichnen die Carioca, die Einwohner Rios , auch den Schmiergeldskandal, der Brasilien zurzeit in eine fulminante Staatskrise geführt hat. Die Waschanlage ist die vorerst letzte konsumorientierte Station auf dem Weg hoch hinaus in den „Complexo do Campigno“, in eine der riesigen Favelas Rios. Rund 60 000 Menschen leben hier im Norden der Stadt – keiner weiß, wie viele es tatsächlich sind: die Wohnungen wurden illegal gebaut, kaum eine ist fertiggestellt, hier fehlen Fenster, dort reicht das zumeist aus Bitumenplatten gedeckte Dach nicht immer bis auf die aus rohen Leichtbetonsteinen errichteten Grundmauern. Provisorisch ist das, und das ist noch gestrunzt, was sich die Menschen hier geleistet haben. Die, die sich nichts leisten können.

Die Favela ist nicht „befriedet“, wie es im Jargon heißt. Ein nahezu rechtsfreier Raum, in dem Gewalt mitunter das einzige Regulative ist. Drogenbosse beherrschen das Terrain, Banden üben hier ihre Macht aus. Armut, Verwahrlosung, Perspektivlosigkeit: Das ganze Elend Rios wird hier greifbar. Vor drei Wochen starb ein Junge hier bei einer Schießerei durch einen Querschläger. Und Schießereien sind keine Seltenheit. Gefährlich wirkt es in der Sommerhitze dennoch nicht, aber bedrückend.

Olympia-Special

Brasilien putzt sich heraus. Unser Redaktionsmitglied Jürgen Beckgerd besucht das Land und schildert in einem Olympia-Special den Stand der Vorbereitung.

Es ist heiß, immer heißer, je höher man hinaufgeht. Der Blick von hier oben auf die Stadt entschädigt nicht. Die Nähe des Meeres ist herzlich egal, auch die Gewissheit, dass die Strände von Ipanema und die Copacabana gar nicht weit weg sind. Manchmal werden die Gassen enger und enger. Manche Viertel haben genau einen Eingang – und einen Ausgang. Schwer zu kontrollieren, wenn es denn jemand wagt. Es sind manchmal „No-go-Areas“ . Die Spezial-Polizei hat hier keinen guten Ruf. Es heißt, sie schieße schnell – manchmal schneller als die Dealer, die Kriminellen oder eben nur die Verfolgten. Der Staat hat in manchen Gegenden hier sein Gewaltmonopol verloren. Rund 1000 Favelas soll es in und um Rio geben, bewohnt von etwa drei bis fünf Millionen Menschen.

„Ich hoffe, dass sich dann etwas ändert.“ Was? „Alles“.

Genaina de Cavalho ist eine von ihnen. Sechs Mädchen, sieben Jungen hat sie zur Welt gebracht, erzählt sie. Vielfache Großmutter ist sie, ihre Kinder und Kindeskinder wohnen in der Umgebung. „Da hinten, und da auch“, sagt sie und zeigt in diese und jene Richtung. Zwei übereinandergestapelte volle Zementsäcke dienen als Tisch in dem winzigen Raum vor der schäbigen Küche. Die Wände ihres Hauses sind unverputzt. Die Dame lächelt, als sie erzählt. Das Abwasser läuft direkt vor dem Eingang als dünnes Rinnsal. Es riecht streng. Der Müll wird vor den Türen entsorgt. Manchmal türmen sich Sammelstellen auf: Berge von gefüllten Plastiksäcken liegen herum. Ein paarmal die Woche wird abgeholt, was vom Nichts noch übriggeblieben ist.

„Rio bewegt uns“

Die Kampagne „ Rio bewegt uns“ setzt sich dafür ein, dass es bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro auch außerhalb der Stadien Gewinner gibt. Im Rahmen der Kampagne werden soziale Projekte in und um die brasilianische Metropole unterstützt. Zum Aktionsbündnis gehören 18 Organisationen, darunter beispielsweise Adveniat, das bischöfliche Hilfswerk Misereor, die DJK-Sportjugend und der Deutsche Olympische Sportbund DOSB.

Carla do Santos wohnt mit ihrem Mann und den vier Kindern einige Meter höher in der Gluthitze. Ein Doppelstockbett weist den Wohnraum auch als Schlafzimmer aus. Eine Energiesparbirne bringt ein wenig Licht in das fensterlose, schätzungsweise sechs Quadratmeter große Zimmer. Die Matratzen sind mit Plastikfolien geschützt, als gäbe es etwas zu schützen. Die 32-Jährige sagt, früher war es schlimmer. Von der Fußball-Weltmeisterschaft, die ihren Glanz vor zwei Jahren auf die Stadt warf, hat sie nichts mitbekommen. Dass die Olympischen Spiele bald „unten“ stattfinden? „Ich hoffe, dass sich dann etwas ändert.“ Was? „Alles“.

Zumindest die Hoffnung darauf ruht am Fuße der Favela. Im „Pastoral do Menor“, einer kirchlichen Sozialstation, gefördert von der Aktion „Rio bewegt uns“, die auch von deutschen Organisationen wie Misereor und Adveniat unterstützt wird, kümmern sich Leute um die Unschuldigen. Kinder und Jugendliche erhalten manchmal Berufsseminare, wenn sie denn zur Schule gehen, was freilich ganz selten der Fall ist. Was wichtiger ist: Hier können sie unbeschwert sein, spielen Ball oder tanzen ausgelassen. Mädchen, Jungen, verstehen sich prächtig, sind gut zueinander, ehe es am späten Nachmittag wieder nach oben geht und der armselige Alltag sich ihrer bemächtigt.

„Kinder sind die Allerletzten der Letzten“

Maria Cristina Sá hat die Station vor 32 Jahren hier gegründet. Viele, die hierher kommen, können weder lesen noch schreiben. „Es geht mir immer noch sehr nahe“, sagt sie und meint „Kinder sind die Allerletzten der Letzten. Sie können nichts dafür“. Dass die Regierung die Strafmündigkeit auf 16 (bislang 18) Jahre herabsetzen will: „Ein Skandal“. Im Gefängnis seien die jungen Menschen verloren.

„49 Prozent der Delikte der Jugendlichen bestehen aus Diebstahl, 34 Prozent aus Drogenhandel und sechs Prozent aus – zumeist von den Kartellen initiierten oder angeordneten – Mord und Totschlag“ erklärt Maria Cristina Sá. Die Strafmündigkeit herabzusetzen sei nicht richtig. Resozialisierung? Der Besuchsdienst in den Gefängnissen wird ebenfalls vom „Pastoral do Menor“ organisiert. Rund 50 Freiwillige erledigen das. Gegen Geld? „Sie bekommen das Busticket von uns“.

200 Plätze gibt es in der Sozialstation. Zu wenig. Es wird gelost, wer rein darf. „Man muss den Kindern ein Angebot machen“, erklärt die Leiterin der Station, Claudia Soarez de Souza. Sie weiß genau, dass das alleine nicht reicht.

Lachen über die „Befriedungspolizei“

Auf der anderen Seite des Berges habe das „Kommando Cermelho“ das Sagen und weite seinen kriminellen Einfluss auch auf diese Favela aus. Nicht ohne Gegenwehr. „Territorialkämpfe“ nennt Soarez de Souza das. Immerhin wird die Sozialstation immer öfter gewarnt, wenn sich Übergriffe andeuten.

Und die „Befriedungspolizei“, die immerhin schon rund 40 von den rund 1000 „unter Kontrolle“ gebracht hat? „Wir lachen darüber. Wir geben uns der Illusion nicht hin, dass die das Problem alleine lösen. Da muss man tiefer gehen“, sagt Maria Cristina Sá und ballt die Faust. Sie ist energisch in ihrem Kampf. Immerhin. Von ihren Sorgen, von der Not und dem Elend werden die anderen nichts mitbekommen. Die, die in 100 Tagen das Olympische Feuer im Stadion Maracaná entzünden werden. Ganz unten in Rio. Die da oben sieht man dann nicht.

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