Do., 26.04.2012

Interview mit dem Sportwissenschaftler Harald Lange über Fan-Kultur „Gewalt nicht größer, aber einzigartiger“

Interview mit dem Sportwissenschaftler Harald Lange über Fan-Kultur : „Gewalt nicht größer, aber einzigartiger“

Foto: dpa

Münster - 

Kein Widerspruch: Der Terminus „Fankultur“ sei „Kampfbegriff, Totschlag-Argument und Herzensangelegenheit“ zugleich, schrieb die „Zeit“. Dennoch: Die Meinungen gehen auseinander, Themen wie „Fan“ und „Fangewalt“ sind kaum exakt zu definieren. Einer, der sich dessen wissenschaftlich annimmt, ist Harald Lange. Der Professor an der Uni Würzburg hat gemeinsam mit anderen Sportwissenschaftlern, Soziologen, Politologen und Kriminologen das Institut für Fankultur gegründet. Das Interview mit ihm führte unser Redakteur Jürgen Beckgerd.

Von Jürgen Beckgerd

Herr Professor Lange , Sie sprachen anlässlich der Gründung Ihres Instituts von verschiedenen Ausprägungen und Positionen der Fan-Szene. Können Sie das ein wenig konkretisieren?  

Harald Lange: Wir haben den Ausdruck Fan-Kultur ganz bewusst gewählt, die ja sehr facettenreich ist. Da gibt es unterschiedliche Strukturen, Subkulturen. Oft wird die Fan-Szene reduziert auf Gruppen, die etwas ausgefressen haben. Das aber wird der Fan-Kultur nicht gerecht. Da gibt es Vater und Sohn, die zusammen zum Fußball gehen, Familien, die Traditionalisten, auch Ultra- und auch gewaltbereite Gruppen. – Übrigens die mit Abstand kleinsten Gruppen.

Zugleich beschreiben Sie Veränderungen in den Szenen. Welche sind das?  

Lange: Ja, da ist in der Tat etwas in Bewegung. Schauen Sie sich mal die neuen Kneipen-Szenen – begünstigt durch die TV-Übertragungen durch Bezahlsender – an. Da haben Sie die Fan-Rituale, die man aus den Stadien kennt, inklusive. Da gibt es Ähnlichkeiten zu Großbritannien , wo sich viele Fans den Eintritt ins Stadion nicht mehr leisten können und in die Kneipen wechseln. Das ist ambivalent: Fan-Meilen, Fan-Kultur und TV – das alles ist in Bewegung...

...wie die Gesellschaft, die die Fans hervorbringt?

Lange: Genau. Fußball ist ja in der Mitte der Gesellschaft angekommen, ist sozusagen gesellschaftsfähig geworden und zieht die unterschiedlichsten Menschen an. Fußball ist doch auch ein Spiegel der Gesellschaft inklusive der Alltagspsychologie: Fußball ist Treffpunkt verschiedener Gruppen, eine Riesenchance der Kommunikation. Jeder kennt sich aus.

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Harald Lange

Das ist ja noch lange kein Grund für zunehmende Gewalt. Anders gefragt: Hat sich – oder wird – die Szene objektiv gesehen stärker kriminalisiert oder sind das nur subjektive Wahrnehmungen?

Lange: Das ist leider nicht pauschal zu beantworten, es gibt da keine verlässlichen Daten. Fest steht: Die Darstellung von Einzelfällen ist haarsträubend. Statistisch ist die Anzahl von Gewalttaten im Stadion eher rückläufig. Fan-Gewalt, von der wir hier sprechen, ist nicht größer geworden, aber einzigartiger. Wir sprechen nun auch von Stalking , da werden sogar Fan-Busse angegriffen. Wir nennen das ’Ausweitung der Bedeutungsannahme’: Gibt es mehr Gewalt oder nicht? Wir arbeiten da an zwei Forschungsprojekten zum Thema Jugend und Gewalt. Und da sind die Fallzahlen andere als die Wahrnehmung.

Ist es korrekt, von einem Gewalt-Phänomen im Sinne des unerklärlichen, ungewöhnlichen Erscheinungsbildes zu sprechen?

Lange: In den Stadien befinden sich viele Menschen auf engstem Raum. Da kann, muss aber nichts passieren. Da kommen eine starke Verbundenheit unter den Fans und eine sehr große Leidenschaft zusammen. Da werden dann auch Grenzen verschoben...

... auch zu nicht akzeptablen Gewaltausbrüchen?

Lange: Lassen Sie uns beim Kulturbegriff bleiben. Es ist ja so, dass sich eine Kultur von innen heraus ändert, man sich achtet und gegenseitig reglementiert. Zu Hooligan-Zeiten traf man auf eine Art vorbereitete Gewalt. Heutzutage passiert´s einfach. Gewalt, die sich im Übrigen nicht nur in fliegenden Fäusten äußert. Sie ist ja auch verbal in Gesängen und Verhöhnungen der Gegner präsent. Nirgendwo würde so etwas toleriert. Nur im Stadion passiert’s? Wir müssen uns doch fragen: Wollen wir das?

Welche Rolle spielen denn die sogenannten Ultra-Gruppen in der aktuellen Gewaltdiskussion?

Lange: Auf jeden Fall sind sie in den vergangenen Wochen in das mediale Zentrum gerückt worden. Ultras sind in der Regel sehr gut organisiert und sie verfolgen mit ihren Supports und Choreografien andere Ziele als die übrigen Fans. Gewalt findet da eher am Rande statt. Die Ultras wollen vielmehr provozieren und es ist zunächst einmal nicht deren Ziel, Rabatz zu machen... 

...aber?

Lange: Sie haben andere Formen der Provokation gefunden. Die Jugendlichen finden hier Möglichkeiten der Opposition zu den Erwachsenen. Klar, dabei werden Grenzen gesucht und auch überschritten. Sie finden in der Gruppe Heimat und Zugehörigkeit.

Es scheint, als stünden Ordnungskräfte dem Gewalt-Phänomen rat- und machtlos gegenüber. Was bringen Stadionverbote?

Lange: Ein in der Pädagogik eigentlich gutes Mittel. Schwierig wird es, wenn derjenige, den es betrifft, es nicht versteht. Dann organisiert sich eine Opposition, Feindbilder werden geschaffen. Immer, wenn Fan-Gruppen pauschalen Verboten unterliegen – die meisten haben ja nichts damit zu tun – werden sie oppositionell gegen diejenigen, die die Verbote aussprechen.

Moment mal, soll man dann auf Strafen und Verbote verzichten?

Lange: Nein, man muss aber vorsichtig sein. Und man muss sich Zeit nehmen, um mehr über die Dynamik der Fankulturen zu erfahren. Wichtig, dass man mit den Gruppen in Kontakt bleibt, mit ihnen kommuniziert.

Warum sind diese als sehr gefährlich eingestuften Pyrotechniken eigentlich so wichtig für einige Fans?

Lange: Pyros sind zu Symbolen geworden, sie sehen gewaltig aus, und das passt phänomenologisch zu den Choreografien und anderen Darstellungen. Die Fan-Devise lautet: „Es ist ein Konflikt, ja, aber es ist unser Zeichen.“

Befürchten Sie nachhaltigen Schaden für den Fußball. – 2006 beim Sommermärchen war Gewalt doch schon fast obsolet?

Lange: Das muss man abhängig von Umfang und Qualität der Gewalt beurteilen. Fest steht: Es müssen um des Fußballs willen Konflikte gelöst werden, damit niemand Angst haben muss, stigmatisiert zu werden oder überhaupt ins Stadion zu gehen.

Und schon werden wieder Rufe nach einem verschärften Strafrecht gegenüber Stadion-Gewalttätern laut. Sind härtere Strafen probate Mittel?

Lange: Unsere Strafenkataloge sind ausgeprägt genug. Restriktion steht auch eine Reaktion gegenüber. Ich würde mich gegen eine Verschärfung aussprechen.

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ZUR PERSON

Prof. Dr. Harald Lange (43) ist Sportwissenschaftler an der Uni Würzburg . Zudem hat er einen Lehrstuhl für Sportwissenschaften und Pädagogik an der Trainerakademie in Köln.

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