Interview
Schalke-Manager Heidel: „Beeindruckt von der Kraft dieses Clubs“

Gelsenkirchen -

Keiner muss Angst haben, dass Schalke die Bodenhaftung verliert“, sagt S04-Manager Christian Heidel im Interview mit unserem ­Redakteur Jürgen Beckgerd. Außerdem spricht er über die Aussichten, an Bayern heranzurücken, über das Gefühl, sich für Platz zwei entschuldigen zu müssen und über "den Fall" Max Meyer.  

Donnerstag, 17.05.2018, 07:05 Uhr

Interview: Schalke-Manager Heidel: „Beeindruckt von der Kraft dieses Clubs“
Foto: Imago

Ist die Konstellation in der nächsten Saison nicht besonders günstig für Schalke: Bayern bekommt einen neuen Trainer, Dortmund muss den Kader wohl umbauen. Zeit, um etwas ­forscher aufzutreten?

Christian Heidel: Dazu gibt es überhaupt keine Veranlassung. Wir haben nur ein Ziel, dass der Verein in der nächsten Saison einen weiteren Schritt in seiner Entwicklung nimmt. Was bei Bayern München, Borussia Dortmund oder Bayer Leverkusen zukünftig passiert, darauf haben wir keinen Einfluss. Wir sind fokussiert auf Schalke – welche Platzierung dabei am Ende der Saison herauskommt, werden wir sehen. Wir werden weiterhin die Bodenhaftung behalten, damit sind wir bisher gut gefahren. (Der 54-jährige Manager weiß natürlich dass früher die Uhren in diesem Teil des Reviers ganz anders geschlagen haben. Die Sehnsucht nach der Meisterschaft hat Schalke im Grunde genommen 60 Jahre lang be­gleitet – und ebenso lange gehemmt. Heidel vermeidet es in diesem Gespräch, diese Sehnsucht auch nur ansatzweise zu befeuern.)

Aber was ist das für ein Signal, wenn der Vize­meister immer 15 oder 20 Punkte hinter dem FC Bayern herläuft?

Heidel: Das muss ja gar nicht immer so sein. Aber wir müssen realistisch bleiben. Bayern München wird in der nächsten Saison mit einem Etat von rund 600 Millionen Euro ins Rennen gehen. Schalke wird bei weitaus weniger liegen als der Hälfte. Das sind die wirtschaft­lichen Gegebenheiten, mit denen wir arbeiten müssen. Bayern München wird immer kontern können, wenn die keine Fehler machen, wird es in den nächsten Jahren sehr, sehr schwer sein, da oben ­heranzukommen. Aber das Problem hat die Bundesliga nicht exklusiv. Schaut man beispiels­weise nach Frankreich wird es schwer, Paris Saint Germain den Titel streitig zu machen. In Spanien machen in der Regel zwei Vereine das Titelrennen unter sich aus.

Die Top-Transfers von Schalke-Manager Christian Heidel

1/10
  • Amine Harit lotste Christian Heidel zum Beginn der Saison 2017/18 nach Gelsenkirchen. Der Marokkaner kam für acht Millionen Euro vom FC Nantes. 

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  • Abdul Rahman Baba kam auf Leihbasis vom FC Chealsea zu den Schalkern. Für eine halbe Million Euro liehen die Knappen den Ghanaer aus. Bis 2019 bleibt er sicher auf Schalke.  

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  • Der frühere St. Paulianer Bastian Oczipka wechselte aus Frankfurt nach Gelsenkirchen. Im vergangenen Sommer überwies der S04 4,5 Millionen Euro an die Eintracht. 

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  • Stolze 22,5 Millionen Euro legte Christian Heidel für Breel Embolo an. Der Stürmer kam im Sommer 2016 vom FC Basel.

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  • Daniel Caliguiri kam zur Rückrunde der Saison 2016/17 vom VfL Wolfsburg zu Schalke. Sein bis 2020 datierten Vertrag ließen sich die Königsblauen 2,5 Millionen Euro kosten. 

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  • Guido Burgstaller steht auf Heidels Schnäppchen-Liste: Der Österreicher kam für 1,5 Millionen vom 1. FC Nürnberg. 

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  • Erst hatte Schalke Nabil Bentaleb von den Tottenham Hotspurs ausgeliehen, zur Saison 2017/18 verpflichtete Heidel den Algerier für 19 Millionen Euro fest. 

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  • Vielleicht der beste Coup von Christian Heidel: Ablösefrei kam der heute 35-jährige Naldo vom VfL Wolfsburg und avancierte zum torgefährlichen Abwehrchef. 

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  • Für acht Millionen Euro Ablöse kam Benjamin Stambouli im Sommer 2016 von Paris Saint-Germain in den Pott. Mittlerweile ist der Franzose in der S04-Abwehr gesetzt. 

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  • In seiner ersten Saison auf Schalke war Yevhen Konoplyanka noch ausgeliehen, 2017 verpflichtete ihn Christian Heidel endgültig. Für den Ukrainer zahlte Schalke 12,5 Millionen Euro an den FC Sevilla. 

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Teilen Sie denn die Meinung, dass viele sagen, das tut aber der Bundesliga nicht gut. Die Bundesliga wird schlechtgeredet, weil es den Kampf um die Europapokalplätze gibt und den Abstiegskampf - mit dem Überbau Bayern?

Heidel: Ja, aber das ist ein europäisches Problem. Bayern hat mit kilometerlangem Abstand die höchsten Einnahmen. Sie haben allein 80 bis 100 Millionen Euro in der vergangenen Saison nur mit der Champions League verdient. Wenn sie das Geld vernünftig einsetzen, wird es für jeden anderen Verein schwierig werden. Aber man kann nicht behaupten, dadurch würde die Bundesliga uninteressant.

Fühlen Sie sich persönlich denn bestätigt, auch in ihrer Personalpolitik? Sie sind Vizemeister geworden. obwohl es zuvor Kritik gab?

Heidel: Platz zehn in der Vorsaison, dafür mussten wir völlig zu Recht Kritik einstecken. Dem habe ich mich gestellt, weil ich die Gesamtverantwortung habe. Aber ich habe auch im vergangenen Jahr gewusst, dass nicht alles falsch war, obwohl es hieß, die Mannschaft sei limitiert, sogar talentfrei. Kolasinac ist weg, Insua, Harit und Oczipka sind hinzugekommen. Aber im Prinzip steht dieselbe Mannschaft nun mit acht Punkten Vorsprung auf Platz zwei.

Als Sie gekommen sind: Was hatten Sie denn für Vorstellungen? Wie wollten Sie hier arbeiten?

Heidel: Ich war sehr beeindruckt von der Kraft dieses Clubs, der diese Kraft aber nicht auf die Straße bekommen hat. Bei Schalke war der Rückspiegel größer als die Windschutzscheibe, man schaute öfter zurück als in die Zukunft. Ein wichtiges Ziel ist deshalb der Ausbau der Infrastruktur. Doch dafür musste ein Umdenken stattfinden, weil Schalke bis dahin eine andere Philosophie hatte: Auf der Agenda stand, wir müssen in der nächsten Saison zwischen Platz eins und vier stehen, diesem Ziel wurde alles untergeordnet. Um weiter mithalten zu können, musste aber die Basis verbessert werden. Jetzt investieren wir hier rund 90 Millionen Euro. (Im Büro Heidels, wo das Interview stattfindet, hat man einen sehr guten Blick auf den Kunst­rasenplatz und die riesige Baustelle dahinter, die zeigt: Schalke und das Vereinsgelände werden bald sehr chic.)

Spielt da auch der ­Vertrag für Domenico Tedes­co ­hinein? Dessen Verpflichtung war doch auch ein ­Risiko?

Heidel: Das habe ich nicht so empfunden, denn ich hatte ihn seit einem A-Jugend-Spiel in Mainz beobachten: Er hat 90 Minuten nur taktische Anweisungen gegeben. So einen Trainer hatte ich ja schon mal: Thomas Tuchel. Er hat genauso agiert. Viel später habe ich Tedesco ­wiedergesehen in Aue. Da hat er mich interessiert und fasziniert. Ich habe ihn eingeladen. Er war top vorbereitet – und ich wusste: Er hat Aura, Fachwissen, er hat das Spiel verstanden. Ich habe die Entscheidung für Domenico jedenfalls nicht als ­Risiko gesehen.

Fürchten Sie, dass Inte­ressenten nun Schlange stehen?

Heidel: Damit beschäftigen wir uns nicht, denn ich bin sicher, das ist auch für Domenico gar kein Thema. (Thomas Tuchel hatte Heidel in seiner Amtszeit beim FSV Mainz an Borussia Dortmund abgeben müssen, zuvor wechselte auch Jürgen Klopp vom FSV zum BVB. Nun blickt ­Heidel kämpferisch drein, nach dem Motto: Denen ­schicke ich keinen mehr).

Ich versuche noch mal, mich Ihnen ein wenig zu nähern. Mit Weinzierl hatte es nicht geklappt, aber Sie hatten da schon sehr viel Schaum aufgerührt. Dann kommt Domenico ­Tedesco, den keiner kannte. Das war kein Risiko? Man hätte es Ihnen doch – mit Verlaub – um die Ohren ­gehauen, wenn das auch schiefgegangen wäre.

Heidel: Ich war nicht bereit, ein Risiko einzugehen. Ich war überzeugt. Ich habe den Aufsichtsrat und den Vorstand mitgenommen. Mir war wichtig, dass die Gremien bei einer so außergewöhnlichen Entscheidung wussten warum ich das mache. Ich wollte eine interne Transparenz für meine Entscheidung, auch wenn die Öffentlichkeit das vielleicht genau anders gesehen hat.

Wie geht’s denn nun weiter mit Schalke? Jetzt kommt die Champions League.

Heidel: Schalke ist in die Champions League eingezogen und sofort werden sämtliche Negativ-Szenarien entworfen – aber so denken wir nicht. Im Gegenteil, wir freuen uns darauf. Es ist doch riesig, dass wir gegen Vereine wie ManUtd oder ­Liverpool spielen könnten. Die Leute freuen sich darauf, die Bude wird voll sein. Und wir haben einen weiteren Vorteil in diesem Jahr: Wir konnten schon sehr früh in die Saisonplanung einsteigen. Das ist ein wichtiger Unterschied zu den Jahren davor. Der Trainer ist der­selbe, wir wissen, was wir für einen Fußball spielen wollen. Und nun hat Domenico erstmalig die Gelegenheit, auf die Zusammensetzung der Mannschaft einzuwirken. Wir werden punktuell Spieler dazuholen. Eine gute Mischung aus etablierten und jungen Spielern. (Bislang hat Schalke Mark Uth aus Hoffenheim und Salif Sané von Hannover 96 verpflichtet. In dieser Woche soll der Wechsel von Suat Serdar von Mainz 05 perfekt gemacht werden. Laut „Sport-Bild hat der Verein auch ein Transfer-Interesse an Mittelfeldspieler Thomas Delaney von Werder Bremen.)

Die Kritik an der vermeintlich fehlenden Attraktivität: Ist das überhaupt wichtig auf Schalke. Zählen nicht vielmehr Einsatz und Leidenschaft? Sie haben die drittbeste Abwehr, haben die wenigsten Spiele verloren, die wenigsten Spieler ­eingewechselt und den drittbesten Spieler (Naldo) der Liga.

Heidel: Richtig. Für uns ist das wichtiger. Ich hatte aber teilweise den Eindruck, dass wir uns verteidigen müssen, dass wir Zweiter geworden sind. Wir haben nur fünf Spiele verloren. Mit Ausnahme der beiden gegen die Bayern. Und: Es gibt – Ausnahme Bayern – keine Mannschaft, die so wenig Chancen gegen sich zu­gelassen hat.

Anderes Thema: Spieler­berater stehen insbesondere seit Max Meyers Abgang in der Diskussion.

Heidel: (Der Manager weiß, dass er mit jeder Antwort nur Öl ins Feuer der aktuell aufgeheizten Diskussion gießen würde. Stattdessen äußert er sich salomonisch. Dass er, wie zuvor kolportiert, Ärger mit Meyers Berater Roger Wittmann habe, diesen Eindruck bestätigt Heidel im Gespräch nicht.) Berater gehören zu diesem Geschäft dazu. Es ist völlig in Ordnung, dass 18- oder 20-jährige Spieler sich nicht mit Managern allein an den Tisch setzen und über Verträge verhandeln. Dass es im Einzelfall zu öffentlichen Diskussionen kommt, darf man da nicht überbewerten.

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