Sa., 31.12.2016

Thomas Frings Wendepunkt „Ein Ort von großer Stille“

Thomas Frings, ehemaliger Pfarrer von Heilig Kreuz, sagt heute: „Ich bin gegangen, bevor der Frust kam.“

Thomas Frings, ehemaliger Pfarrer von Heilig Kreuz, sagt heute: „Ich bin gegangen, bevor der Frust kam.“ Foto: Günter Benning

Münster - 

Thomas Frings, ehemaliger Pfarrer von Heilig Kreuz, lebt nach seinem Ausstieg als Gemeindepfarrer in der Abtei Sankt Willibrord im niederländischen Doetinchem. Frings hatte im Frühjahr bundesweit Aufsehen erregt, als er seinen Gemeindedienst in Münster quittierte und sich beurlauben ließ.

Von Günter Benning

Der Handyempfang ist schlecht. Thomas Frings klingt wie weit entfernt. Es ist 18.15 Uhr, gerade kommt er von der Vesper in der Abtei Sankt Willibrord im niederländischen Doetinchem . „Ein Ort“, sagt der ehemalige Pfarrer der münsterischen Hl.-Kreuz-Gemeinde, „von ganz großer Stille.“

„Gemeindepfarrer ist das Gegenteil von Stille“, vergleicht Frings sein Gestern und Heute, „beides hat seine Stärken und Freuden.“ Der kunstversierte Mann aus Kleve am Niederrhein hatte im Frühjahr bundesweit Aufsehen erregt, als er seinen Gemeindedienst in Münster quittierte und sich beurlauben ließ.

„Ich bin gegangen, bevor der Frust kam.“

Die Service-Erwartung an die Priester, der schleichende Bedeutungsverlust der Kirche, die fehlenden Rezepte, um den jahrzehntelangen Niedergang aufzuhalten, das alles war zu viel. „Ich bin nicht frustriert gegangen“, sagt er heute, „ich bin gegangen, bevor der Frust kam.“

Jetzt lebt er bei den Benediktinern in den Niederlanden: „Eine Gruppe von Menschen, die Gott suchen.“ Sechsmal am Tag sind gemeinsame Gebetsstunden, klar strukturiertes Klosterleben. Für Frings vergeht die Zeit wie „ganz lange Exerzitien“. „Nach 20 Wochen kommt man runter, dafür bin ich unglaublich dankbar.“

„Aus, Amen, Ende? So kann ich nicht mehr Pfarrer sein.“

Frings hat die Zeit genutzt. Im Februar erscheint im Herder-Verlag sein programmatisches Buch „Aus, Amen, Ende? So kann ich nicht mehr Pfarrer sein.“ Der Verlag verspricht „Einblick in sein Leben als Pfarrer“. Für Thomas Frings wichtiger ist aber der Ausblick auf eine andere Form von Gemeinde: „Keine Wagenburg, sondern ein total offener Entwurf.“

Für den 56-Jährigen, der seit Langem in sozialen Medien präsent ist, muss es neben der „Wohnort-Gemeinde“ eine Alternative geben. Eine katholische Gemeinde von Gleichgesinnten, selbst gewählt, passend zu der modernen offenen, individualisierten Gesellschaft. Er nennt sie „Entscheidungsgemeinde“. So etwas gibt es in Studentengemeinden, in Jugendkirchen, „Kirche“, ist sich Frings sicher, „hat auch weiter Relevanz.“

Manchmal vermisst Thomas Frings Münster

„Ich habe 25 Jahre lang dort gewohnt, eine Traumstadt.“ Für ihn gab es auch „glückliche Zeiten“ als Gemeindepfarrer. Manche beneiden ihn um seine Freiheit, mitten im Leben einen anderen Weg zu gehen. Eine Freiheit, die ihn als Priester privilegiert. „Ich habe den Preis bezahlt“, verteidigt er sich, „ich hatte keine Partnerschaft und keine Kinder.“

Was er heute hat, ist die Möglichkeit zur Kontemplation. Er liest viel, mehrere Bücher nebeneinander, und lernt Niederländisch. Aber putzen, wischen, im Garten graben und den großen Holzofen des Klosters befeuern, sagt er, gehört auch zum Alltag: „Nicht dass die Menschen denken, wir würden hier nur beten und lesen.“

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Frings befindet sich im sogenannten Postulat, eine Vorstufe zum Noviziat. Aber ob er in den Orden eintreten will, lässt er offen. Wie sieht seine Lebensperspektive aus? „Keine Information.“

Nach seinem Abschied aus der Kreuz-Gemeinde gab es eine kontroverse Diskussion. War es Fahnenflucht oder Neuanfang mit anderen Mitteln? Mancher hat seine Entscheidung als persönliche Befreiung gesehen, als gutes Beispiel. Auf der Straße habe er nachher eine ältere Münsteranerin getroffen, erzählt Frings, die ihm gesagt habe, ihr Leben lang wollte sie nach Berlin ziehen. Und sie habe sich nie getraut: „Jetzt hatte sie ihre Wohnung aufgegeben und saß auf gepackten Koffern.“ Utopien sind machbar.

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"Wenn mir ein Kind erklärt, es könne kein Gebet, weil seine Mama sagt, so einen Quatsch machen wir nicht, aber zur Kommunion gehst du trotzdem, wo ist denn da noch eine ethisch solide Grundorientierung? Ist es so schwer zu verstehen, dass ich das nicht mehr machen möchte?" Lesen Sie hier das komplette Interview mit Thomas Frings (Februar 2016)

 

Fotostrecke: Die Gesichter des Thomas Frings

 

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