Sa., 11.02.2017

Interview mit der Sozialdezernentin Cornelia Wilkens Flüchtlinge an 65 Standorten

Foto rechts: Sozialdezernentin Cornelia Wilkens ist in Münster für die Flüchtlingsbetreuung zuständig. Foto links: Protest gegen den Bau eines Flüchtlingsheims auf der Bahlmannwiese.

Foto rechts: Sozialdezernentin Cornelia Wilkens ist in Münster für die Flüchtlingsbetreuung zuständig. Foto links: Protest gegen den Bau eines Flüchtlingsheims auf der Bahlmannwiese. Foto: Oliver Werner

Münster - 

Trotz sinkender Flüchtlingszahlen baut die Stadt Münster neue Unterkünfte. Warum, das erklärt die Sozialdezernentin.

Die Debatte über die Bebauung der Bahlmannwiese hat das Konzept einer dezentralen Unterbringung von Flüchtlingen, das die Stadt Münster fährt, wieder in das Blickfeld der Öffentlichkeit gerückt. Immer wieder gibt es in der Bevölkerung Nachfragen, ob der Bau neuer Unterkünfte noch erforderlich ist. Unser Redakteur Klaus Baumeister sprach darüber mit der städtischen Sozialdezernentin Cornelia Wilkens .

Frau Wilkens, die Zahl der neu ankommenden Flüchtlinge ist im vergangenen Jahr deutlich gesunken. Trotzdem baut die Stadt neue Flüchtlingseinrichtungen. Wie ist das zu erklären?

Wilkens: Rund 80 Prozent der Kapazitäten, die wir vorhalten, sind temporärer Natur. Das heißt, wir müssen sie nach einer bestimmten Zeit wieder aufgeben. Die Räume sind gemietet, teilweise hat uns die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (Bima) auch Gebäude mietzinsfrei überlassen, aber nur für eine begrenzte Zeit. Das bedeutet im Umkehrschluss: Nur rund 750 der aktuell 3000 Flüchtlinge leben in festen Unterkünften. Wir stehen also vor dem Zwang, weitere Unterkünfte zu bauen, zumal es Gebäude wie das alte Finanzamt an der Münzstraße gibt, die als Unterkünfte nicht optimal geeignet sind. Dort müssen wir beispielsweise mit Sanitärcontainern arbeiten.

Flüchtlingsunterkünfte in Münster

Wienburgviertel: Bau-Vorbereitung auf der Bahlmannwiese

Gremmendorf: Hilfsvereite Gremmendorfer

Kinderhaus und Kreuzviertel: Baubeginn für zwei neue Flüchtlingsheime

Auf wie viele Standorte verteilen sich die Flüchtlinge?

Wilkens: Im Moment sind es rund 65 Standorte, 16 davon sind die bereits genannten festen Unterkünfte.

An vielen Stellen im Stadtgebiet wurden zweistöckige Holzständerhäuser zur Unterbringung von Flüchtlingen errichtet. Müssen die Münsteraner davon ausgehen, dass sie länger stehen bleiben?

Wilkens: Die Gebäude selbst haben eine Lebensdauer von 20 bis 30 Jahren. Sie stehen teilweise aber auf Grundstücken, die uns nur für einen Zeitraum von einigen Jahren zur Verfügung stehen. Die Gebäude kann man versetzen. An anderen Standorten könnte man sie zum Beispiel als Studentenwohnheime nutzen.

Gehören diese Holzständerhäuser der Stadt Münster?

Wilkens: Ja. Wir haben sie gekauft.

Ist es das langfristige Ziel der Stadt Münster, alle Flüchtlinge in festen Häusern unterzubringen, wie sie derzeit auf der Bahlmannwiese gebaut werden?

Wilkens: Natürlich ist das unser Ziel, wobei das eigentliche Ziel darin besteht, dass die Flüchtlinge in eine eigene Wohnung ziehen. Die Notwendigkeit, Flüchtlingsunterkünfte zu bauen, ergibt sich nicht zuletzt aus der Schwierigkeit, dass die Vermittlung in den normalen Wohnungsmarkt in Münster so schwierig ist. Vom Konzept her sollte ein Flüchtling nie länger als ein Jahr in einer Unterkunft leben. Vor diesem Hintergrund bewerte ich es schon als einen sehr großen Erfolg, dass von den Flüchtlingen, die 2015 gekommen sind, bereits rund 600 auf dem freien Wohnungsmarkt eine Wohnung gefunden haben.

Ist ein Protest wie an der Bahlmannwiese eigentlich die Regel oder die Ausnahme bei der Planung von Flüchtlingsunterkünften?

Wilkens: Proteste erleben wir immer wieder. Dass sich aber der Protest in Form einer organisierten Bürgerinitiative artikuliert, ist die Ausnahme. Die Erfahrung zeigt, dass der Protest abebbt, wenn die Unterkunft erst einmal steht. Dann bilden sich in der Nachbarschaft eher Unterstützergruppen, die ehrenamtlich den Flüchtlingen helfen.

Gesetzt den Fall, die Zahl der Flüchtlinge würde noch einmal so ansteigen wie im Herbst 2015, wäre die Stadt Münster vorbereitet?

Wilkens: Im Prinzip ja. Aktuell machen wir es so, dass die Unterkünfte jeweils nur zu 80 Prozent belegt werden. Insofern haben wir einen Puffer. Darüber hinaus sind wir zurückhaltend, wenn es darum geht, bestehende Einrichtungen wieder aufzugeben. Bei den Bima-Immobilien sind wir dazu beispielsweise verpflichtet, sie zu einem bestimmten Zeitpunkt wieder zu räumen, aber insgesamt achten wir schon darauf, so viele Räume vorzuhalten, dass wir auch bei steigenden Zahlen gewappnet wären.

Es gibt eine Diskussion darüber, ob in der Oxford-Kaserne ein Abschiebezentrum für abgelehnte Asylbewerber aus den Westbalkan-Staaten errichtet werden soll. Was wissen Sie darüber?

Wilkens: Ich weiß, dass das NRW-Innenministerium darüber nachdenkt. Das gilt für Münster und Köln. Wir haben von der Bezirksregierung die Zusage bekommen, dass die Landesregierung im Falle einer Realisierung erst Kontakt mit uns aufnimmt.

Die Vereinbarung darüber, dass die Kasernen ab 2018 nicht mehr für die Flüchtlingsunterbringung genutzt werden, gilt aber doch weiter?

Wilckens: Das ist richtig. Der Plan der Stadt Münster, die beiden Kasernen zu neuen Wohnstandorten weiterzuentwickeln, bleibt von den Überlegungen des Landes unberührt. Wir haben klare Vereinbarungen, dass es im Laufe des Jahres 2018 für die Erstaufnahme-Einrichtungen Ersatzstandorte geben wird und die Kasernen freigezogen werden.

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