Sorge um möglichen Atomunfall
Stadt Münster will Jodtabletten verteilen

Münster -

In Münster sollen Jodtabletten nicht nach einem möglich Atomunfall, sondern bereits prophylaktisch an die Bevölkerung verteilt werden. Dafür will sich die Stadt bei der Landesregierung stark machen.

Mittwoch, 14.03.2018, 06:03 Uhr

Sorge um möglichen Atomunfall: Stadt Münster will Jodtabletten verteilen
Das Atomkraftwerk Tihange bei Huy (Belgien). Foto: Oliver Berg, dpa

Die belgische Regierung hat 45 Millionen Jodtabletten bestellt, um die Bevölkerung bei einem Atomunfall besser vor der radioaktiven Strahlung schützen zu können. Auch in Aachen, das nur rund 70 Kilometer von der als „Risikoreaktor“ geltenden Anlage im belgischen Tihange entfernt liegt, sind im vergangenen Jahr Jodtabletten verteilt worden.

Anders in Münster: Obwohl es genauso weit von dem – als deutlich sicherer geltenden – Atomkraftwerk in Lingen entfernt liegt wie Aachen von Tihange, sind die im vergangenen Jahr angelieferten 1,1 Millionen Tabletten noch nicht an die Bevölkerung weitergegeben worden, berichtet Ordnungsdezernent Wolfgang Heuer. Aktuell sind sie bei der Universitätsklinik eingelagert.

Verteilung im „Ereignisfall“

Hintergrund ist eine Entscheidung, die noch die rot-grüne Landesregierung gefällt hatte. Danach sollen Jodtabletten nur in der Region Aachen prophylaktisch verteilt werden – anderswo in NRW hingegen erst im „Ereignisfall“. In der Stadtverwaltung wird allerdings derzeit darüber diskutiert, die Tabletten, die im Ernstfall vor Schilddrüsenkrebs schützen sollen, ebenfalls prophylaktisch abzugeben. Eine solche Ausnahme ist in NRW möglich – jedoch muss die Stadt dann selbst die Tabletten und die Verteilaktion bezahlen. Bei einer Ernstfall-Verteilung käme der Bund für die Kosten auf. Zur Höhe konnte Heuer am Mittwoch nichts sagen.

So wirkt Jod

In Atomkraftwerken entstehen radioaktive Varianten von Jod. Sie können bei einem atomaren Unfall über Nahrung, Atemluft und Haut in den Körper gelangen. Dort werden sie in der Schilddrüse gespeichert und verstrahlen die Zellen, Krebs kann die Folge sein. Jodtabletten verhindern, dass sich dieses Jod in der Schilddrüse festsetzt. Es wird ausgeschieden und richtet so weniger Schaden an.

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21 Stunden würde es nach Berechnungen des NRW-Innenministeriums dauern, bis eine Strahlenwolke 100 Kilometer zurückgelegt hat. „Es gibt andere Berechnungen, dass sie schneller ziehen könnte“, sagt Heuer. Wie auch immer – der Dezernent ist nicht davon überzeugt, dass die Tabletten im Ernstfall so schnell unters Volk gebracht werden können wie nötig.

Tabletten-Abgabe über Apotheken

So sei es schwierig, Personen zu finden, die sie im Falle des Falles verteilen würden. Könnte man nicht die städtischen Beamten verpflichten? „Das wäre eine Option“, sagt Heuer. Doch er ist zugleich unsicher, ob die nach einem möglichen Super-GAU ihrer Verpflichtung auch tatsächlich nachkommen würden. „Die Realität wird man dann erleben“, sagt Heuer. Für ihn steht fest: Besser frühzeitig verteilen als zu spät. Der Antrag ans Land sei gerade in der Feinabstimmung und soll demnächst nach Düsseldorf weitergeleitet werden.

tihange
Foto: Karte/Fotos: stepmap/-chr-/imago

In Aachen wurden die Tabletten über Apotheken abgegeben – ein Weg, den Heuer auch in Münster für „alternativlos“ hält. Die Resonanz in Aachen war allerdings gering – nur 20 Prozent der Bewohner, die die Pillen im Ernstfall einnehmen sollen (alle, die das 45. Lebensjahr noch nicht vollendet haben), holten sie ab. In Münster umfasst diese Bevölkerungsgruppe übrigens 150 000 Personen.

Aber reichen Pillen im Ernstfall aus? „Der deutsche Staat wäre insgesamt nicht gut aufgestellt, was die Auswirkungen eines Reaktorunfalls betrifft“, glaubt Heuer. Wirklichen Schutz bietet nach seiner Einschätzung nur eine Abschaltung der Kraftwerke. Lingen ist 2022 dran. Tihange soll – mindestens – bis 2025 in Betrieb sein.

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