Interview mit dem scheidenden IHK-Hauptgeschäftsführer
„Weltmarktführer hinter Wallhecken“

Münster -

Fast 40 Jahre beruflich in Diensten der regionalen Wirtschaft, über zwölf Jahre davon im Spitzenamt des Hauptgeschäftsführers der IHK Nord Westfalen – und nun der anstehende Ruhestand. Mit Karl-Friedrich Schulte-Uebbing sprach unser Redaktionsmitglied Norbert Tiemann über die großen Chancen des Münsterlandes, über sich hinschleppende Infrastruktur-Projekte und über seine Herzensangelegenheit – den New Park im nördlichen Ruhrgebiet.

Mittwoch, 14.03.2018, 06:03 Uhr

Der Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Nord Westfalen, Karl-Friedrich Schulte-Uebbing, scheidet Ende März aus seinem Amt aus.
Der Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Nord Westfalen, Karl-Friedrich Schulte-Uebbing, scheidet Ende März aus seinem Amt aus. Foto: Oliver Werner

Herr Schulte-Uebbing, im Münsterland läuft aktuell  ein Markenbildungsprozess, an dessen Ende ein Slogan für unsere Region stehen soll. Welche Aussichten geben Sie diesem Unter­fangen eigentlich?

Schulte-Uebbing: Es ist wichtig, dass jetzt alle an einem Strang ziehen, um endlich eine gemeinsame Marke zu schaffen, die auffällig signalisiert: Seht her, das sind wir, dafür steht das Münsterland. Die Politik hat eingesehen, dass sich hier dringend etwas tun muss, damit das Münsterland im Wettbewerb der Regionen wahrnehmbar bleibt.

Was macht denn in Ihren Augen die Region so attraktiv für Menschen?

Schulte-Uebbing: Es ist diese Gleichzeitigkeit von hoher Lebensqualität und hoher Wirtschaftskraft. Sie spiegelt sich in der Kultiviertheit der Landschaft wider, in den gepflegten Gebäuden – von den Schlössern über die Bauernhöfe und die Wohnhäuser bis zu den Industriebauten. Dazu gehört aber auch dieses ausgewogene Nebeneinander und Ineinanderübergehen von Stadt und Land. Oder – wie es im Markenbildungsprozess heißt: kultivierteste Landlust und ländlichste Urbanität. Hinter Wallhecken sitzen Hunderte industrielle Weltmarktführer, Familienunternehmen, die mit der Region noch fest verwurzelt sind.

Apropos hohe Lebensqualität und Weltmarktführer. Als Sie 2006 als Haupt­geschäftsführer nach Münster gekommen sind, lautete eine Ihrer ersten zentralen Botschaften: „Das Münsterland ist eine Industrie­region.“ Haben die Menschen das inzwischen akzeptiert?

Schulte-Uebbing: Grundsätzlich ja. Es arbeitet ja hier mittlerweile auch ein größerer Anteil der Bevölkerung in der Industrie als etwa im Ruhrgebiet. Und die meisten haben es mitbekommen, dass wir vor zehn Jahren nur so gut durch die Finanzkrise gekommen sind, weil wir enorm wettbewerbsfähige Industrieunternehmen haben. Dennoch ist das Image der Industrie noch nicht so wie es aufgrund ihrer Rolle als Motor der Wirtschaft sein sollte; daher seit 2011 die Industrie-Akzeptanzoffensive.

Wie beurteilen Sie eigentlich die Zusammenarbeit  zwischen dem Oberzentrum Münster und den Landkreisen? Ist da nicht doch noch deutlich Luft nach oben?

Schulte-Uebbing: Für mich ist auch nach außen der feste Wille spürbar, als Einheit unter einer Marke Münsterland aufzutreten. Im Wettbewerb nämlich kommt es nicht auf einzelne Städte und Kreise, es kommt auf die Region an. Münster braucht das Umland genauso, wie die Kreise Münster brauchen, das ist es ja gerade. Da sehe ich unsere führenden Kommunalpolitiker aber auf einem guten Weg.

Leider dauert die Um­setzung von Infrastrukturvorhaben elendig lange ...

Schulte-Uebbing: Ja. Seit rund 50 Jahren reden wir im Münsterland von einer Verbesserung der West-Ost- Verbindungen, also über die B 67n zwischen Bocholt und der A 43 bei Dülmen und über die B 64n zwischen Münster und damit dem Münsterland und der Region Bielefeld/Ostwestfalen. Endlich besteht bei der B 67 n Baurecht für den letzten Lückenschluss zwischen Reken und Dülmen.

Aber bei der ebenso wichtigen B 64n kommen wir in den letzten 50 Jahren über Variantenuntersuchungen nicht hinaus. Das ist einfach zu lange. Eine frühzeitigere Bürgerbeteiligung oder Einsparungen auf dem gericht­lichen Instanzenweg – das alles könnte ein Infra­strukturbeschleunigungsgesetz leisten. Aber auch in den Fachverwaltungen selbst könnten Fristen vorgegeben werden. Einzelne Planungsschritte würden so zeitlich verbindlicher und zuverlässiger anstelle eines offenen Endes.

Sie stehen fast 40 Jahre im Dienst der regionalen Wirtschaft, davon gut zwölf Jahre an der Spitze der IHK Nord Westfalen. Sehen Sie in der Struktur der Selbstverwaltung der Wirtschaft zukünftig eigentlich Anpassungsbedarf?

Schulte-Uebbing: Die IHK ist schlanker geworden, schneller und trotz unseres großen Bezirks deutlich präsenter vor Ort. Ich bin bis in die Haarspitzen mit dieser Organisation verbunden und habe alles dafür getan, sie zukunftsfest zu machen, weil ich davon überzeugt bin, dass die Wirtschaft mit dem Modell der Selbstverwaltung besser fährt, als wenn die Aufgaben von staatlicher Stelle erledigt werden.

Was würden Sie, auf vier Berufsjahrzehnte zurückblickend, als große Ent­täuschung und auch als großen Erfolg Ihrer Arbeit verbuchen?

Schulte-Uebbing: Es wird Sie wundern, aber bei Erfolg und Misserfolg handelt es sich um ein und dasselbe Projekt: der New Park. Schon in den neunziger Jahren ­hatte ich angesichts der ­hohen Arbeitslosigkeit im nördlichen Ruhrgebiet für den Bereich Datteln/Waltrop ein modernes neues Indus­triegebiet in die Diskussion gebracht. Allerdings steht auf dieser Fläche bis heute noch kein Bagger. Das fällt also in die Rubrik „Hat bisher nicht geklappt“.

Allerdings: Das Projekt hat nach dem zwischenzeitlich drohenden endgültigen Aus neuen Rückenwind bekommen. Die beteiligten Kommunen und die Landesregierung tun alles dafür, den inzwischen angepassten Plan für New Park umzusetzen. Es ist also inzwischen bei den politischen Entscheidern unstrittig, dass das Ruhr­gebiet und NRW New Park brauchen. Leider hat das fast 22 Jahre gedauert.

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