Themen-Special Heimat
Hier bin ich Mensch, hier darf ich‘s sein

Münster -

Ist Heimat bloß noch ein verstaubter Begriff? Nein! Sie berührt die Herzen vieler Menschen. Jeder hat davon eigene Vorstellungen, eigene Bilder im Kopf. Wir haben uns in der Region umgeschaut, Menschen befragt – und genau hingehört.

Freitag, 16.03.2018, 22:03 Uhr

Idylle pur: Das Münsterland steht für das perfekte Landleben. In unruhigen Zeiten gewinnt die Sehnsucht nach Ruhe und Geborgenheit eine neue Qualität.
Idylle pur: Das Münsterland steht für das perfekte Landleben. In unruhigen Zeiten gewinnt die Sehnsucht nach Ruhe und Geborgenheit eine neue Qualität. Foto: Wilfried Gerharz

Für die einen ist sie ein schönes Gefühl. Andere haben damit ein echtes Problem: Deutschland debattiert über die Heimat – spätestens seitdem es in Bayern, in NRW und jetzt auch im Bund ein Heimatministerium gibt. Das Ringen um Zugehörigkeit, Identität und ganz praktisch um moderne Lebensbedingungen, besonders auf dem Land, hat Konjunktur.

Beim Heimatkongress in Münster an diesem Wochenende sollen besonders Ehrenamtliche in NRW ihre Ideen einbringen. „Wir wollen die Anregungen aufgreifen und umsetzen, denn Heimat kann nicht von oben verordnet werden, sondern muss von den Menschen ausgehen“, sagt NRW-Heimatministerin Ina Scharrenbach. Ist ein Heimatministerium sinnvoll? Nach Meinung des Soziologen Armin Nassehi (München) hat die Debatte vor allem eine Symbolfunktion: „Politiker aller Parteien müssen aber vielleicht jenseits der Symbolpolitik mehr darüber nachdenken, was Menschen brauchen, um sich in ihrem Leben dazugehörig und heimisch zu fühlen.“ Wir haben uns auf die Spurensuche begeben und Menschen im Münsterland gefragt, was Heimat ganz aktuell für sie bedeutet. 

Was bedeutet Heimat: Eine Spurensuche in Westfalen

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  • Karl-Heinz Stevermüer (66), Nottuln, Singender Kiepenkerl: „Heimat – das bedeutet für mich einfach, sich wohlzufühlen. In Westfalen gefällt mir die Landschaft und der geradlinige Menschenschlag. Plattdeutsch schafft eine wichtige Verbindung zu den Menschen. Als Kiepenkerl verstehe ich mich aber nicht als volkstümelnde Figur, die Schnaps verteilt. Ein Kiepenkerl war früher ein Mann, der mit offenen Augen durchs Münsterland zog und den Leuten Neues erzählte – ihnen auch den Spiegel vorhielt, ihre heile, geschlossene Welt mal infrage stellte. So machen wir es mit unseren plattdeutschen Songs auch. Dabei verstehe ich mich nicht als jemand, der die Volksmusik hochhält, ich liebe auch Blues und Rock. Die plattdeutsche Sprache ist die Klammer, sie trifft die Gefühle, die Seele der Menschen.“

    Foto: privat
  • Ina Scharrenbach (Kamen), NRW-Ministerin für Heimat, Kommunales, Bau und Gleichstellung: „Heimat ist für mich Kamen in Westfalen, ein Ort, den viele ihrer Leser nur als Namen für ein großes Autobahnkreuz kennen. Aber es ist eine schöne Stadt. Dort habe ich meine Wurzeln, die nehme ich immer mit, wo ich auch hinfahre. Diese Verbindung zu dem Ort, wo ich aufgewachsen bin und meine Familie und Freunde habe – das macht meine Heimat aus. Heimat bedeutet, einen Anker zu haben. Vieles wandelt sich – vom Arbeitsplatz bis zur Nachbarschaft. Dahinter stehen große Prozesse wie Digitalisierung, Globalisierung und Migration. Darüber gehen Vertrautheitsgefühl und Orientierung verloren. Heimat ist das Gegenerlebnis. Sie vermittelt Halt, Kontinuität, die Erfahrung von etwas, das sich in allem Wandel nicht wandelt.“ (hir)

    Foto: dpa
  • Hildegard Schuckenberg, Warendorf-Milte, 75 Jahre alt: „Heimat bedeutet für mich Familie und das Wissen, dass alle füreinander da sind. Wir sind ein Drei-Generationen-Haushalt, wir sitzen immer alle an einem Tisch. Zur Heimat gehört meines Erachtens auch der Zusammenhalt des Hofes, den es in unserem Fall als Tradition seit dem Jahr 1285 gibt. Heimat, das ist für mich das Dorfleben und das sind Freunde. Es gibt einen Spruch, den ich zum Thema Heimat sehr passend finde: ,Es ist nicht nur die Liebe zur Heimat. Es ist vor allem die Besinnung auf unsere Wurzeln und das geerbte Wissen unserer Vorfahren.‘“

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Gaby Schnell, Vorsitzende der Landesseniorenvertretung Nordrhein-Westfalen: „Für mich gehört zur Heimat, dass die Kommunen, die Lebensorte der Menschen, in ihren finanziellen Möglichkeiten gestärkt werden. Tatsächlich ist ‚Heimat‘ ein vielfältiger Begriff, der gestern wie heute auch immer wieder missbräuchlich verwendet wurde und wird, denn er weckt Emotionen und ist ja für viele Menschen vor allem ein Gefühl – verbunden mit Erinnerungen an Menschen, Orte, Gerüche, Beziehungen. Folgt man diesem Gefühl, dann muss man fragen, was nötig ist, damit sich Menschen gut fühlen genau dort, wo sie leben. Heimat ist also nicht voraussetzungslos, und genau daran sollte Politik arbeiten, damit Menschen sich unabhängig von Alter, Geschlecht, Herkunft oder Lebensweise in einer zunehmend globalisierten und komplexeren Welt heimatlich fühlen können.“

    Foto: mas
  • Jens Effkemann, Regionalgeschäftsführer des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge: „Heimat bedeutet für mich zuallererst ein positives Umfeld aus Menschen, die mich in meinem Aufwachsen geprägt haben – Menschen, die ich liebe, die mich schätzen, denen ich regelmäßig begegne, die gemeinsame Erfahrungen teilen und mit denen der Austausch nicht schwerfällt. Heimat bedeutet für mich daher vor allem eine besondere Beziehung und Interaktion mit den Personen, mit denen ich in meiner Heimatstadt Gescher im Westmünsterland groß geworden bin. Neben einer besonderen Beziehung zu den Menschen von hier verbindet mich als jemand, der nie seine westfälische Heimat für längere Zeit verlassen hat, natürlich auch etwas mit der Umgebung. Ich liebe es, in meinem Job die unterschiedlichen Ecken von Westfalen-Lippe aber auch die dort lebenden Menschen kennenlernen zu dürfen.“

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Henrike Deitert (15), Borken, lebte für ein halbes Jahr in Sydney (Australien): „Für mich ist Heimat kein bestimmter Ort, es ist ein Gefühl. Ich verbinde Erinnerungen mit meiner Heimat. Als ich ein Kind war, ist meine Familie öfter innerhalb von Borken umgezogen. Auch an den unterschiedlichen Orten, an denen wir gewohnt haben, fühle ich mich heute noch heimisch, weil ich viele Erinnerungen daran habe. Als ich in Australien war, hatte ich Heimweh – aber nicht nach Borken, sondern nach den Menschen. Nach dem Gefühl, das ich habe, wenn ich hier bin. Ich bin ein ganz anderer Mensch als ich es in Australien war. Wo man sich heimisch fühlt, merkt man erst, wenn man nicht dort ist. Australien ist meine Heimat genauso wie Borken. Das merke ich vor allem daran, dass ich gerade nicht da sein kann und es wahnsinnig vermisse.“

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Kevin Winkler (27), Walstedde, Systemadminis­trator, Fan des Dorflebens: „Heimat ist für mich der Ort, an dem man sich zu Hause fühlt. Früher war das für mich die Vorstadt, aber schon lange ist es nun unser Dorf. Es ist einfach schön, die Menschen bei Veranstaltungen wie dem Schützenfest oder der Sportwoche zu sehen. Jeder kennt sich und es gibt immer etwas zu lachen. Ob beim Einkaufen oder Spaziergang: Stets wird man freundlich mit einem Lächeln empfangen. Die Vereine – vom Sport- bis zum Schützenverein – arbeiten Hand in Hand, sodass man sich überall gut aufgehoben fühlt. An schlechten Tagen gibt das Dorf einem den positiven Touch, der einen doch noch zum Lächeln bringt. Ich möchte sie nicht missen, meine Heimat.“

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Silke Niemeyer, 53, evangelische Pfarrerin in Lüdinghausen: „Heimat sind die Orte, an denen ich mich geborgen und sicher fühle. Heimat, das sind die Menschen, die ich liebe, und von denen ich mich geliebt fühle. Insofern habe ich immer Heimat in mir, wenn diese Menschen bei mir sind. Heimat ist nicht Blut und Boden, meine Heimat ist in mir. Und zur Heimat gehört für mich auch die Freiheit, anders sein zu dürfen, abweichlerisch zu leben oder anders als andere zu denken.“

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Alexander Bertling (26), Rorup, Hobby-Landwirt aus Leidenschaft: „Unser Kotten am Rande der Baumberge – das ist meine Heimat. Dort habe ich den Großteil meines Lebens verbracht und habe alles, was ich brauche: meine Familie und Freunde, Ruhe und Platz. Ich bin davon überzeugt, dass Kinder vom Land mehr Bezug zu ihrer Heimat haben als Stadtkinder. Während meines Studiums habe ich in Osnabrück gewohnt, bin aber jedes Wochenende nach Hause gefahren. Hier zieht man gemeinsam an einem Strang und hilft sich gegenseitig, da kommt man immer wieder gerne nach Hause. Und hier kann ich meinem größten Hobby nachgehen: der Landwirtschaft. Sollte ich aber doch mal wegziehen, spätestens zum Stammtisch-Treffen und zum Schützenfest würde ich bestimmt zurückkommen. “

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Bernhard Iking (62), Vorsitzender Heimatverein Metelen: „Heimat – das bedeutet für mich ein schönes Lebensgefühl, das man bewahren sollte, gerade für die Kinder. Im Moment sind alte Traditionen wieder gefragt – besonders in der Osterzeit. Palmstockbasteln, Osterfeuer – wir wenden uns mit diesen Angeboten aber auch an Zugezogene und Flüchtlingskinder. Wo Kinder sich wohlfühlen, sehen auch die Eltern für sich einen guten Weg. Das Vertrauen wächst. Wir versuchen, auch etwas für Jugendliche zu tun. So haben wir beispielsweise eine Boulebahn aufgebaut, damit sie einen Treffpunkt haben, aber auch lernen, für den eigenen Ort Verantwortung zu tragen. Heimat – das bedeutet für mich auch Integration. So etwas funktioniert nicht von oben, sondern vor Ort – Schritt für Schritt.“

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Wassim Haj Jomah (32), Flüchtling aus Syrien, seit anderthalb Jahren in Hörstel-Bevergern: „Meine Heimat ist Syrien. Vor allem meine Mutter, sie ist für mich mein Zuhause: Wie sie duftet, wie sie aussieht und wie sie ist. Ich habe es immer geliebt, im Winter durch meine Heimatstadt zu spazieren – die Atmosphäre war besonders. Es roch wunderbar nach Kamin. Aber nun bin ich hier, und ich versuche mich hier so gut es geht heimisch zu fühlen. Demokratie und das Gefühl frei zu sein, das habe ich erst in Deutschland gelernt. Durch den Kontakt zu Deutschen, die mich zu sich einladen, bekomme ich ein Gefühl von Heimat. Und im Winter gehe ich auch in Bevergern spazieren. Manchmal bleibe ich einfach stehen, rieche die Luft und schließe die Augen. Dann fühlt es sich an, als wäre ich in meiner Heimat.“

    Foto: Jacqueline Beckschulte
  • Ingo Knollmann (41), Köln, Frontmann der Donots. Der Ibbenbürener hat sich die alte Postleitzahl von Ibbenbüren auf den Arm tätowieren lassen: „Mir wäre lieb, man würde den Begriff ,Heimat‘ durch ,Zuhause‘ ersetzen. Ich finde, dass der eigentlich positive Begriff durch die Debatte um das Heimatministerium negativ behaftet ist. Heimat ist nichts, auf das man stolz sein sollte oder was man verteidigen muss. Das ist für mich AfD-Spreche und hat einen NS-Duktus. Das finde ich vor allem in der jetzigen Zeit problematisch. Es gibt Menschen, die sind stolz auf etwas, was sie nicht geschaffen haben und hassen das, was sie nicht kennen. Heimat mache ich persönlich nicht an einem Landstrich fest. Es ist für mich das Gefühl, wenn ich bei meiner Familie und meinen Freunden bin. Dann kann mein Herz vor Anker gehen und ich kann sein, wer ich bin. Ich bin gerne in Ibbenbüren. Auch, wenn ich mich in Köln wohlfühle, mein Herz ist im Münsterland begraben.“

    Foto: Christian Grube
  • Maximilian Kallabis (Münster), 24 Jahre, Offizier der Bundeswehr: „Da mein Vater wie ich Soldat ist, bin ich von Kindesbeinen an umgezogen – insgesamt 13 Mal. Ich habe in fast allen Bundesländern gelebt und bin wegen meines Dienstes weltweit unterwegs. Gerade deshalb bedeutet Heimat für mich etwas Wichtiges: ein persönlicher Rückzugsort, der mir lebenslang bleibt. Ein Platz fernab von Auflagen und Verpflichtungen der Arbeit. Ich habe mir dafür den schönsten Ort der Welt ausgesucht: Münster. Mein Vater hat hier gedient, zwei meiner Geschwister leben hier. Hier finde ich Ruhe, aber auch pulsierendes, junges Leben – so etwas gibt es sonst nirgendwo. Dafür nehme ich die Pen­delei zum Dienstort Idar-Oberstein gern in Kauf.“

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Genevieve Wiehe (27), Greven, Food-Bloggerin (stylingkitchen.com): „Heimat, das bedeutet für mich das Zusammensein mit Freunden und Familie bei einem leckeren Essen. Man kocht zusammen, isst gemeinsam und kann sich auf diese Weise wunderbar austauschen. Die unterschiedlichsten Rezepte werden so ausprobiert und ausgetauscht. Großmütter zeigen ihren Enkeln, wie das Familienrezept des Käsekuchens geht und geben so Generation für Generation ihr Wissen weiter. Die tägliche Mahlzeit bringt die unterschiedlichsten Menschen an einen Tisch und animiert sie zum Gespräch. Das gemeinsame Essen verbindet Familien, Generationen und Kulturen. Heimat ist für mich an dem Ort, wo sich die Liebsten treffen – in der Küche.“

    Foto: Wilfried Gerharz
  • Dr. Timothy Sodmann, gebürtiger Amerikaner, ehemaliger Leiter des Landeskundlichen Instituts Westmünsterland: „‚Heimat‘ gehört zu den Wörtern, die vor Emotio­nalität strotzen. Ob ‚alte Heimat‘, ‚neue Heimat‘, ­‚heimatverbunden‘, ‚heimatvertrieben‘ oder ‚heimatlos‘ – immer schwingt dabei eine ordentliche ­Portion subjektiven Empfindens mit, die eine präzise Umschreibung des Gemeinten nahezu unmög­lich machen. Ist die Heimat ­das ‚Land der Väter‘, oder ­‚dort, wo man geboren wurde‘ oder nur ‚die Gegend, wo ­es einem gut geht‘? In e­iner zunehmend mobilen ­Welt, im ‚globalen Dorf‘ der ­Zukunft wirkt der Heimatbegriff der Romantik nicht mehr so ganz zeitgemäß. Mir persönlich sind jedenfalls die Menschen wich­tiger als der Landstrich, die Bewohner wesentlicher als die Örtlichkeit. Meine ­eigene Heimat ist dort, wo ich mich geborgen, ‚zu Hause‘ fühle. Also doch: ‚Ubi ­bene, ibi patria‘?“ (Wo es mir gut geht, da ist mein Vaterland)

    Foto: Jürgen Peperhowe

Was ist die Heimat? Mal wieder hat Goethe die Antwort schlechthin gefunden. „Hier bin ich Mensch, hier darf ich‘s sein!“ Das Faust-Zitat über einen unbeschwerten Osterspaziergang bringt vieles auf den Punkt. Über die Renaissance des Begriffs sprach der renommierte Münchner Soziologie-Professor Armin Nassehi mit unserem Redaktionsmitglied Claudia Kramer-Santel. Nassehi hat Studium, Doktorarbeit und Habilitation in Münster absolviert.

Spiegelt die Sehnsucht nach Heimat den Wunsch nach Zugehörigkeit?

Armin Nassehi: Was wir seit einigen Jahren beobachten, ist eine Zunahme von Identitätspolitik. Die Zugehörigkeit ist zum Konfliktthema schlechthin geworden – in ganz Europa. Es gibt eine Reethnisierung und Renationalisierung von Konflikten. Auch auf der kulturlinken Seite werden nicht mehr in erster Linie Verteilungsprobleme thematisiert, sondern Fragen wie: Wer bin ich, zu welcher Gruppe gehöre ich, werde ich anerkannt? Man sollte das „Heimat“-Problem nicht nur den Rechten überlassen, sondern sich nach den Bedingungen fragen, unter denen sich Menschen heimisch fühlen. Wo fühlen sie sich angenommen?

Heimat wird also erst zum Thema, wenn man sich heimatlos fühlt?

Nassehi : Man hat die Heimat immer dann beschworen, wenn man glaubte oder behaupten konnte, dass sie verschwunden sei. Der behauptete Heimatverlust ist oft eine Reaktion darauf, dass alles moderner, pluralistischer wird, weil man einen Kontrollverlust befürchtet oder ihn behauptet und konstruiert. Man denke etwa an den Spruch des AfD-Politikers Alexander Gauland vom Wahlabend: „Wir holen uns das Land zurück“. Das zeigt, wie man diese Gefühlslage instrumentalisieren kann.

Warum ist die Heimat so wichtig?

Nassehi: Wenn man sich fragt, wo man heimisch ist, kommt man auf Orte, an denen man nicht weiter erklären muss, dass man da ist. Das muss nicht automatisch der Ort sein, an dem man immer schon gelebt hat. Fragt man Menschen dazu, werden sie es aber zumeist mit Chiffren von Kindheit belegen. Ein eigenes Zuhause, Gerüche, Musik, das Essen. Vieles, was mit sinnlicher Erfahrung verbunden wird. Natürlich ist mir das Eigene näher als das Fremde. Man kann nicht leben ohne gewohnte Routinen, die den Alltag erleichtern. Wir nennen das in der Soziologie Habitus. Wenn man anderswo leben muss, wird es schwer, man lernt das Eigene zu schätzen. Das heißt aber nicht, dass Heimaten in diesem Sinne nicht neu entstehen können. Im Übrigen ist Gesellschaft, wie wir sie kennen, auch das Ergebnis vielfältiger Migrationsprozesse, die stets neue Heimaten erzeugt haben.

Überfordert die liberale Gesellschaft Menschen? Ist der Heimattrend auch ein Schrei nach Ruhe?

Nassehi : Die Beschwörung von Heimat ist immer dann stark, wenn es ein Überforderungsgefühl gab – oder wenn man das wenigstens so behaupten konnte. Wenn die Welt komplexer wird, dann gibt es nichts mehr, was unbedingt und ohne Widerspruch gilt. Man hat das einmal eine metaphysische Heimatlosigkeit der Moderne genannt. Eine moderne Gesellschaft produziert so etwas natürlich. Man gehört zu nichts mehr automatisch dazu. Daraus lässt sich dann in Konfliktsituationen eine Sehnsucht nach Geborgenheit ableiten.

Die Politik entdeckt die Heimat. Hilft es, Heimat in Bayern, NRW und auf Bundesebene zum expliziten Thema für eine ministeriale Zuständigkeit zu machen?

Nassehi: Beispiel Bayern: Hier hängt das Heimatministerium am Finanzministerium. Markus Söder sollte sich darum kümmern, ähnliche Lebensverhältnisse von Stadt und Land herzustellen und dafür sorgen, dass nicht alles Geld in urbane Strukturen fließt. De facto ging es also eher um modernen Breitbandnetzausbau und weniger um Traditionspflege. Eine pragmatische Sicht. Ein Heimatministerium? Meiner Meinung nach ist das pure Symbolpolitik. Aber wenn es hilft, Menschen davon abzuhalten, die AfD zu wählen – warum nicht? Ich habe kein Problem damit. Politiker aller Parteien müssen aber vielleicht jenseits der Symbolpolitik mehr darüber nachdenken, was Menschen brauchen, um sich in ihrem Leben wirklich dazugehörig und heimisch zu fühlen.

Heimat – manchmal nur ein Modebegriff?

Nassehi : Viele Menschen meinen, beispielsweise mit dem Tragen eines Dirndls eine Tradition zu pflegen. Dabei ist Folklore oft nur eine moderne Marketingmaßnahme. Gerade in der Jugendkultur haben solche Heimat-Accessoires oft eher etwas Spielerisches. Es ist wie eine Art Popkultur, die nicht mehr für etwas Verbindliches steht, letztlich ein unverbindliches Zeichen ist – eine Verkleidung neben anderen. Doch es gibt ja viele interessante, neue Formen der Volksmusik und des Essens, die Heimat und Moderne auf junge, zukunftsgewandte Weise verbinden.

Unterscheiden sich Stadt- und Landleben eigentlich wirklich noch so stark?

Nassehi: Nicht mehr so stark wie früher. Es gibt inzwischen weniger Unterschiede bei der Bildung und der Mobilität. Probleme gibt es wegen der demografischen Wende. Nach meiner Beobachtung kommen gerade eher konservative Landmenschen erstaunlich gut mit Flüchtlingen klar. Man versteht, was es bedeutet, die Heimat zu verlieren, holt sie in die Vereine und denkt sich, man wird sich schon irgendwie zusammenraufen. Vielleicht haben Menschen auf dem Land sogar eher einen Sinn dafür, dass gelungenes Leben auf der Ebene von praktischer Bewährung stattfindet und nicht durch politisch korrekte Sätze.

Kommentar: Heimat grenzt nicht aus

Kaum ein Wort in der deutschen Sprache löst derart tiefe Emotionen aus wie das Wort „Heimat“. Menschen wollen heim, suchen nach einem Zuhause, sie fühlen sich heimatverbunden. Es ist wieder modern, über Heimat zu reden, und zwar jenseits nostalgischer Beharrung, Verzückung und Verzuckerung. Es ist vom Anrecht auf Heimat die Rede, von Willkommenskultur, von alter und neuer Heimat. Die neue Sicht auf Heimat hängt ganz sicher auch mit den Bildern von Krieg, Zerstörung und flüchtenden Menschen zusammen, denen man die Heimat genommen hat. Die Sehnsucht nach Heimat wächst zudem in Zeiten neuer Unübersichtlichkeit, in der uns die global vernetzte Vielfalt verwirrt. Die Politik hat das Thema „Heimat“ längst für sich entdeckt. Mitunter klingt das so, als müsse man Heimat neu ab- und eingrenzen. Doch es geht um mehr. Es gilt, sich der eigenen kulturellen Identität zu vergewissern und zugleich anzuerkennen, dass alle Menschen Heimat suchen. Wer seine Heimat schätzt, wird sich nicht mit Kirchturm, Maibaum und Ruhebank begnügen. Er wird die eigene Heimat dem Fremden aufschließen. Viele Heimatvereine haben das längst begriffen. Johannes Loy

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