Neue Studie zum Wohnungsmarkt
Für Arme reicht das Angebot nicht

Münster -

Für Geringverdiener gibt es zu wenig bezahlbaren Wohnraum. Das zeigt eine von der Hans-Böckler-Stiftung geförderte Studie zum Wohnungsmarkt, die zu einem drastischen Ergebnis kommt.

Dienstag, 17.04.2018, 20:00 Uhr

In Münster werden aktuell viele Wohnungen gebaut, hier die neue Siedlung Erphobogen. Für Geringverdiener sind die Wohnkosten aber unverändert eine Belastung.
In Münster werden aktuell viele Wohnungen gebaut, hier die neue Siedlung Erphobogen. Für Geringverdiener sind die Wohnkosten aber unverändert eine Belastung. Foto: Matthias Ahlke

Die Nachricht der Hans-Böckler-Stiftung klingt spektakulär: In Münster fehlen 33 292 bezahlbare Wohnungen. Die Stiftung erweckt mit dieser Aussage den Eindruck, als würde sie alle Wohnungsuchenden in Münster persönlich kennen. Konkret geht es aber um ein Rechenmodell, das die Stiftung für die 77 Großstädte mit jeweils mehr als 100 000 Einwohner angestellt hat. Danach fehlen in Deutschlands Großstädten 1,9 Millionen bezahlbare Wohnungen.

Wie die Zahl zu verstehen ist

Wie ist nun die Zahl von 33 292 Wohnungen für Münster zu verstehen? Es ist ja nicht so, als wenn die potenziellen Bewohner dieser (nicht existierenden) Wohnungen obdachlos sind und auf der Straße schlafen.

Der Sachverhalt ist weitaus komplizierter, aber deswegen nicht weniger interessant. Also: In 33 292 münsterischen Haushalten, so die Berechnungen der Stiftung, machen die Wohnkosten mehr als 30 Prozent des verfügbaren Haushaltseinkommens aus. Die Wohnkosten sind in diesem Fall genau definiert: Nettokaltmiete plus 2,65 Euro Nebenkosten pro Quadratmeter und Monat.

Auch die Wohnungsgröße ist genau geregelt. Für angemessen halten die Statistiker für einen Ein-Personen-Haushalt bis zu 45 Quadratmeter, bei zwei Personen sind es 60 Quadratmeter, bei drei 75, bei vier 90 und bei fünf Personen bis zu 105 Quadratmeter. Wer mehr Quadratmeter bewohnt, darf sich auch nicht beklagen, wenn 30 Prozent des Einkommens nicht reichen, so die Annahme.

Wohnkosten im Verhältnis zum Einkommen

Das Interessante an der Statistik ist, dass öffentlich verfügbare Daten der Wohnungswirtschaft, etwa Mietniveau und Wohnungsgrößen, abgeglichen werden mit den Zahlen zum verfügbaren Einkommen der Haushalte. Letzteres liegt – im rechnerischen Durchschnitt – bei 1484 Euro für einen Alleinlebenden, bei einem Drei-Personen-Haushalt sind es 2968 Euro. Angemessen wären demnach Wohnkosten bis zu 445 beziehungsweise bis 890 Euro. Darüber hinausgehende Kosten sind laut Studie den Betroffenen nicht zumutbar und volkswirtschaftlich schädlich, weil zu wenig Geld für anderes übrig bleibt.

Setzt man die ermittelten Daten zu Haushaltseinkommen, Haushaltsgröße, Wohnkosten und Wohnungsgröße ins Verhältnis zueinander, dann entsteht für Münster die Zahl 33 292.

Nun ist es eine Binsenweisheit, dass Menschen mit einem hohen Einkommen eine größere Auswahl bei Wohnungen haben, weil sie sich neben preiswerten auch etwas teurere Wohnungen leisten können, ohne besagte 30-Prozent-Grenze zu überschreiten.

Zu wenig Wohnraum für Ärmere

Bei niedrigem Haushaltseinkommen sieht das natürlich anders aus. So haben die Statistiker ermittelt, dass es bei der Versorgung ärmerer Bevölkerungskreise ein gravierendes Problem gibt. Ein Beispiel: Die Zahl der Haushalte in Münster mit weniger als 60 Prozent des Durchschnittseinkommens ist um 24 179 größer als die Zahl der vorhandenen Wohnungen, die so preiswert sind, dass Arme sie mieten könnte, ohne die 30-Prozent-Marke zu überschreiten. Anders ausgedrückt: 72 Prozent der fehlenden bezahlbaren Wohnungen entfällt auf diese Gruppe.

Im Gegenzug gibt es für alle Bevölkerungsgruppen mit mindestens 80 Prozent des Durchschnittseinkommens gar keine Unterversorgung. Natürlich überschreiten auch Mittel- und Gutverdienende mitunter die besagte 30-Prozent-Marke. Gleichwohl ist das Wohnungsangebot in diesem Segment so groß, dass es bei entsprechender Verteilung reichen würde.

Bei den Armen aber reicht es nicht, weil es gar nicht reichen kann.

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