Sa., 30.10.2010

Elternalarm Interviews Neue Harmonie zwischen den Generationen

Münster - An diesem Wochenende findet in Münster zum fünften Mal die Aktion Elternalarm statt. Warum lassen Studierende diese Besuche zu, obwohl ihre Eltern in der eigenen Jugend sehr wahrscheinlich ganz anders reagiert hätten? Darüber sprach WN-Redakteur Klaus Baumeister mit den beiden Uni-Soziologen Prof. Dieter Hoffmeister und Dr. Katrin Späte .

Studierende und ihre Eltern machen sich beim Elternalarm ein schönes Wochenende. Vor 30 Jahren wäre das undenkbar gewesen. Warum?

Hoffmeister: Wir müssen da etwas zurückblicken. Seit den 70er Jahren beobachten wir einen grundlegend veränderten Erziehungsstil. Die autoritäre Eltern-Kind-Beziehung früherer Jahrzehnte ist weitgehend verschwunden. In der Folgezeit setzte sich der sogenannte „Verhandlungshaushalt“ durch. Das heißt: Eltern und Kinder legen praktisch in einem familiären Diskurs Maßstäbe und Regeln fest. Die Kinder, die in derartigen Haushalten groß geworden sind, bevölkern seit rund zehn Jahren die Hochschulen.

Ist der „Verhandlungshaushalt“ eine Modeerscheinung, oder gibt es handfeste Gründe dafür?

Hoffmeister: Die antiautoritäre Einstellung der 68er Generation ist sicherlich ein Grund, ein anderer ist die sinkende Kinderzahl in den Haushalten. In Kleinfamilien gestaltet sich das Eltern-Kind-Verhältnis ganz anders als in Großfamilien. Oder nehmen wir die zunehmende Zahl an Patchworkfamilien. Auch hier erleben Kinder noch einmal eine ganz andere Form der Beziehung zu ihren Eltern und den jeweiligen Partnern.

Wie wirkt sich das auf die Kinder aus, wenn sie selbst erwachsen werden?

Hoffmeister: Alle Jugendstudien belegen die außerordentlich große Verbundenheit der Kinder zu ihren Eltern. Erstaunlich viele junge Menschen bezeichnen ihre Eltern als Vorbilder und orientieren sich an deren Lebensstil. Die wechselseitige Akzeptanz ist sehr hoch.

Werden Eltern eher als Berater denn als Eltern wahrgenommen?

Hoffmeister: Das Verhältnis ist spätestens mit dem Eintritt der Kinder ins Erwachsenenalter weitgehend gleichberechtigt.

Bieten Eltern noch genug Reibungsfläche für ihre Kinder?

Hoffmeister: Natürlich ist der grundlegende Wandel im Eltern-Kind-Verhältnis nicht frei von Gefahren. Nehmen wir die Kinder, die in Alleinerziehenden-Haushalten aufwachsen. Wenn Mütter oder auch Väter in ihren Kindern den Partner oder gar den Ersatz-Partner sehen, ist das Kind überfordert. Es gibt da keinen Automatismus, aber zumindest ein Risiko. Auch in anderer Hinsicht sollte man nie die Grenzen des „Verhandelns“ ignorieren. Eltern, die glauben, selbst Alltäglichkeiten wie das Essen ständig mit den Kindern ausdiskutieren zu müssen, bekommen irgendwann ein Problem, die Kinder auch. Das hat auch nichts mit demokratischer Erziehung zu tun.

Für den viel zitierten Untergang der Familien gibt es aber keine Anhaltspunkte?

Hoffmeister: Im Gegenteil. Die hohe Zahl an Scheidungen und das steigende Alter, bis Menschen sich zur Gründung einer Familie entscheiden, rührt nicht daher, dass der Wert der Familie gesunken ist. Vielmehr sind die Ansprüche an die Familie gestiegen. Wenn Familien scheitern, dann oft deshalb, weil die Familienmitglieder zu hohe Erwartungen in sie hineinprojizieren.

Haben erwachsene Söhne ein anderes Verhältnis zu den Eltern als Töchter?

Späte: Generell kann man sagen, dass das Verhältnis freundschaftlicher geworden ist. Für viele Töchter zum Beispiel ist die Mutter auch die beste Freundin. Psychologisch betrachtet, sind Mutter-Tochter-Beziehungen besonders intensiv, aber auch besonders konfliktreich. Entsprechend individuell sind die Erwartungen. Manche Töchter sind ganz stolz darauf, wenn die Mutter als ältere Schwester durchgeht, andere ärgern sich darüber, wenn die Mutter den gleichen Modegeschmack hat.

Kommen wir zu den Jungen. Ihnen wird nachgesagt, dass sie nur ungern auf das „Hotel Mama“ verzichten.

Späte: Da mag was dran sein. Ich wage aber die These, dass hier auch eine „instrumentelle Vernunft“ eine wichtige Rolle spielt. Nehmen wir Studierende hier in Münster, die aus der Region kommen. Für deren Familien hat es handfeste wirtschaftliche Vorteile, wenn die Kinder während des Studiums zu Hause bleiben und pendeln. Denn die Mieten in Münster sind exorbitant hoch.

Aber es fehlt doch offenbar der Druck, nach der Schule das Elternhaus zu verlassen.

Späte: Das wird dadurch erklärbar, dass rund 80 bis 90 Prozent der Studierenden aus der oberen Mittelschicht und der Oberschicht stammen. Hier ist der angesprochene, neue Erziehungsstil besonders verbreitet. 78 Prozent der jungen Menschen aus diesen Schichten haben bei einer Umfrage angegeben, mit ihrem Leben sehr zufrieden zu sein. Es fehlt offenbar ein Leidensdruck, um gegenüber den Eltern auf Distanz zu gehen.

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