So., 30.11.2014

„Malatt in’n Kopp“: Niederdeutsche Bühne verfrachtet Molière-Klassiker ins Münsterland Der Mann, der um sich selber kreist

Was hecken die Frauleute da nun wieder aus? Der eingebildete Kranke (Hannes Demming) hat seine Ehefrau Lamke (Heike Artmann, r.) und die Dienerin Mimi (Elisabeth Georges) auf dem Kieker.

Was hecken die Frauleute da nun wieder aus? Der eingebildete Kranke (Hannes Demming) hat seine Ehefrau Lamke (Heike Artmann, r.) und die Dienerin Mimi (Elisabeth Georges) auf dem Kieker. Foto: Oliver Berg

Münster - 

Hoch oben thront er über der Restfamilie: Molières „eingebildeter Kranker“ mit Namen Argand heißt in der Fassung von Hannes Demming Gisbert van Boland und residiert in Münster. Demming, spiritus rector der Niederdeutschen Bühne und als Übersetzer ins „Mönsterlänner Platt“ seit Jahrzehnten ein kunstfertiger Mann, poltert höchstselbst in Nachtpolter, Morgenmantel und Kappe mit Bömmelken durch die Szenerie. Keine Frage, der Mann ist körperlich kerngesund, aber ziemlich „malatt in’n Kopp“ und dazu noch cholerisch. Mit anderen Worten: ein Hypochonder, der nur um sich selber und seine Körpersäfte kreist.

Von unseremRedaktionsmitgliedJohannes Loy

Regisseur Hermann Fischer setzt den Freunden der Niederdeutschen Bühne und Sprache eine Szenerie vor, die einerseits Bezug auf das 17. Jahrhundert nimmt (Kostüme: Helgard Classen-Seiffert), andererseits aber in der Anordnung von Gardinen und Vorhängen (Bühnenbild: Kerstin Bayer) ab­strakt bis unbestimmt erscheint. Wobei die einleitenden Schattenspiele auf dem Vorhang durchaus gefallen.

Den Akteuren bleibt in dieser Szenerie zumeist nicht viel mehr zu tun, als sich auf ihren Text zu konzentrieren und mit häufigem Auf- und Zuziehen der Gardinen den Wechsel von Tag und Nacht zu simulieren. Demming selbst hat in seiner Rolle eine imponierende Menge an kräftigem Text zu sprechen und dominiert das Stück ebenso wie der entrückte Lehnstuhl in der Mitte den Rest der Bühne. Aber er verfügt zugleich über Mitspielerinnen, die nicht auf die „Mule“ gefallen sind und ihm, dem Hypochonder, kräftig Paroli bieten können: Da ist Elisabeth Georges als Dienerin Mimi, die im Haus eigentlich die Hosen anhat und die verqueren Kuppelei-Ideen des Haustyrannen wacker durchkreuzt. Da ist ferner Heike Artmann als Ehefrau Lamke, die sich einerseits bei ihrem „leiwen“ Mann einschleimt, aber eigentlich mehr das reiche Erbe vor Augen hat.

Boland möchte sein Töchterchen Angelika (Grete Köckemann) am liebsten mit dem Sohn (Franz Strukamp) seines Leibarztes Propper (Bernd Bäumer) verkuppeln, um einen Arzt in der Familie zu haben, der sich mit „Ärtklabastern“ „Verköhlung“, Lunge, „Milt“, „Liäwer“ und üblen Darmwinden auskennt. Doch das Töchterchen hat nur Augen für ihr Herzblatt Philipp (Alexander Waltering). Die dritte starke Frau im Stück ist Monika Rappers als Gertrud, die Schwester des Hausherrn, und sie wird ihm im Verbund mit Mimi die Augen über sein Eheweib öffnen.

Das alles reiht sich – sicher auch etwas dem Premierenfieber geschuldet – im ersten Teil noch etwas statisch aneinander, bekommt aber im zweiten Teil den richtigen Drive. Vor allem in jenem Moment, als der „Obermedikus“ Kehrer (Bernd Artmann) den nölenden Kranken zusammenstaucht, weil dieser seine Kunst nicht so annimmt, wie der Doktor das will. Wie Artmann hier den schließlich am Boden um Gnade winselnden „Kranken“ in einer Litanei über „Buukwater“, „Dyspepsie“ und allerlei „Süken“ aufklärt, das löst allgemeine Heiterkeit aus.

Am Ende wird sich alles familiär fügen, und das aufmerksam lauschende Publikum wird sich ebenso wie schon zu Molières Zeiten fragen, ob es sich lohnt, nur noch um die eigene Befindlichkeit zu kreisen und in Ängsten und Zwängen gefangen zu sein. Nach zweieinhalb Stunden gab es freundlichen Applaus für das gesamte Ensemble.

Zum Thema

Nächste Aufführungen: 4. Dezember 19.30 Uhr; 14. Dezember 19 Uhr; 27. Dezember 19.30 Uhr; 28. Dezember 17 Uhr. Weitere Termine im Januar, Februar und April 2015. 

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