Mi., 17.12.2008

Kultur Nachrichten Der Kultur-Komplex

Von Elmar Ries

Münster. Die Westfalen , die haben ja einen Komplex. Mal sorgen sie sich, nicht ernst genommen zu werden in Düsseldorf , dann wiederum wähnen sie sich von der Landesregierung benachteiligt, und sei es nur derart, dass der Erz-Rivale Ruhrgebiet und der Eh-und-je-Konkurrent Rheinland anscheinend bevorzugt werden. Und zu guter Letzt dräut da ja immer noch die Verwaltungsreform, die ausgerechnet dem Revier mehr Selbstbestimmung zubilligt – auf Kosten Münsters, der traditionsreichen Westfalen-Metropole.

Da wundert es nicht, dass der Blick gen Düsseldorf mehr von Argwohn denn von Unbefangenheit getragen wird.

Jüngstes Beispiel: Ein Kulturgutachten, von dem selbst der fürs Kulturelle zuständige Staatssekretär Hans-Heinrich Grosse-Brockhoff sagt, dass das, was auf 92 Seiten niedergeschrieben worden ist, nie eins zu eins umgesetzt wird.

„Ich sorge mich, dass Westfalen in Sachen Kultur ins Hintertreffen gerät“, sagt trotzdem Regierungspräsident Dr. Peter Paziorek . Und weiß mit dem Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) einen machtvollen Verbündeten an seiner Seite. Dessen Chef, Dr. Wolfgang Kirsch, formuliert drastischer: „Westfalen scheint den Herren Gutachtern unbekannt zu sein. Das kann ja nicht nur daran liegen, dass die Berater es bei der Zugfahrt durch Bielefeld, Bochum oder Münster nicht geschafft haben auszusteigen.“

Und wirklich, wer sich die Mühe macht, das Gutachten mit dem Titel „Kunst.NRW“ zu lesen, dem fällt auf: Kultur in NRW soll aufgewertet werden, nur: Westfalen taucht mit keinem Wort auf. Dafür aber die Bühne der Stadt Köln, die ebenso zum Staatstheater geadelt werden soll wie das Musiktheater und Schauspiel Essen und, und, und . . .

„Dr. Wolfgang Kirsch und ich sind der Meinung, dass Westfalen ein bedeutender Kulturraum ist, mit vielen zukunftsträchtigen Projekten. Nur einheitlicher präsentieren muss er sich noch“, sagt Paziorek. Zu diesem Zweck wollen die ungleichen Brüder LWL und Bezirksregierung noch demnächst Veranstaltungen abhalten, die den Zweck haben, das kulturelle Profil der Region herauszuarbeiten und zu schärfen.

Nun ist gerade die oftmals unschuldig anmutende Kultur ein beliebtes Schlachtfeld für die Politik. Im Großen, wie im nicht ganz Kleinen: Lobt der Regierungspräsident zum Beispiel die niederländische Region Twente, „in der die Kulturpolitik als gut funktionierendes Netzwerk organisiert ist, das nicht vor Verwaltungsgrenzen stoppt“, darf dies getrost als Konter gegen Norbert Lammert gewertet werden. Mit Blick auf die Kulturhauptstadt 2010 hatte der Bundestagspräsident und Ex-Ruhr-CDU-Chef die Regierungspräsidenten sinngemäß als aufsichtsbehördliche Projektverhinderer bezeichnet.

Und selbst Grosse-Brockhoff, so wird in Düsseldorf kolportiert, erzähle oft und gerne, dass die Vorschläge der Gutachter nicht festgeschrieben seien, weil er außen vor gehalten worden ist. Die Expertise wurde von der Staatskanzlei und der Kunststiftung NRW unter Dr. Fritz Schaumann in Auftrag gegeben. Nicht ganz zufällig wird Schaumann oft als heimlicher Kulturminister des Landes bezeichnet. Kulturpolitik als Strukturpolitik, modern organisiert als Netzwerk, eine Version 2.0 sozusagen, die die oft altbacken wirkende innere wie äußere Begrenztheit von Gebietskörperschaften ignoriert: So eine Idee wirkt wie ein gezielt losgelassener Testballon gegen die Verwaltungsstrukturreform. Paziorek, so sieht es zumindest aus, wagt sich da hinaus aufs politische Eis, langsam – und absichtlich mit einem vermeintlich leichten Thema. Vielleicht, um auszuprobieren, wann es knackt.

Denn: Wenn Kulturpolitik so funktioniert, könnte auch die Wirtschaftsförderung und vieles andere so organisiert werden. Wieso dann die Bezirksregierungen aufgeben? Netzwerke müssen schließlich moderiert werden, die Mittelbehörden als Clearingstelle – warum nicht in diese Richtung denken? All das sagt der Regierungspräsident natürlich nicht. Ihm gehe es allein darum, Westfalens Profil als Kulturregion zu stärken, sagt er. Die Kultur als Schlachtfeld der Politik? Unmöglich.

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