So., 25.04.2010

Kultur Nachrichten Schicksalsgestalt Claire

Von unserem Redaktionsmitglied Harald Suerland

Münster - Der Lehrer gibt schon im ersten Akt den entscheidenden Hinweis: Er fühlt „antike Größe“. Und wird selbst zur tragischen Gestalt, weil er, als Humanist mit geistigen Wurzeln im alten Griechenland , am Ende die intellektuelle Rechtfertigung für die Bewohner der Stadt Güllen liefert, ihren Mitmenschen Alfred Ill zu töten. „Nicht des Geldes, sondern der Gerechtigkeit wegen“, sagt der Lehrer, und kurz darauf nimmt der Bürgermeister den fetten Scheck entgegen.

Gewiss, in Friedrich Dürrenmatts „Besuch der alten Dame“ ist die Moral mit Händen zu greifen. Um das Stück nicht als moralinsaures Lehr-Gedicht auf die Bühne zu bringen, muss ein Regisseur sich etwas einfallen lassen. Wie Wolfram Mehring, der den Schullektüre-Klassiker in Münsters Großem Haus inszeniert hat. Als Tragödie mit archaischer Wucht.

Natürlich hat er auch die komödiantischen Momente im Blick. So geht die erste feierliche Ansprache des Bürgermeisters an die reiche alte Dame Claire Zachanassian, die zurückgekehrt ist, um sich an ihrem Jugendfreund zu rächen, im Lärm der vorbeifahrenden Züge unter. Und die blinden Kastraten Koby und Loby, an denen sich Claires Rachefantasien bereits entzündeten, sind ebenso wie ihre wechselnden Ehemänner (Marek Sarnowski) nicht als Charaktere, sondern als Zerrbilder gezeichnet. Der böse Spaß muss sein.

Als Chor im Sinne der griechischen Tragödie, wie ihn Dürrenmatt zum zynischen Schluss einsetzt, agieren die Bewohner des notleidenden Städtchens von Anfang an. Schlotternden Lemuren gleich hausen sie in einem Raum mit hohen Wandelementen, die bei passender Beleuchtung eine Stadtsilhouette ergeben, und einer bedrohlichen Decke mit Neonröhren, die von Claire im zweiten Akt als weitläufiger Balkon benutzt wird: Die Bühne von Jochen Diederichs erzeugt eindrucksvoll eine latent bedrohliche Atmosphäre. Die Kostüme von Maja Scholl-Lemcke zeigen dabei auf stimmige Weise, wie die Bewohner des Städtchens zu geliehenem Wohlstand gelangen, nachdem sie zunächst Claires Angebot abgelehnt hatten, für eine dicke Spende ihren Jugendfreund zu töten.

Aus dem Chor der Güllener, der mal als gemischter Gesangsverein, mal als antikische Volksmasse agiert, lösen sich die einzelnen Gestalten, die vom Regisseur weniger als naturalistische Figuren denn als Archetypen geführt werden. Daher geben etwa Wolf-Dieter Kabler als Bürgermeister, Hannes Demming als Pfarrer oder Johann Schibli als Lehrer ihren Rollen ein passend kantiges Profil; allein Johannes-Paul Kindler ist es vorbehalten, als Alfred Ill ein Staunender, dann (mit stummem Schrei) ein Leidender und zuletzt ein lächender Fatalist zu sein.

Besonders markant erscheint Mehrings Inszenierung bei der Gestaltung der Titelrolle. Schon möglich, dass Carola von Seckendorff stimmlich alles geben muss, um im Großen Haus gut verstanden zu werden. Tatsache ist, dass sie, mit wunderbar grimmer Miene, Nuancen weitgehend vermeidet und dadurch keine reale rachedürstende Frau, sondern eine Schicksalsgestalt darstellt, die über das Städtchen gekommen ist. Erst beim letzten Treffen mit Alfred Ill und ihrer Verkündung, seine Leiche mit sich zu nehmen, erscheint sie wieder menschlich.

» Die nächsten Termine: 27. April, 29. April, 7., 15., 18. Mai jeweils 19.30 Uhr, 23. Mai 17 Uhr, 29. Mai 19.30 Uhr

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