Fr., 24.09.2010

Kultur Nachrichten Verzweiflung im fremden Land

Von unserem Mitarbeiter Chr. Schulte im Walde

Münster - Diese Frage stellen Menschen, seit es Religion gibt: Wozu gibt es das Leiden in der Welt? Warum trifft gerade mich ein hartes Schicksal? Weshalb ist Gott so grausam? Hiob verzweifelt an seinem Gott, seinem Jahwe. Jedenfalls jener Hiob, den Joseph Roth zur zentralen Figur seines 1930 entstandenen Romans gemacht hat. In der Bühnenfassung von Koen Tachelet feierte die Hiobsgeschichte Premiere im Rahmen der Exodus-Tage.

Was Joseph Roth in die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg ansiedelt, verallgemeinert Regisseur Hannes Hametner ins Zeitlose. Da ist der einfache, fromme Hauslehrer Mendel Singer mit seiner Familie. Der jüngste Sohn behindert, die beiden älteren mit sehr eigenem Kopf, die Tochter auf der täglichen Jagd nach Männern. Und Mutter Deborah immer gern mal in Opposition zu den strengen Ansichten ihres Mannes, der die ganze Situation als Prüfung begreift: Leid aushalten, es scheint Gottes Wille, sogar die sexuellen Ausschweifungen der Tochter. Doch Mendel Singer wittert eine Chance, genau diese abzustellen. Auf nach Amerika , wo Sam, der desertierte Sohn, erfolgreich Geschäfte macht. Mutter, Vater, Tochter Singer machen sich auf den Weg - Exodus!

Amerika ist schnell, ist laut, ist schrill. So wie die Kostüme von Giovanni de Paulis. Mutter und Tochter in dickem Pelz und behängt mit mächtigen Klunkern. Dem einfachen Hauslehrer geht dieses entwurzelte Leben im vermeintlich gelobten Land bald auf die Nerven. Dann prasseln die sprichwörtlichen Hiobsbotschaften auf ihn ein: Der in der Heimat gebliebene Sohn ist im Krieg gefallen. Daraufhin bricht Deborah zusammen und stirbt, die Tochter wird verrückt. Und Mendel verliert seinen Glauben, vollends. Sein Leben? Sinnlos geworden! Er schaufelt sich sein Grab, bewirft sich mit Asche.

Das sind am Ende der knapp dreistündigen Vorstellung starke Momente, in denen Johann Schibli in der Titelrolle noch mehr Energie mobilisiert als zuvor schon. Carola von Seckendorff als Mendels Frau liefert die ganze Bandbreite der Gefühle von Zärtlichkeit bis Zorn. Judith Patzelt gibt die Tochter Mirjam: eigensinnig, aufreizend, selbstbewusst. Frank-Peter Dettmann ist ihr Bruder Jonas, der Soldat, der genau weiß, was er will. Den Sohn Schemarjah, der in der Neuen Welt gute Geschäfte macht, spielt Tim Mackenbrock locker und jovial. Johannes-Paul Kindler schlüpft passgenau in diverse kleinere Rollen.

Joseph Roths Hiob-Roman wendet das konkret erfahrene Unglück in das Glück des wiedergefundenen Sohnes Menuchim, des Epileptikers. Den spielt Julia Stefanie Möller fantastisch und überzeugend. Beim Exodus daheim zurückgelassen, hat Menuchim inzwischen eine Weltkarriere als Musiker gemacht und findet den Rest seiner Familie. Das ist genau das Wunder, von dem Mendel geträumt hat.

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