Kultur
Mi., 22.02.2012
Als die Himmelsscheibe von Nebra wieder auftauchte
Landesarchäologe Harald Meller betrachtet am 22.05.2008 die weltbekannte Himmelsscheibe von Nebra. Foto: Peter Endig
Halle (dpa) - Es ist bitterkalt an diesem 23. Februar 2002. In der Nacht hat ein Schneesturm getobt. Der Landesarchäologe von Sachsen-Anhalt, Harald Meller, steht in der Hotelhalle eines Hotels im schweizerischen Basel und hat ein flaues Gefühl im Magen.
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Eine Frau spricht ihn an und führt ihn in die Bar im Untergeschoss. Dort erwartet ihn ein hagerer, finster dreinblickender Mann. «Ich war nervös und die Ledertasche des Mannes machte mir Angst. Ich dachte: Vielleicht ist dort eine Waffe?», erinnert sich Meller. Plötzlich schiebt der Mann wortlos seinen Pullover hoch. Meller sieht etwas in ein Handtuch eingewickelt und mit Klebestreifen am Körper des Mannes befestigt. Der Unbekannte löst die merkwürdige Konstruktion von seinem Körper und reicht Meller wortlos ein kreisrundes Metallstück.
«Ich hielt die Scheibe zum ersten Mal in den Händen und war überwältigt von der bildnishaften Qualität. Es war einer der größten Augenblicke in meinen Leben», sagt Meller heute zu der Übergabe vor zehn Jahren. Wenige Minuten später nimmt die Schweizer Polizei das Hehlerpärchen fest - und rettet damit einen der wichtigsten archäologischen Funde des 20. Jahrhunderts.
Anfang Juli 1999 waren zwei Raubgräber mit ihren Metallsonden im Waldboden des Mittelberges bei Nebra (Burgenlandkreis) auf einen Bronzeschatz gestoßen. Das spektakulärste Stück: eine über 3600 Jahre alte grünlich schimmernde Himmelsscheibe mit Goldauflagen. Es handelt sich um die älteste konkrete Himmelsdarstellung der Welt. Die Scheibe verkauften die Raubgräber illegal nach Nordrhein-Westfalen; zusammen mit zwei prunkvollen Bronzeschwertern, zwei Randleistenbeilen, einem Meißel sowie Armringen aus Bronze. Nach dem Gesetz gehört der bronzezeitliche Schatz dem Land Sachsen-Anhalt.
Seit 2008 befindet sich die weltberühmte Himmelsscheibe von Nebra in der Dauerausstellung des Landesmuseums für Vorgeschichte in Halle/Saale, wo sie bislang mehr als 750 000 Menschen gesehen haben. Zuvor ging sie durch Expertenhände, wurde mit unterschiedlichen Methoden analysiert. «Es sind derzeit keine weiteren Untersuchungen geplant, denn die Himmelsscheibe ist eines der am besten untersuchten archäologischen Objekte», sagt Meller.
Auf dem zwei Kilogramm schweren, grünlich schimmernden Diskus mit einem Durchmesser von 32 Zentimetern befinden sich Goldauflagen, die von Archäologen als Schiff sowie Mond, Sonne und Sterne gedeutet werden. Eine Ansammlung von sieben Goldpunkten wird als Sternenhaufen der Plejaden gedeutet. «Die Scheibe stammt aus Mitteldeutschland, denn es gibt topographische Bezüge zum Brockenmassiv im Harz», sagt der Astronom der Ruhruniversität Bochum, Wolfhard Schlosser. «Auf der Scheibe haben ihre Erbauer uraltes kalendarisches Wissen aus der Steinzeit über die Bestimmung der Sommer- und Wintersonnenwende verewigt. Denn bereits vor rund 7000 Jahren konnte mit Hilfe von Kreisgrabenanlagen, wie in Goseck, der Lauf der Gestirne und der richtige Zeitpunkt für die Aussaat bestimmt werden».
«Sollte es in einigen Jahren neue Erkenntnisse geben oder sogar eine zweite Himmelscheibe auftauchen, müsste die Forschung wieder aufgenommen werden», sagt Schlosser. «Bis dahin geht die Fachwelt davon aus, dass die Himmelscheibe in der Bronzezeit viele Jahre als kombinierter Sonnen- und Mondkalender und als Kultobjekt genutzt wurde.»
