Di., 20.11.2012

Kultur Stralsund: Verkauf von historischer Bibliothek war «Fehler»

Stralsund (dpa) - Die Hansestadt Stralsund will den umstrittenen Verkauf einer historischen Bibliothek aus ihrem Stadtarchiv an einen privaten Antiquar rückgängig machen.

Von dpa

Bei den rund 6000 verkauften historischen Büchern aus der Stralsunder Gymnasialbibliothek handele es sich um ein «bedeutendes Bibliotheksgut», sagte Oberbürgermeister Alexander Badrow am Dienstag unter Berufung auf ein externes Gutachten. Er warf dem Stadtarchiv «eine eklatante Fehleinschätzung» bei der Bewertung des Bestandes vor. «Der Verkauf der Bücher war definitiv ein Fehler gewesen und muss rückgängig gemacht werden.» Die Leiterin des Stadtarchivs, Regina Nehmzow, wurde mit sofortiger Wirkung vom Dienst suspendiert.

Die Bücher der im Jahr 1627 gegründeten Stralsunder Gymnasialbibliothek gehen zum Teil auf das 16. Jahrhundert zurück. Die Stadt hatte im Sommer 2012 aus dem Bestand des Stadtarchivs die Bücher für 95 000 Euro an einen privaten Antiquar verkauft. Bei dem Verkauf hatte sich die Stadt auf die Einschätzung des Archivs verlassen und keine dritte Meinung eingeholt. «Es lag außerhalb unserer Vorstellungskraft, dass eine Einrichtung mit solch einer großen Reputation so daneben liegt», begründete Badrow den Verzicht auf eine weitere Bewertung.

Die Germanisten Nigel F. Palmer von der Universität Oxford und Jürgen Wolf aus Marburg hatten den Bestand der Gymnasialbibliothek bewertet, nachdem im In- und Ausland der Verkauf heftig kritisiert worden war. Die Bibliothek habe in ihrer Gesamtheit für die Kulturgeschichte der Stadt und der Region eine besondere Bedeutung sowie für Forschung und Wissenschaft einen großen Wert, sagte der Oxforder Professor Palmer. Bände mit handschriftlichen Einträgen trügen unikalen Charakter. Der materielle Gesamtwert der Sammlung müsse sicher «im hohen sechs- oder sogar siebenstelligen Bereich» angesetzt werden. «Weit höher als der materielle Wert ist der ideelle Wert.»

Im Internet wurde unter anderem die «Mechanica» des Leonhard Euler (St. Petersburg, 1736) für 7800 Euro angeboten. Entwarnung gaben die Gutachter, was den befürchteten Verkauf von Inkunabeln, also vor 1500 entstandenen Werken, anbelangt. Alle vor 1500 gedruckten Bücher stünden im Regal des Stadtarchivs. Wie Badrow sagte, hat der Antiquar inzwischen Bereitschaft signalisiert, den Verkauf rückgängig zu machen und sogar dabei zu helfen, bereits an Dritte verkaufte Bücher wieder zurückzukaufen. Möglicherweise muss die Stadt dabei draufzahlen, weil Schadensersatzforderungen auf sie zukommen könnten.

Nach der internationalen Protestwelle kämpft die Welterbestadt um ihr Image. Der Verkauf sei ein Desaster und stehe im Widerspruch zu dem, wie Stralsund mit seinem Erbe umgehe, sagte Badrow. Er wies Spekulationen zurück, dass mit dem Verkauf Haushaltslöcher gestopft werden sollten. Der Vorschlag zum Verkauf sei aus dem Stadtarchiv gekommen, unter anderem mit der Begründung der beengten Platzverhältnisse in den Archivräumen.

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