Sa., 22.03.2014

Gerd Böckmann im Interview „Ich entschleunige mein Leben“

Gerd Böckmann, Schauspieler und Kunstkenner, freut sich auf der Treppe des Picasso-Museums über die Frühlingssonne in Münster.

Gerd Böckmann, Schauspieler und Kunstkenner, freut sich auf der Treppe des Picasso-Museums über die Frühlingssonne in Münster. Foto: Jürgen Peperhowe

Münster - 

Gerd Böckmann zählt seit 50 Jahren zu den profiliertesten Akteuren im Fernsehen und auf den Bühnen im deutschen Sprachraum. Kürzlich ist der langjährige Burgschauspieler 70 Jahre alt geworden. Böckmann hat Wurzeln in Münster und besucht hier regelmäßig seine Mutter (94), wie er im Gespräch mit unserem Redaktionsmitglied Johannes Loy erzählt.

Von Johannes Loy

Wie kommt ihre Verbindung zu Münster zustande?

Gerd Böckmann: Ich bin 1944 in Chemnitz geboren, wo mein Vater, Werner Böckmann, im Orchester spielte. Als sich dort nach dem Krieg abzeichnete, dass die Kommunisten das Sagen haben würden, waren die Eltern entschlossen, nicht unter einer zweiten Diktatur leben zu wollen. So sind wir über die Grenze nach Wuppertal geflüchtet, wo beide Eltern herstammten. 1956 wurde Vater Klarinettist in Münster. Er wirkte hier jahrzehntelang im Sinfonieorchester und als Lehrer an der Musikhochschule.

Sie besuchten damals das Schillergymnasium...

Böckmann: Die Schulzeit war nicht die schönste Zeit. Aber durch Vater war ich von klein auf im Theater mit Schauspiel und Musiktheater befasst, habe zudem Klavierunterricht bekommen. Mit 15 stand für mich fest, dass ich Schauspieler werden wollte. Ein Jahr vor dem Abitur habe ich die Schule geschmissen. Das war ein Befreiungsschlag. Ich habe die Aufnahmeprüfungen an der Folkwang-Schule in Essen und der Falckenberg-Schule in München bestanden und bin dann mit fliegenden Fahnen über den Weißwurstäquator nach München gegangen. Mit einem Mitschüler, dem langjährigen Berliner Kulturredakteur Ulrich Eickhoff, dessen Vater Direktor der Germania-Brauerei war, bin ich bis heute befreundet. Eine weitere Verbindung bestand mit Peter Heisterkamp. Etwa 1970 traf ich ihn zufällig im Flugzeug von New York nach Frankfurt wieder. Erst da erfuhr ich, dass er als „Blinky Palermo“ ein Künstler mit Weltruf geworden war. Sein Grab auf dem Zentralfriedhof in Münster ist direkt gegenüber dem meines Vaters, der vor 20 Jahren starb.

Gerd Böckmann

1944 geboren in Chemnitz, Jugend- und Schulzeit in Münster. Ausbildung zum Schauspieler an der Falckenberg-Schule in München. 1978 prägende Rolle als „Christian“ in der Buddenbrooks-Verfilmung für die ARD. Rund 100 Rollen für Fernsehen und Kino. Ensemblemitglied des Wiener Burgtheaters von 1977 bis 1986 und wieder seit 1999. Als Schauspieler und Regisseur an bedeutenden Bühnen von Zürich bis Hamburg und Berlin aktiv. Internationale Filme wie „Uprising“ („Der Aufstand“, 2001) mit Donald Sutherland. 2011 spielte Böckmann die Rolle des Arztes Kádár in dem ungarischen Spielfilm „Kaland – Das letzte Abenteuer“. Gerd Böckmann lebt in Wien.

Was bedeutet es, Burgschauspieler zu sein?

Böckmann: Es bedeutet, dass man selber zu dem wunderbaren Geschenk beitragen kann, mit den besten Schauspielern und Regisseuren im deutschsprachigen Raum zusammenarbeiten zu können. Natürlich hängt viel davon ab, wer das Theater gerade künstlerisch leitet. Dass das Theater jetzt dermaßen an die Wand gefahren worden ist, finde wir alle sehr schade. Wir hoffen, dass das Theater nach der Finanzmisere durch künstlerische Leistungen wieder dahin kommt, wo es mal war. Die Identität des Wieners und des Österreichers allgemein definiert sich über Staatsoper, Wiener Philharmoniker und über das Burgtheater. Es gibt ein kulturelles Gedächtnis in der Stadt.

Wie beurteilen sie die Querelen um Matthias Hartmann?

Böckmann : Raffgier und Hochmut kommen vor dem Fall. Und genau so ist es eingetreten. Der Minister hat zwei richtige Entscheidungen getroffen: ihn fristlos zu entlassen und Karin Bergmann als interimistische Direktorin bis August 2016 zu bestellen. Sie hat also Zeit genug, den Ozeandampfer Burgtheater in ruhigere Gewässer zu führen und dem Haus wieder eine Zukunftsperspektive zu geben. Sie kann das.

Was treibt Sie eigentlich zurzeit um?

Böckmann: Ich entschleunige mein Leben. Es gibt auch eine Existenz jenseits von Bühne und Kamera. Ich habe ein Haus auf Sardinien. Dort möchte ich nicht nur vier Wochen im Sommer verweilen. Aber kürzlich stand ich noch in dem Stück „Marija“ von Isaak Babel in der Inszenierung von Andrea Breth am Düsseldorfer Schauspielhaus auf der Bühne. Ich möchte als Schauspieler nur noch Projekte annehmen, die mir Freude machen.

Sie tauchen nicht mehr so oft im Fernsehen auf wie früher ...

Böckmann: Das Fernsehen hat sich geändert. Ich habe die Hoffnung, dass eine neue Generation von Regisseuren positiv alarmiert ist durch neue amerikanische Serien wie Breaking Bad oder Homeland. Ich könnte mir vorstellen, dass die Erzählweise fürs Fernsehen sich auch hierzulande noch mal ändert. Da bin ich dann hoffentlich endlich alt genug, um die Alten zu spielen. Ich bin für die Jungen zu alt und sehe für die wirklich gestandenen Patriarchen um die 70 zu jung aus.

Es hätte ja auch sein können, dass Sie die Bühne dem Fernsehen vorziehen...

Böckmann : Nein, ich bin immer zweigleisig gefahren und fand stets die Ergänzung gut. Ich würde gerne gute, altersgerechte Rollen im Fernsehen spielen. Das gebe ich unumwunden zu. Da heißt es im Moment für mich: Warten. Ich habe allerdings das große Glück, dass ich Schauspiel und Musik verbinden darf. Das ist ein wichtiges künstlerisches Standbein für mich. Ich verweise auf die Produktionen „Sommernachtstraum“ und „Egmont“ mit Nikolaus Harnoncourt und dem Concertgebouw-Orchester in Amsterdam. Oder auf die „Ekklesiastische Aktion“ von Bernd Alois Zimmermann, die auch als CD erschien. Mit solchen Produktionen hat sich für mich ein Kreis geschlossen, da ich von Jugend auf durch die Musik geprägt wurde. Solche Projekte schweben mir auch künftig vor.

Als Sie die „Buddenbrooks“ drehten, waren Sie Mitte 30. Wie hat sich diese Rolle auf den jungen Gerd Böckmann ausgewirkt?

Böckmann: Weil die Rolle so wunderbar ist, war es natürlich nicht eine Rolle wie jede andere. Aber in dem Alter denkt man noch, das geht jetzt immer so weiter. Erst in der Rückschau realisiert man, dass das ein Höhepunkt war. Ich hatte damals in der Folgezeit eine Fernsehkarriere mit rund 100 Filmen. Insofern war der „Christian“ sehr wichtig. Was mich freut ist, dass es immer noch Leute gibt, die sich an diese Buddenbrooks-Verfilmung erinnern.

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