Mi., 16.07.2014

Interview mit Roger Willemsen „Überzeugende Hinterbänkler“

Interview mit Roger Willemsen  : „Überzeugende Hinterbänkler“

Roger Willemsen hat sich über Pietätlosigkeit und Rituale im Parlament geärgert, aber auch echtes Engagement erlebt. Foto: Mathias Bothor

Berlin - 

Im „Hohen Haus“, dem deutschen Bundestag, hat Roger Willemsen ein Jahr lang jede Parlamentssitzung von der Besuchertribüne verfolgt. Sein gleichnamiges Buch ist ein Bestseller. Im Interview mit unserem Redaktionsmitglied Michaela Töns erinnert er sich an ein Jahr voller Impressionen und Emotionen und erklärt, warum er lieber Spendengelder sammelt, als sich selbst zur Wahl zu stellen.

Von Michaela Töns

Wenn Sie ein alter Grieche einen Tag lang auf die Besuchertribüne begleitet hätte, was hätte er sich gedacht?

Willemsen : Wenn es ein Grieche aus der Antike gewesen wäre, hätte er wohl gesagt: „So habe ich mir Demokratie nicht vorgestellt“. Denn die Vorstellung von der Agora war, dass die gesellschaftlichen Gruppierungen im Parlament auf dem Weg des rhetorischen Kampfes zu Entscheidungen und dann zu lebensverändernden Maßnahmen kommen sollten. Davon habe ich wenig gefunden. Dazu kommt, dass Demokratie nicht Herrschaft des Volkes ist, sondern Schutz der Minderheit unter dem Protektorat der Mehrheit. Das habe ich ebenso selten im Parlament gefunden wie das eigentlich Entscheidende der Demokratie, nämlich, dass sich ein Parlament gegen die Empfehlungen der Regierung aussprechen kann. Das tut dieses Parlament nie, weil die Karrieren dieser Parlamentarier zu einem guten Teil abhängen von den Ministern, die vorne sitzen und eigentlich kontrolliert werden sollten.

In Ihrem Buch beherrschen Sie sich, aber man merkt: Sie haben etliche Gefühlslagen durchlebt. Welches Spektrum haben Sie durchgemacht?

Willemsen: Es gibt den Zustand eines Halberloschenen, der da fast anorganisch verwandelt sitzt und nur noch aufnimmt, was durch die Ohrtrompete kommt. Und dann gibt es den Zustand echter Mitbewegung, wo es mich rührt, wenn da jemand mit einem Beatmungsgerät auf dem Rücken sagt „Dies wird meine letzte Rede sein“, und sich dann von seinen politischen Gegnern verabschiedet.  Ich habe mich aber auch wirklich geärgert – in der Regel über die Debatten zu Armut und Rüstung , die mir manchmal geradezu verächtlich vorkamen, wenn man auf die Realität von armen Menschen oder von solchen, die unter deutschen Rüstungsexporten leiden, blickt.

Zur Person: Roger Willemsen

Journalist, Produzent, Fernseh-Pionier, Grimme-Preisträger: Roger Willemsen (58) war lange Zeit einer der bekanntesten TV-Autoren, ehe er sich vor gut zehn Jahren aus dem Fernsehgeschäft hinter die Kulissen zurückzog. Seitdem konzentriert er sich auf Kulturprojekte mit vielen Facetten: Theater- und Leseproduktionen, musikalische Experimente wie die Reihe „Engelke und Willemsen legen auf“ mit Anke Engelke und auch das Schreiben.

Im Bestseller „Das Hohe Haus“ (S.Fischer Verlag, 400 Seiten, 19,99 Euro) dokumentiert er seine Eindrücke nach einem Jahr als Dauergast im deutschen Bundestag. Sprachlich pointiert, feinsinnig und höchst unterhaltsam spürt er dem Eigenleben des Parlaments nach und macht sich seine eigenen, anregenden, streitbaren Gedanken zu Glaubwürdigkeit und Zweck der Volksvertretung.

Und schließlich gab es auch einmal die Situation, in der ich mich richtig geniert habe: Beim NSU-Untersuchungsausschuss nämlich, als  Angehörige der Opfer auf der Tribüne saßen, außerdem Botschafter, der Bundespräsident. Da kam Kulturstaatsminister Neumann herein und amüsierte erst einmal alle in alle Himmelsrichtungen und nach 20 Minuten war die Hälfte der Regierungsbank schon wieder leer. Da muss man sagen: Das ist eine so schamlose Zurschaustellung von Pietätlosigkeit, dass man sich in dem Augenblick nicht mehr durch das Parlament repräsentiert fühlt. Man denkt, es müsste möglich sein, eine Stunde durch zu sitzen und diese Blamage des Staates zu tragen.

Sie sind immer wieder auf der Suche nach einer Rollenbeschreibung für das Parlament und sagen „Das Hohe Haus ist manchmal erhaben und manchmal eine Kneipe“. Welche Umschreibungen treffen am besten auf unser Parlament in Berlin zu?

Willemsen: Das Hohe Haus ist der Idee nach eine der kostbarsten Errungenschaften des Humanitätsgedankens. Es ist der Realität nach aber immer wieder auch eine Beleidigung dieser Idee, indem die Rituale tot sind, die Argumente nicht mehr echt sind, die Haltungen gefälscht werden. Insofern ist es auch ein schauspielerisches Institut. Und in dritter Hinsicht ist es ein Schaufenster, in dem man die Debatten liegen sieht und sie in ihrem momentanen Erhaltungszustand beobachten kann. Manchmal wirken sie sehr frisch und manchmal auch reichlich angeschimmelt.

Hat sich während dieses Jahres der Beobachtungen auch Ihr Blick auf außerparlamentarische Akteure verändert?

Willemsen: Ich habe die außerparlamentarischen Akteure noch wichtiger gefunden als zuvor schon, weil ich gesehen habe, mit welchem immensen Aufwand  und mit welcher Ineffektivität das Parlament häufig arbeitet, weil es sich durch Fraktionszwänge und Abhängigkeiten von Lobbys in eine Situation der sehr geringen Manövrierbarkeit gebracht hat. Viele der außerparlamentarischen Initiativen, die ich verfolge oder in denen ich selber engagiert bin, viel schneller, viel punktueller, viel pragmatischer agieren können, als das Parlament es tut.

Was hat dieses Jahr mit Ihnen als politisch denkender Mensch gemacht?

Willemsen: Es hat mich zu gleichen Teilen angezogen und abgestoßen, diese Parlament als Orientierungsgröße anzuerkennen. Abgestoßen dadurch dass ich mich häufig weniger repräsentiert gefühlt habe als ich dachte und dadurch, dass ich weniger von diesem ursprünglichen argumentativen Feuer erlebt habe, auf das ich mich eingestellt und gefreut hatte. Es hat mich auf der anderen Seite angezogen, weil man immer wieder in der Illusion ist, man wohne der Veränderung von Maßgaben unseres Lebens unmittelbar bei und man könne im nächsten Augenblick sehen zum Beispiel wie Rüstungskontrollen verändert werden. Ich habe auch eine ganze Reihe wirklich überzeugender Hinterbänkler erlebt, bei denen das Engagement echt und der Sachverstand hoch war. 

Sind sie auch die Parlamentarier, die Ihnen Hoffnung machen, dass die Idee des Parlaments noch nicht ganz tot ist?

Willemsen: Ja, das ist so. Es gibt ein paar junge Frauen aus dem Osten, die irgendwo zwischen 30 und 40 Jahren sind und die deeskalierend auftreten, die viele Informationen haben, die beherzt sind, die zum Gegner reden mit offenem Visier. Aber meine Befürchtung ist, dass der Typus des alten Reaktionärs oder des rotgesichtigen Sozialdemokraten, der am liebsten mit der Dachlatte argumentieren möchte, verschwindet und weitestgehend dem Polit-Yuppie Platz macht. Also dem Karrieristen, den man sich gleich in mehreren Parteien vorstellen könnte und dem ich am allerwenigsten Haltung glaube.  

Ziehen Sie persönliche Konsequenzen aus diesem Jahr?

Willemsen: Ja, insofern, als dass mein Interesse an den außerparlamentarischen Initiativen größer geworden ist und auch meine Bereitschaft, sie zu stützen. Ich befinde mich in so einer Art Verstehensillusion, zu denken: „Ich weiß jetzt, wie das Parlament funktioniert.“. Und ich weiß auch, wie viel oder wie wenig ich von ihm zu erwarten habe. 

Bedeutet all das für Sie in Konsequenz nicht auch, dass Sie sich zur Wahl stellen müssten?

Willemsen: Das ist ein reizvoller Gedanke, aber ich würde ihn nie in die Tat umsetzen, eben weil mir der Kraftverschleiß so hoch vorkommt. Wenn ich für den afghanischen Frauenverein arbeite, dann kann ich zehn Tage, nachdem ich Geld generiert habe, sehen, wie auf einer Laderampe in Pakistan in einem afghanischen Flüchtlingslager eine der Frauen, die für unseren Betrieb arbeiten, Reis ausgibt. Und diese Geschwindigkeit, diese Effizienz und diese unmittelbare Hilfe kann ich mir im Parlament schlecht vorstellen.

Leserkommentare

Google-Anzeigen

Mehr zum Thema

flohmarkt.ms Anzeigen

Schnäppchen und Angebote aus Ihrer Umgebung

Anzeige


http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/2619082?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F197%2F201%2F