Fr., 04.09.2015

Osnabrücker Ausstellung bietet „Konkret mehr Raum“ Gerümpel im Triumphbogen

Der schwedische Künstler Michael Johansson hat das Heger Tor, durch das man in die Osnabrücker Altstadt gelangt, umgestaltet. Alte Möbel, Elektrogeräte, Koffer und andere ausgediente Alltagsgegenstände wurden in den Torbogen eingebaut. Es bleibt nur ein schmaler Durchgang.

Der schwedische Künstler Michael Johansson hat das Heger Tor, durch das man in die Osnabrücker Altstadt gelangt, umgestaltet. Alte Möbel, Elektrogeräte, Koffer und andere ausgediente Alltagsgegenstände wurden in den Torbogen eingebaut. Es bleibt nur ein schmaler Durchgang. Foto: -bd-

Osnabrück - 

In gotischen Kirchen wandern die Blicke der Besucher fast automatisch nach oben. Hohe Fenster und himmelwärts strebende Pfeiler lassen fast vergessen, nach der Beschaffenheit des Fußbodens Ausschau zu halten, ja, überhaupt nach dessen Vorhandensein zu fragen. Dass es auch anders geht, zeigt Susanne Tunn in der Kunsthalle Osnabrück: Sie legt ein silbern-glänzendes Raster aus, das den Fußboden zum Spiegel des Himmels werden lässt. Das vielleicht poetischste Kunstwerk der Ausstellung „Konkret mehr Raum“.

Von unsererMitarbeiterinBeate Depping

Im zentralen Saal der Kunsthalle Osnabrück , einer ehemaligen gotischen Klosterkirche, hat Susanne Tunn die Fugen zwischen den kleinen roten Bodenfliesen mit flüssigem Zinn ausgegossen. Entstanden ist ein „Schwimmendes Raster“ betiteltes Kunstwerk, das den natürlichen Lichteinfall aufnimmt und reflektiert, so dass das gesamte ehemalige Kirchenschiff von einem inneren Leuchten erfüllt zu sein scheint.

Auch der schwedische Künstler Michael Johansson stellt vertraute Sehgewohnheiten neue Ansichten und Raumerfahrungen gegenüber: Er hat in das große triumphbogenartige Tor zur Altstadt ausgediente Schränke, Fernsehgeräte, Koffer und andere ausrangierte Alltagsgegenstände passgenau eingebaut, so dass vom weiten historischen „Heger Tor“ nur noch ein schmaler Durchgang bleibt.

Mit den Werken von 20 internationalen Künstlern bespielt das Kuratorinnenteam – Kunsthallen-Leiterin Julia Draganović sowie die freien Kuratorinnen Valérie Schwindt-Kleveman und Elisabeth Lumme – gleich drei Ausstellungshäuser und zusätzlich öffentliche Plätze der Stadt. Neben der Kunsthalle ist auch das von Daniel Libeskind entworfene Felix-Nussbaum-Haus beteiligt, das der Stararchitekt mit dem Kulturgeschichtlichen Museum – dem dritten Ausstellungsort – zu einem Gesamtkomplex verbunden hat.

Das zugrunde liegende verbindende Element der Schau ist das Werk von Friedrich Vordemberge-Gildewart. Der 1899 in Osnabrück geborene Künstler gilt als einziger deutscher Konstruktivist und Vertreter der Konkreten Kunst. Konsequent hat er seine Gemälde, Reliefs, Collagen und Fotomontagen aus geometrischen Formen entwickelt. Demselben Prinzip folgen auch die Künstler der Ausstellung, gehen allerdings einen entscheidenden Schritt weiter und öffnen ihre Werke für das Unberechenbare, stellen mathematische Gewissheiten in Frage.

So weist das auf den ersten Blick exakte Raster von Susanne Tunn viele Unregelmäßigkeiten auf, wenn etwa in Bodenunebenheiten das flüssige Zinn sich zu kleinen Pfützen gesammelt hat. Und bei Michael Johansson entzündet sich die Freude des Betrachters gerade an der Überraschung, in den Bausteinen des „ Public Square “ eine alte Stereoanlage oder ein antiquiertes Waschbecken wiederzuerkennen.

Baptiste Debombourg fügt der Kunsthalle schräge Streben ein, so dass ein ganzer Saal optisch ins Wanken gerät. Und die Italienerin Diana Sirianni präsentiert gleich das ganze auseinanderstiebende Chaos einer Explosion, indem sie unzählige Bildfragmente, große und winzig kleine Abschnitte von Fotografien, im Raum verteilt und, an unsichtbaren Nylonfäden befestigt, scheinbar durch die Luft fliegen lässt. Sie lotet die Grenze aus, bis zu der ein Betrachter räumlich voneinander entfernten Artefakten noch einen inneren Zusammenhang zuordnen kann.

Ähnliches schienen auch die Kuratorinnen mit der Drei-Teilung der Schau im Sinn gehabt zu haben. Zumal in der verschachtelten Libeskind-Architektur der Besucher nicht umhin kommt, auch die Dauerausstellungen zumindest zu durchwandern.

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Bis 13. September 

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