Ferdinand von Schirachs „Terror“ im Borchert-Theater
Die Würde des Menschen ist unantastbar

Münster -

Ein Stück, das die Zuschauer aufwühlt: In Ferdinand von Schirachs Gerichtsdrama „Terror“ sitzen die Theatergäste über einen Kampfpiloten zu Gericht. Wie das zugeht, kann man jetzt im Borchert-Theater in Münster erleben.

Montag, 12.09.2016, 01:09 Uhr

Oberstleutnant  Lauterbach (Sven Heiß, r.) schildert die Minuten bis zum Abschuss. Die Verteidigerin (Marion Mainka) und der angeklagte Major (Florian Bender) hören zu.
Oberstleutnant  Lauterbach (Sven Heiß, r.) schildert die Minuten bis zum Abschuss. Die Verteidigerin (Marion Mainka) und der angeklagte Major (Florian Bender) hören zu. Foto: Klaus Lefebvre

Die Abstimmung am Schluss fällt knapp aus. 69 Zuschauer im Borchert-Theater sprechen den Eurofighter-Piloten Major Koch schuldig, eigenmächtig einen mit 146 Personen besetzen und von Terroristen entführten Lufthansa-Airbus abgeschossen zu haben. 62 votieren für seinen Freispruch; denn der Major habe mit dem Abschuss einen Terroranschlag mit Zehntausenden Toten bei einem Länderspiel in München verhindert.

Ist Tötung erlaubt, um ein größeres Übel zu verhindern? Dies ist die Ausgangsfrage in Ferdinand von Schirachs Gerichtsdrama „Terror“, das am Samstag fast auf den Tag passgenau 15 Jahre nach dem Anschlag auf das World-Trade-Center Premiere feierte. Die Zuschauer sehen sich darin als Schöffen wieder, die ein Urteil zu fällen haben. Dies macht die Angelegenheit spannend. Wenngleich von Schirachs Stück phasenweise – so etwa bei den Schlussplädoyers – eher wie eine rechtsphilosophische Belehrung und weniger als Drama durchgeht.

Pilot missachtete Befehl

Im nüchternen Gerichtsraum, den Darko Petrovic schlicht und funktional gestaltet hat, scheint von Anfang an als Schriftprojektion der Artikel eins des Grundgesetzes auf: „Die Würde des Menschen ist unantastbar!“ Damit gibt Borchert-Intendant und Regisseur Meinhard Zanger im Grunde die Richtung vor, die auch Ferdinand von Schirach in der Anordnung des Falles offensichtlich vorgesehen hat.

Zwar hagelte es schon bei den ersten Aufführungen des Stückes politische Kritik, wonach Schirach zu viel Verständnis für die Zwangslage des Piloten zeige. Doch die „Versuchsanordnung“ lässt dem Betrachter recht schnell klar werden, dass der Pilot eigenmächtig gehandelt und mögliche Alternativen zum Abschuss nicht durchdacht hat.

Zum Thema

Am 17. Oktober wird das Stück "Terror" nach dem gleichnamigen Justizdrama von Ferdinand von Schirachals als TV-Film in der ARD ausgestrahlt.

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Florian Bender gibt den Major als hochintelligenten und rational handelnden Entscheider. Erst nach 75 Minuten erlaubt ihm die Dramaturgie einen emotionalen Ausraster. Er könne sich keine Grundsatzdebatte über Menschenrechte erlauben. „Ich muss entscheiden“, brüllt der Major in seiner Bedrängnis.

Spannende Rechtsbelehrung

Monika Hess-Zanger leitet die zweistündige Gerichtsverhandlung als Vorsitzende Richterin ebenso moderat wie juristisch nachbohrend und bringt dabei den technokratisch agierenden Vorgesetzten des Majors, Oberstleutnant Lauterbach (Sven Heiß), aus dem Takt. Hannah Sieh kommt als Staatsanwältin Nelson vor allem im Schlussplädoyer in Fahrt, in dem sie Verfassung und unteilbare Grundrechte verteidigt.

Die schauspielerisch überzeugendste Figur an diesem Abend ist zweifellos Marion Mainka in der Rolle der rhetorisch brillanten Verteidigerin des Majors, die ja die Schöffen fast noch zum Freispruch treibt. Doch hier sind unschuldige Opfer zu beklagen, denen Alice Zikeli als Nebenklägerin eindrucksvoll Stimme und Grundrecht verleiht.

Trotz einiger Redundanzen in den Plädoyers und des zuweilen belehrenden Tons gab es heftigen, stehenden Applaus für die Energieleistung des Borchert-Ensembles. Ein Stück, das wichtig ist in Zeiten, in denen rechtsradikale Kräfte nach simplen Lösungen suchen und die Menschenrechte partiell außer Kraft setzen wollen.

Zum Thema

Nächste Aufführungen: 24. und 25. September  

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