So., 19.03.2017

Haus der Geschichte öffnet sein Depot Überraschende Fundstücke im Keller der Geschichte

Haus der Geschichte

Zeitzeugen der unterschiedlichsten Art: Das Haus der Geschichte sammelt Objekte, die Facetten des Alltags zeigen. Dazu gehören Figuren von Nazi-Liebling Otto Weißmüller, Computerspiel-Amazone Lara Croft ebenso wie alte Telefone und Konsumgüter. Foto: Wilfried Gerharz

Bonn - 

Bislang war das Depot des Hauses der Geschichte nur wenigen Gästen zugänglich. Seit einigen Tagen jedoch können Besucher im Keller entdecken, was die Mitarbeiter der Bundeseinrichtung für sammlungswürdig halten. Und das dürfte einige der Gäste überraschen.

Von Annegret Schwegmann

Probieren wir es mit A wie Afghanistan. Dietmar Preißler tippt die Buchstaben auf die Tastatur des elektronischen Gedächtnisses und landet sogleich einen Treffer: Tür einer Patrouille, die sich am 5.9.2009 auf dem Rückweg in das deutsche Feldlager befand und kurz vor dem Ziel bombardiert wurde. Preißler, Sammlungsdirektor des Bonner Hauses der Geschichte, fährt mit den Fingern über das Foto mit seinem geschwärzten Metall und den Einschusslöchern. „Ein Dokument der Geschichte“, sagt er. Eines von einer Million Fundstücken, die sich im Keller des Hauses befinden und Zeitgeschichte widerspiegeln – in all ihren guten und schlechten Facetten.

Bislang war das Depot des Hauses der Geschichte nur wenigen Gästen zugänglich. Seit einigen Tagen jedoch können sich Besucher Preißler und seinem Team anschließen und im Keller entdecken, was die Mitarbeiter der Bundeseinrichtung für sammlungswürdig halten. Und das dürfte einige der Gäste überraschen.

„Folgen Sie mir bitte.“ Preißler führt seine Gruppe zu einer hölzernen Schiebewand und deutet auf ein Schild, das seine Gäste vergleichsweise emotionslos betrachten. „Osram Verkaufsstelle“, liest eine Frau leise murmelnd den Schriftzug vor. Ein Werbeschild für Glühbirnen – so so, nun ja. „Das ist das erste Objekt unserer Sammlung, erworben am 30. März 1984“, erzählt Preißler. Ein Exponat, das den Rest seines Metall-Lebens im Depot verbringen dürfte. Eher unwahrscheinlich, dass ein anderes Museum um dieses Objekt als Leihgabe bittet.

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Das trifft nach meiner Kenntnis - ist das sofort, unverzüglich.

Günter Schabowski, am Tag der Maueröffnung

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Werbeschilder und DIN-A4-Zettel

Bei dem DIN-A4-Zettel, den die Hüter der Katakomben ganz in der Nähe des Werbeschildes unter schützendem Glas bewahren, ist das ganz anders. Zehn Jahre lang hat das Haus der Geschichte immer wieder versucht, den Zettel zu erlangen, den Günter Schabowski am 9. November 1989 auf der Suche nach einer klaren Handlungsanordnung nervös fixierte und der ihn zu den berühmtesten Halbsätzen der deutschen Geschichte veranlasste: „Das trifft nach meiner Kenntnis . . ., ist das sofort, unverzüglich.“

Die Nacht, in der die Mauer fiel, symbolisch nachvollziehbar durch einen Zettel, den das Mitglied des Politbüros während seiner historischen Pressekonferenz in den Händen hielt. Ein Blatt Papier mit roten Pfeilen, durchgestrichenen Worten, eilig geschriebenen Notizen – kein Wunder, dass Schabowski Mühe hatte, darauf zu erkennen, wann die Reisefreiheit der DDR-Bürger denn nun beginnen sollte.

Kulturelles Gedächtnis

Die beiden Exponate sind typisch für die Sammlung des Hauses der Geschichte. Die Gäste ahnten es schon, als Preißler sie an der Tür zum schmucklos grau gehaltenen Keller mit diesen Worten empfing: „Sie betreten nun Ihr eigenes kulturelles Gedächtnis.“ So ein Gedächtnis umfasst nicht nur die Turnschuhe, die Joschka Fischer während seiner Vereidigung zum hessischen Landesminister trug. Dazu gehören auch Werbeschilder, Persilkartons aus dem Tante-Emma-Laden, Flipperautomaten und ramponierte, weil viel benutzte Nudelsiebe. Zeitgeschichte trägt Tausende von Gesichtern.

Weil so ein Schatz empfindlich ist, gehen die Führungen in den nächsten Monaten nur durch das Metalldepot. Und auch Metall muss aus konservatorischen Gründen streng geschützt werden. „Sie merken, dass es hier angenehm kühl ist“, vermutet Preißler und nennt die Eckdaten: „21 Grad bei 44 Prozent relativer Luftfeuchtigkeit.“ Und auch die ändert sich gerade: „Sollte unsere Chefkonservatorin gerade auf ihren Bildschirm sehen, so würde sie merken, dass sich 20 Menschen im Depot befinden.“

Fotostrecke: Ausstellungsobjekte aus dem Depot des Hauses der Geschichte

Historische Drahtesel

Der Sammlungsdirektor führt seine Gäste durch Etappen der Geschichte, vorbei an Jukeboxen zu einer Kiste, in der sich ein Fahrrad befindet. Das auseinander geschraubte Metall aus Lenker, Pedalen und Sattel erzählt – selbstverständlich – eine Episode der deutschen Geschichte. Das Fahrrad gehörte zu einer Flotte von 5000 Drahteseln, die der Berliner Senat 1948 für die Bevölkerung angeschafft hatte. Die Blockade der Stadt durch die Sowjets hatte gerade begonnen. Niemand konnte wissen, ob nicht auch das Benzin in den nächsten Monaten knapp werden würde. Die Amerikaner konnten mit ihren Rosinenbombern schließlich nicht alles über die Luftbrücke bringen, was das Alltagsleben erleichtert.

Die Eckpfeiler eines Boxrings ganz in der Nähe gehören zu den Lieblingsexponaten des Sammlungsdirektors. Sie markierten im Frankfurter IG-Farben-Haus das Feld, auf dem amerikanische Soldaten deutschen Boxern nach Ende des Zweiten Weltkrieges elementare Regeln sportlicher Fairness vermitteln wollten. „Das Bild der Deutschen war nicht gerade positiv besetzt“, formuliert es Preißler vorsichtig.

Preißlers Lieblingsexponate

Der Boxring bekommt gerade ernsthafte Konkurrenz im Ranking der Lieblingsexponate. „Schauen Sie hier“ – Preißler deutet auf ein vergoldetes, von Engelsfiguren umsäumtes Tintenfass und schaltet gleichzeitig ein Video ein. Konrad Adenauer taucht darin gerade seinen Federhalter in das Tintenfass und unterzeichnet am – wieder ein großes historisches Datum – 23. Mai 1949 das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland.

Forscher haben später herausgefunden, dass der Bundeskanzler nur so tat, als tunke er den Federhalter ins Fass. „Damit hätte er das Papier sofort verschmiert.“ Doch die Unterzeichnung brauchte einen würdigen Rahmen.

Das berühmteste Tintenfass der jungen deutschen Geschichte – ein Exponat, wie geschaffen für die Sammlung großer und kleiner deutscher Momente.

Zum Thema

Ausstellungen: Die Dauerausstellung des Hauses der Geschichte ist zwar bis Mitte Dezember nicht zu sehen. Ein Besuch des Museums lohnt sich dennoch. Die Führungen durch das Sammlungsdepot finden von dienstags bis sonntags für angemeldete Gruppen jeweils zur vollen Stunde von 10 bis 16 Uhr und für Einzelgäste im Stundentakt von 10.30 bis 15.30 Uhr statt. Zudem sind Fotoausstellungen und die Sonderschau „Geliebt. Gebraucht. Gehasst. Die Deutschen und ihre Autos“ zu sehen. Öffnungszeiten dienstags bis freitags von 9 bis 19 Uhr, samstags und sonntags von 10 bis 18 Uhr. Adresse: Willy-Brandt-Allee 14 in Bonn, 0228/91 65-0, www.hdg.de

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