So., 29.11.2015

„Tied to liäwen“: Sozialkomödie von Michael Wempner feiert in Münster eine gelungene Uraufführung Die zweite Chance im Leben

Opa Hannes (Hannes Demming, r.) wird so langsam vergesslich und langweilt sich. Da tut Gesellschaft gut. Der neue Hausgast Martin Mertens (Ulrich Tarner) vertreibt ihm die Zeit. Aber er trägt auch ein Geheimnis mit sich herum.

Opa Hannes (Hannes Demming, r.) wird so langsam vergesslich und langweilt sich. Da tut Gesellschaft gut. Der neue Hausgast Martin Mertens (Ulrich Tarner) vertreibt ihm die Zeit. Aber er trägt auch ein Geheimnis mit sich herum. Foto: Oliver Berg

Münster - 

Wenn Opa so flehentlich nach Anna ruft, die Tageszeiten vergisst und mit dem Schlafanzug nach draußen schlört, dann deutet sich in der Sozialkomödie von Erfolgsautor Michael Wempner eine Familiengeschichte über Generationen- und Pflegekonflikte an. Doch Opa spielt hier nicht die Hauptrolle, auch wenn Hannes Demming, Protagonist der Niederdeutschen Bühne, in dieser speziellen Rolle die passende Prise Humor in das Stück „Tied to liäwen“ (Zeit zu leben) bringt, das am Freitagabend im Kleinen Haus des Theaters Münster seine gefeierte Uraufführung erlebte.

Von unseremRedaktionsmitgliedJohannes Loy

Das Hauptgeflecht der Handlung reicht tiefer. Es hat zu tun mit Krankheit, Tod und Sterben, mit einer zweiten Chance und dem möglichen Neuanfang im Leben, der sich im Titel des Stückes andeutet. Die Handlung entwickelt sich zielgerichtet, als Firmengeschäftsführer Philipp Bergkamp vor der Haustür seiner Schwägerin und Firmeninhaberin Anna einen Mann anfährt. Dieser Mann mit Namen Martin Mertens hat nur eine leichte Schürfwunde und wird von Anna flugs verarztet. Schnell fasst sie Zutrauen zu dem freundlichen jungen Mann, und im ernsten Gespräch knüpfen sich die ersten Bande. Doch der Gast im Haus, der freundlich und dienstbereit auch schnell mal über die Firmenbücher guckt, trägt – wortwörtlich – ein Geheimnis mit sich und lief nicht rein zufällig vor Bergkamps Tür herum. Das wiederum hat zu tun mit dem Unfall, bei dem Annas Mann ein Jahr zuvor zu Tode gekommen ist.

In der zeitlos eingerichteten Wohnstube mit den großen Fenstern ins Grüne (Bühnenbild: Kerstin Bayer) entfaltet Regisseur Hermann Fischer mit dem diesmal kleinen Ensemble von fünf Akteurinnen und Akteuren ein inhaltlich ansprechendes und sprachlich feines Stück (Übertragung ins Münsterländer Platt von Hannes Demming), das in 90 Minuten existenzielle und höchst aktuelle Konfliktstoffe verhandelt. Die trauernde Witwe und Firmeninhaberin Anna (glaubwürdig: Uschi Niehues) ist mit Opa überfordert und muss wieder zu Kräften kommen. Der Schwager Philipp (schön verschlagen: Stefan Waltering) will die Gunst der Stunde nutzen und sich die Firma unter den Nagel reißen. Martin Mertens (überzeugend: Ulrich Tarner) schwankt zwischen Zuneigung und Bedrückung, da ihn ja mit Annas verstorbenem Mann ein existenzielles Geheimnis verbindet, von dem die Zuschauer bald schon eine Ahnung bekommen. Die junge Vera Bergkamp (frisch aufspielend: Kathrin Henschel) bringt das jugendliche Element auf die Bühne, trägt allerdings einen alten Konflikt mit ihrem verstorbenen Vater mit sich herum, der sie einst verpflichtete, zu studieren und die Firma zu übernehmen.

„In dem Moment, wo man denkt, jetzt wird es traurig, kommt Hannes auf die Bühne“, schmunzelte Autor Michael Wempner, der am Abend der Uraufführung in Münster zu Gast war und den Akteuren abschließend höchstes Lob aussprach. Dieses spendeten auch die Zuschauer und Freunde der Niederdeutschen Bühne mit langanhaltendem, stehendem Applaus.

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Die nächsten Aufführungen im Kleinen Haus des Theaters Münster: 5., 13. 20. und 27. Dezember. 

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