Schauspielstar Lars Eidinger liest Lyrik von Thomas Brasch
Der Liebe ist einfach nicht zu trauen

Münster -

Haben wir uns zu sehr an Poetry-Slam gewöhnt? Jene mitreißende Art der Lyriklesung, bei der der Dichter immer auch Performer ist, der seine Verse nicht einfach liest, sondern darstellerisch eine ganze Welt auf die Bühne zaubert? Wo der Lyriker manchmal zum Rock’n’Roller wird? Mag sein – denn verglichen damit war die Weverinck-Lesung von Lars Eidinger eine recht verkaterte, melancholische Angelegenheit.

Sonntag, 10.12.2017, 15:12 Uhr

Lars Eidinger (r.) wurde in Münster von dem Schlagzeuger George Kranz begleitet.
Lars Eidinger (r.) wurde in Münster von dem Schlagzeuger George Kranz begleitet. Foto: Zinkant

Wie ist das möglich? Ist Eidinger nicht einer der gefragtesten Jungschauspieler, mit Preisen überhäuft? War Thomas Brasch , dessen Gedichte er rezitierte, nicht jenes „wilde Tier“, das seine Lebensgefährtin Katharina Thalbach in ihm sah? Mag sein – aber Lars Eidinger ging es an diesem Abend nicht um Wildheit, sondern Innerlichkeit. Geradezu feierlich knüpfte er die Brasch-Verse wie auf eine Perlenschnur, Reim für Reim, Wort für Wort. Akkurat wurde das Versmaß nachskandiert, quasi jeder Absatz mitgesprochen.

Wer den Schauspieler mit mürrischer Miene unter der Hipster-Mütze sah, hätte eine andere Performance erwartet. Der „Rock’n’Roll“ wurde quasi ausgelagert und an den Schlagzeuger George Kranz delegiert. Der fuhr anarchisch trommelnd zwischen die Gedichte, zerriss ein ums andere Mal die ruhige Bitternis der Worte. Wie ein neckischer Narr der Drum-Sticks schien er den Kollegen aus der Reserve locken zu wollen. Und die Liebe bei Brasch? Nichts, dem man trauen könnte. Oft zu hinterfragen, immer bitter, meistens falsch. „Was ist los, Mann, dass du so viel Wind machst wegen einer Frau?“ Das lyrische Ich ist ein einsamer Geselle und reimt „Wicht“ auf Gedicht. Ein Bett aus Stein, eine Lunge aus Stein, ein Herz aus Stein. Der Dichter und Regisseur (1945-2001), im Jahr 1976 aus der DDR emigriert, schrieb kunstvolle Verse, oft in Kreuzreimen verfugt.

Und wenn er „Zum Beispiel Galilei“ bedichtet, dann gelingt ihm das Kunststück, die Tragik des Wissenden vor drohender kirchlicher Hinrichtung in wenigen Versen wie im Brennglas zu bündeln. Hätte Lars Eidinger nicht wenigstens hier den melancholischen Fluss durchbrechen und ein Drama rezitieren können?

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