„Unerwartete Begegnung“ von Gerhard Richter und Otto Modersohn in Tecklenburg
Die hohe Kunst des Unfertigen

Tecklenburg -

Das ist tatsächlich eine „Unerwartete Begegnung“, die der Kunstfreund im schönen Kurstädtchen Tecklenburg am Teutoburger Wald erleben darf. Denn wenn der Gigant der aktuellen Kunstszene, Gerhard Richter, mit seinen Bildern auftaucht, dann ist das für die Region schon ungewöhnlich. Bei manchen Kunstkennern schwingen üblicherweise im Hinterkopf riesige Kunstmarkt-Summen mit. Doch Dr. Erich Franz, den Kurator und Vorbereiter der jetzigen „Begegnung“ von zehn Bildern Richters mit den langfristigen Otto-Modersohn-Leihgaben aus Fischerhude, bleibt da als Kunstkenner nüchtern und sachlich: „Der Wert eines Bildes bemisst sich für mich nicht in dem Marktwert, sondern daran, was das Bild in mir erzeugt!“

Donnerstag, 22.03.2018, 19:03 Uhr

Dr. Erich Franz schaut auf ein Tecklenburger Frühlingsbild von Otto Modersohn (1891). Rechts eine abstrakte Farbstudie von Gerhard Richter (1980).
Dr. Erich Franz schaut auf ein Tecklenburger Frühlingsbild von Otto Modersohn (1891). Rechts eine abstrakte Farbstudie von Gerhard Richter (1980). Foto: Johannes Loy
Otto Modersohn und Gerhard Richter

Der Werdegang beider Künstler ist eng verknüpft mit der Kunstakademie Düsseldorf. Otto Modersohn (1865-1943), bewunderte Camille Corot und die anderen Freilichtmaler von Barbizon mit ihrer offenen Malweise, die den Betrachter über die Grenzen gemalter Formen hinaus führte. Der Kunststudent Modersohn wurde von seinen Professoren kritisiert, er male „zu viele Studien“, denen die Vollendung fehle. Doch der junge Maler war sich sicher: das „Fertigmalen“ verhindere die Poesie. Er bleibt bei seiner Einstellung und verlässt die Akademie. Gerhard Richter (geboren 1932) hingegen wird selber Lehrer. Von 1971 bis 1993 ist er Professor für Malerei an der Kunstakademie Düsseldorf. Auch sein Credo zielt auf die uneingeschränkte Weite: „Entscheidend ist, dass nichts begrenzt erscheint.“ Richter ist ebenso wie Modersohn ein Meister der skizzenhaften und offenen Form. Die Gegenüberstellungen von Richter und Modersohn bewirken, dass man die Bilder beider Künstler mit neuen Augen betrachtet.

Die hier gezeigten Gemälde Richters umspannen einen Zeitraum von 1971 bis 2006 und stammen alle aus privaten Sammlungen. Die ausgestellten Gemälde Otto Modersohns sind in den Jahren 1891/1892 in Tecklenburg entstanden. Sie stammen sowohl aus der Otto Modersohn Stiftung Fischerhude wie auch aus Privatbesitz.

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So gesehen rufen die Bilder im schmucken Tecklenburger Museum, das zuletzt Otto Modersohns Münsterland und davor dessen Sicht auf Tecklenburg in wunderschönen Skizzen und Gemälden präsentierte, ganz viele Stimmungen hervor, und die lohnen den Ausflug ins Fachwerkstädtchen. Die Begegnung zwischen Modersohn und Richter oder umgekehrt wirkt dabei in vielerlei Hinsicht überraschend: Erstens trennt die beiden Künstler und die hier gezeigten Werke ein ganzes Jahrhundert, zweitens hatten und haben sie ein durchaus unterschiedliches Verhältnis zu den Sujets Natur und Landschaft. Dr. Erich Franz, der langjährige stellvertretende Direktor des Westfälischen Landesmuseums in Münster, bringt dies mit der ihm eigenen Akribie auf den Punkt: Während Modersohn sich von der Landschaft, zumal der des Münsterlandes, faszinieren ließ, in ihr Stimmungen, auch Romantik, sicher auch ein Stück geheimnisvolle Schöpfung erblickte, ist Richters Verhältnis zur Natur eher distanziert, kühl. Für ihn hat die Natur keine Seele, es ist der Mensch, der seine Empfindungen in sie hineinprojiziert.

Dies heißt nicht, dass man die beiden Künstler nicht zusammen und vergleichend ausstellen könnte. In beiden Fällen haben wir es mit der Auseinandersetzung zwischen Mensch und Landschaft zu tun, zugleich vereint Modersohn und Richter mehr, als selbst der Kunstfreund ahnt. Es sei das „Skizzenhafte, Unfertige“, so Erich Franz. Natürlich: Man sieht auf Modersohns Bildern Landschaft, Häuser und Bäume, doch bei naher Betrachtung sind die Bilder bewusst „unfertig“: Farbfelder fransen aus, Pinselstriche sind zu sehen, kein Blatt oder Strauch wird „zu Ende“ gemalt. Es sind vielmehr die kleinen und fast schon abstrakt wirkenden Farbflächen, die dann bei etwas distanzierterer Aufnahme die Fantasie des Betrachters erwecken, Konturen, Bilder und Stimmungen erzeugen. Ob nun in einer schon genial zu nennenden Lichtkomposition des Mittzwanzigers Modersohn ein Frühlingsbild entsteht, vielleicht ein erdiger Spätherbst in ländlicher Umgebung oder die weißlich-bläuliche Kühle des Winters: Da trifft sich Modersohn 100 Jahre später mit Gerhard Richters „Skizzen zu Parkstück“, auf denen dieser in wenigen pastosen Strichen eine Ahnung von Natur, Erde und Landschaft erzeugt. Besonders sinnfällig erscheint dabei die Gegenüberstellung eines „Winterabends bei Tecklenburg“ von Modersohn mit Richters „weißen Studien“. Mit der Rakel hat Richter die Farbe über die Leinwand gezogen: Dadurch entstehen fahle „Landschaften“.

Wie bei den Ausstellungen zuvor nimmt das Obergeschoss des Museums, das Paul-Christoph Dörr, Uta Jenschke und Silke Herbort vorbildlich und kompetent präsentieren, den Gast und Betrachter pädagogisch an die Hand, präsentiert Lebensläufe und Hintergrund.  

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