400 Jahre Dreißigjähriger Krieg
Der Fenstersturz von Prag löste einen europäischen Flächenbrand aus

Prag/Münster -

Für den Münsteraner gibt es in Prag eine zentrale historische Anlaufstelle. Den Ort des Prager Fenstersturzes auf der alten Prager Burg, dem Hradschin. Hier begann heute vor 400 Jahren mit dem Aufstand der böhmischen Landstände gegen die verhassten Beamten des Habsburgerreiches der Dreißigjährige Krieg.

Mittwoch, 23.05.2018, 15:34 Uhr

400 Jahre Dreißigjähriger Krieg: Der Fenstersturz von Prag löste einen europäischen Flächenbrand aus
Das Bild „Beschwörung des spanisch-niederländischen Friedens 1648“ im Rathaus von Münster, das Gerhard ter Borch malte, ist zurzeit in der großen Friedensausstellung im Westfälischen Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte in Münster zu sehen. Foto: Stadtmuseum Münster

„De­fenestration“ hieß damals in Böhmen das probate Mittel des Aufstands. Unliebsame Leute wurden aus dem Fenster geworfen. Vor diesem Fenster in einem Seitenflügel des alten Palastes stehen Tag für Tag Touristen, fotografieren das Fenster und lehnen sich hinaus, um nachzuschauen, wie tief die Beamten damals stürzten.

War dieser Fenstersturz, bei dem die Opfer, sei es aufgrund ihrer dicken Gewänder, sei es durch Mist und Reisig im Burggraben, mit ein paar Schrammen davonkamen, nicht ein banaler Anlass für das grausige Mordbrennen der folgenden 30 Jahre? Für den Berliner Politikwissenschaftler Herfried Münkler, Autor eines gewichtigen Bandes mit 1000 Seiten, ist es letztlich nicht erstaunlich, dass dieser kleine Funke einen Flächenbrand ausbrechen ließ.

Seit Beginn ein europäischer Krieg

Im Interview mit dem Berliner „Tagesspiegel“ bilanziert Münkler: „Es gibt ein paar Faktoren, die dazu führten, dass der Fenstersturz zur Zündschnur des Großen Krieges wurde. Einer war, dass der neue böhmische König und spätere Kaiser Ferdinand II. die Macht der Landstände brechen wollte. Außerdem versuchte er, den Protestantismus zurückzudrängen.“ Münkler ergänzt: „Das hätte alles keine Rolle gespielt, hätte Ferdinand nicht auf spanisches Geld zurückgreifen können. Er nutze die sich ihm durch den Fenstersturz bietende Chance, die rebellierenden Böhmen zu besiegen und zu demütigen. Weil das spanische Geld aber nicht reichte, hatte Ferdinand den Kopf der Katholischen Liga, Herzog Maximilian von Bayern, in seine Koalition geholt. So war dieser Krieg von Anfang an und nicht erst in seiner zweiten Hälfte ein europäischer Krieg, auch wenn er auf deutschem Boden ausgetragen wurde. Dies ist eine zentrale These für sein Buch, für das Münkler eine einjährige Forschungsauszeit nahm

Die Geschichte des Dreißigjährigen Krieges zeigt: Wenn man die Dinge einfach laufen lässt, schafft man es ganz leicht, eine ganze Region in Brand zu setzen.

Herfried Münkler mit Blick auf die vielen Kriegs- und Kriesenherde in Nahost

Stichwort: Frieden

Münster erinnert zurzeit mit fünf Friedensausstellungen an das höchste Gut – den Frieden. Beim Katholikentag mit seinem Leitwort „Suche Frieden“ standen die Jahreszahlen 1618 und 1648 im Blick. Pilger aus Prag nutzten die Gelegenheit, mit dem Rad die Verbindung zwischen den beiden Städten herzustellen, die am Beginn und am Ende des Dreißigjährigen Kriegs standen.

Ein Religionskrieg?

Lange Zeit wurde das  Trauma des Dreißigjährigen Krieges als Glaubens- oder Religionskrieg tituliert. Doch inzwischen ist unbestritten, dass die Grenzen von Religion, Konfession, Nationalität sowie wirtschaftlichen und machtpolitischen Interessen quer durch die Frontlinien verliefen. Das ist insofern nicht verwunderlich, als damals in Europa Staat und Kirche, Politik und Religion – wie heute in manchen anderen Weltregionen – unauflöslich verbunden waren. So verbündete sich etwa das katholische Frankreich mit deutschen, schwedischen und niederländischen Protestanten gegen die katholischen Habsburger. Das katholische Frankreich und das katholische Spanien befanden sich langein einem Kalten Krieg, der dann in den 1630er Jahren ausbrach, erläutert der Historiker Peter H. Wilson. Andererseits waren unter den 67 Generälen und Obristen der im Juni 1637 bei Torgau liegenden schwedischen Regimenter nur 12 Schweden. Eine zusätzliche Katastrophe: die Söldner. Sie hielten sich auf grausamste Weise an der Bevölkerung schadlos.

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Folgen waren nicht absehbar

Der Fenstersturz war also die Kriegserklärung der böhmischen Protestanten an den katholischen Kaiser. Wohl niemand hatte dabei einen Flächenbrand vor Augen. Der Krieg, wenn man denn überhaupt von dem einen und einzigen Krieg reden kann, veränderte die politische wie religiöse Landkarte Europas vollkommen, schreibt der Historiker Peter H. Wilson von der Universität Oxford, der wie Münkler ein gewichtiges Werk zum Dreißigjährigen Krieg geschrieben hat. Es ist unstrittig, dass dieser Krieg der bis dahin grausamste und verheerendste auf europäischem Boden war, zumal er gerade auch die Zivilbevölkerung traf.

Humanitäre Katastrophe

Allgemein wird angenommen, dass von der Gesamteinwohnerzahl des „Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation“ von 16 bis 18 Millionen Menschen im Jahre 1618 etwa ein Drittel ihr Leben direkt durch Kriegshandlungen oder indirekt durch Seuchen und Krankheiten verloren. Manche gehen für ganz Europa von etwa acht Millionen Opfern aus. Die Zahl der Toten und Flüchtlinge sowie das Ausmaß der Verwüstungen werden heute noch mit den Katastrophen des Ersten und Zweiten Weltkrieges verglichen.

Viele Schlachten - kein Sieger

Der Dreißigjährige Krieg war ein Konflikt ohne eindeutige Sieger und Verlierer. Als Auslöser des Krieges gilt der Prager Fenstersturz. Hier ein Überblick über die wichtigsten Schlachten: 

► 8. November 1620: Erste große Entscheidungsschlacht am Weißen Berg bei Prag. Die böhmischen Stände unterliegen unter ihrem König Friedrich V. von der Pfalz den wesentlich stärkeren Truppen der Katholischen Liga unter Graf Tilly.

► 6. August 1623: Bei Stadtlohn erleiden die Truppen des protestantischen Feldherrn Christian von Braunschweig-Wolfenbüttel eine schwere Niederlage gegen ein Heer unter Tilly. 

► 27. August 1626: Bei Lutter am Barenberg, zehn Kilometer südwestlich von Salzgitter, besiegen die Truppen des Kaisers und der Katholischen Liga ein Heer des dänischen Königs Christian IV. 

► 17. September 1631: Die Schlacht bei Breitenfeld nördlich von Leipzig endet mit einem glanzvollen Sieg eines schwedisch-sächsischen Heeres unter König Gustav Adolf. 

► 16. November 1632: Gustav Adolf fällt in der Schlacht bei Lützen. Ein protestantisches schwedisches Heer kämpfte dort gegen katholische kaiser­liche Truppen unter Wallenstein. 

► 5./6. September 1634: Schwere Niederlage der Schweden in der Schlacht bei Nördlingen.

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Literaturtipps

Herfried Münkler: Der Dreißigjährige Krieg: Europäische Katastrophe, deutsches Trauma 1618-1648. Rowohlt-Verlag, 39,95 Euro

Peter H. Wilson: Der Dreißigjährige Krieg: Eine europäische Tragödie. Theiss-Verlag, 49,95 Euro.

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