Mi., 19.10.2016

Alte Argumente neu zugespitzt Plädoyer für echtes Wissen: Noam Chomskys neues Buch

Noam Chomsky hat sich von Obama von Anfang an nicht viel erhofft.

Noam Chomsky hat sich von Obama von Anfang an nicht viel erhofft. Foto: Uli Deck

Noam Chomsky ist einer der wichtigsten Intellektuellen der Gegenwart. Wer mit ihm über sein neues Buch spricht, traut sich danach kaum noch aus dem Raum. Vermutlich fällt einem der Himmel auf den Kopf.

Von dpa

Cambridge (dpa) - Der ganze Mann, eine einzige Warnung. Freundlich und zugewandt im Gespräch, bretthart und unerbittlich in der Argumentation. Noam Chomsky ist unbequem, und er eckt an.

Als einer der herausragenden Intellektuellen dieser Zeit wird Chomsky vor allem von der Linken weltweit verehrt. Mit seinen scharfen Thesen erntet er aber auch reichlich Kritik. Sein neues Buch fragt: «Wer beherrscht die Welt?» - und es bietet sehr, sehr viel Anlass für tiefen Pessimismus.

Chomsky stellt seit Jahrzehnten nicht nur den Primat US-amerikanischer Politik in Frage. In aller Schärfe kritisiert er auch Washingtons Methoden: Die Unterstützung von Diktatoren, eine Verachtung der Demokratie in unbotmäßigen Ländern, ein vollkommenes Übergewicht von Geld vor Werten, unverhohlenen Klassenkampf.

Sein Buch lässt an der Außen- und Sicherheitspolitik der letzten Weltmacht kein gutes Haar. Viele seiner Argumente sind aus seinen letzten Büchern bekannt, werden hier noch einmal zugespitzt. Auch Barack Obama, Träger des Friedensnobelpreises, kommt hier nicht gut weg.

«Ich habe nichts von ihm erwartet, also könnte ich nun auch nicht enttäuscht sein», sagt Chomsky der Deutschen Presse-Agentur dpa in Cambridge. «Ich habe Obama schon vor 2008 sehr kritisch gesehen. In der Riege aller US-Präsidenten wird er wohl eher auf der positiven Seite gesehen werden. Aber die Bilanz ist nicht sehr positiv.»

Chomsky, Linguist, Philosoph und emeritierter Professor am Massachusetts Institut of Technology (MIT): «Obama ist rhetorisch sehr effektiv. Aber wenn wir uns seine Politik anschauen? Einiges davon ist wirklich furchtbar, nehmen wir nur die globale Mordstrategie.» Das ist Chomskys Bezeichnung für die Drohnenpolitik des Präsidenten, eines der zentralen Elemente in Obamas Kampf gegen den Terror.

«Der Krieg gegen den Islamischen Staat kann noch große Konsequenzen nach sich ziehen», sagt Chomsky. «Große sunnitische Städte sind zerstört, Ramadi, Falludscha. Was passiert mit den Menschen, wo sollen sie hin? Legen wir vielleicht gerade das Fundament für etwas viel Schlimmeres?»

Chomsky schlägt auf seinen 316 Seiten einen weiten, dunklen Bogen, in dem Einmischung der USA in Mittel- und Südamerika großen Raum einnimmt. Er will damit auch die Erinnerung wachhalten, sind doch die Gräuel in Nicaragua, El Salvador oder Chile in den USA der Jetztzeit außerhalb akademischer Zirkel kein Thema mehr. Dafür mag das Land seine Siege und Eroberungen zu gern und betont lieber die vielen hellen Seiten seiner Geschichte.

Chomskys Buch, das macht er auch im Gespräch nochmals klar, ist ein Plädoyer. Für Tiefe, die Kenntnis von Strukturen, echtes Wissen. Sonst führe alles ins Leere. «Monströsitäten anzugreifen, ohne seine Wurzeln anzuerkennen, kann die Dinge noch schlimmer machen», sagt er.

«Zum Beispiel», sagt Chomsky, «der Krieg gegen den Terror. Im Jahr 2001 war radikaler islamischer Terrorismus in einer begrenzten, überschaubaren Gegend in Pakistan und Afghanistan zuhause. Wo ist er heute? Über die ganze Welt verteilt. Jedes Mal, wenn wir mit dem Vorschlaghammer draufhauen, wird es schlimmer.» Oder Syrien: «Jeder weiß genau, was er sich wünscht. Ein Ende der Gewalt, Verhandlungen, Frieden. Aber wie? Was können wir tun? Es ist furchtbar. Sollen wir vielleicht Assad bombardieren?»

In Chomskys neuem Buch bekommen die Europäer reichlich Fett ab. Er beklagt einen Transfer demokratischer Rechte nach Brüssel, «skandalös, ohne Beispiel». Manchmal wünschte man sich, Chomsky würde vom Grundsätzlichen ein wenig mehr ins konkrete Jetzt schauen; die europäische Flüchtlingskrise als eine Achse der Gegenwart findet so gut wie gar nicht statt.

Und wer beherrscht nun die Welt? Es gebe keine eindeutige Antwort, sagt Chomsky. Ja, es werde multipolarer, aber China habe zu große eigene Probleme, um der anhaltenden US-Dominanz Paroli bieten zu können. Russland? Eine Autokratie, gefährlich.

Im Gespräch wieder ganz in der Gegenwart angekommen, macht Chomsky aus seiner Abscheu vor dem US-Wahlkampf und vor allem einen seiner Hauptakteure keinen Hehl. Die Besetzung des Weißen Hauses ist bei der Frage nach der Art und Verteilung von Macht in der Welt ja nicht ganz unbedeutend.

«Es gibt zwei Phänomene von geradezu kosmischer Bedeutung, die auch und gerade im Wahlkampf der USA keine Rolle spielen: Der Klimawandel und die Gefahr der nuklearen Bedrohung werden überhaupt nicht diskutiert. Das ist einfach irre», sagt Chomsky.

«Die kranken, gefährlichen Positionen Donald Trumps zum Klimawandel, die für die Welt tödliche Konsequenzen haben können, werden einfach nicht diskutiert», donnert der 87-jährige. «Die USA sind das mächtigste Land der Welt. Was wir tun, hat ganz einfach einen ungeheuren Einfluss auf die Welt. Und das wird einfach überhaupt nicht diskutiert? Das ist verblüffend. Schon an diesem einen Punkt ist Trump absolut, vollkommen disqualifiziert für jede Art von Macht.»

- Noam Chomsky: Wer beherrscht die Welt? Ullstein Verlag, Berlin, 316 Seiten, 24,00 Euro, ISBN 978-3-550-08154-5.

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