Mi., 14.12.2016

Ein Set-Besuch Die Mauer in Tannbach wird immer höher

Anna von Striesow in einer Szene des Ost-West-Fernsehdramas «Tannbach».

Anna von Striesow in einer Szene des Ost-West-Fernsehdramas «Tannbach». Foto: Julie Vrabelova

Der TV-Dreiteiler «Tannbach» um ein zwischen Ost- und Westdeutschland geteiltes Dorf war vor knapp zwei Jahren ein Quotenerfolg. In Prag und Umgebung dreht das ZDF nun eine Fortsetzung. Mit am Set sind unter anderen Henriette Confurius und Jonas Nay.

Von dpa

Prag (dpa) - Im Sozialismus liefen hier Zehntausende einfache, aber robuste Lastwagen der Marke Praga vom Band. Heute verfällt das große Firmengelände im Prager Industriestadtteil Vysocany. Hinter den Hallen, in einem grauen Werksbungalow, hat sich die Filmcrew des Ost-West-Fernsehdramas «Tannbach» eingerichtet.

Das Ambiente passt perfekt in die sechziger Jahre. Ein Hinweisschild weist den Weg zur «LPG», DDR-Sprache für eine Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft, und an diesem Tag Schauplatz der Dreharbeiten. Über allem prangt ein Porträt Walter Ulbrichts, des ehemaligen Staatsratsvorsitzenden der DDR .

Der erste Dreiteiler «Tannbach» war zum Jahresauftakt 2015 mit jeweils mehr als sechs Millionen Zuschauern ein Quotenhit für das ZDF . Im Mittelpunkt standen die Schicksale der Menschen in einem fiktiven Dorf, das brutal von der deutsch-deutschen Grenze durchschnitten wird. Alexander Dierbach führt auch bei der Fortsetzung wieder Regie, die zum Jahresauftakt 2018 im ZDF zu sehen sein wird. «Wir haben 1952 aufgehört und steigen jetzt zehn Jahre später wieder ein», sagt er. «Es gibt viele neue Kinder, es gibt neue Familien. Tannbach hat Nachwuchs bekommen.»

Mit dabei sind wieder Anna von Striesow ( Henriette Confurius ) und Friedrich Erler ( Jonas Nay ), die im ersten Teil als Neubauern im Ostteil des Dorfes angefangen hatten. Beide sind nun als Funktionäre in die LPG aufgestiegen, doch die Idee des Sozialismus verliert langsam ihren Glanz. Es kommt zu einem Krach mit dem Vorgesetzten darüber, mit welchen Mitteln Privatbauern in die LPG gezwungen werden dürfen.

Dierbach probt die wichtige Szene drei- bis viermal, bevor die Kameras laufen. «Plötzlich fangen die Schauspieler an, immer mehr in die Szene einzutauchen, die Szene zu spüren und zu fühlen», sagt der 37-Jährige. «Und dann muss man aufpassen, dass man die Probe rechtzeitig beendet, weil sonst für das eigentliche Drehen die Energie der Szene fehlt.» Tatsächlich steigert sich bei jedem Anlauf aufs Neue die Dramatik.

Weil Friedrich mit seinem Idealismus an seine Grenzen stoße, würden auch Anna und er auseinander driften, sagt Nay zu seiner Rolle. An Abkürzungen wie «LPG» musste sich der Schauspieler erst gewöhnen. «Das ist für mich natürlich ein komplettes Fremdwörtervokabular gewesen», räumt der 1990 geborene Lübecker ein. Er freut sich aber, in eine Zeit eintauchen zu können, die ihm «in puncto Lebenserfahrung komplett unbekannt» sei. Das hat er schon in der RTL-Serie «Deutschland 83» getan.

Gedreht wird nicht nur in Prag, sondern auch wieder in einem kleinen böhmischen Dorf, das sich in das filmische Tannbach verwandelt. Was in der ersten Staffel als Bretterverschlag begonnen hatte, der die Frontlinie des Kalten Krieges markierte, wird nun immer massiver ausgebaut. «Es ist das gleiche Dorf, aber es steht eine Riesenmauer darin», sagt Henriette Confurius. «Da ist mir wirklich kurz die Luft weggeblieben, als ich das gesehen habe.»

Für die Filmemacher verschwimmen die Grenzen zwischen Realität und Fiktion fast ein wenig. Aufgrund der trennenden Mauer können auch sie nicht mal eben mit Kameras und sonstiger Ausrüstung vom fiktiven West- und in den Ostteil des Dorfes springen. Confurius nennt das «gruselig», räumt aber ein: «Ich würde nicht behaupten, dass man, nur wenn man eine Mauer sieht, weiß, was das damals für ein Gefühl war, von seiner Familie getrennt zu werden.»

Für Tannbach gab es ein reales Vorbild: Mehr als 40 Jahre lang verlief die innerdeutsche Grenze durch den thüringisch-bayerischen Ort Mödlareuth. Manchmal bekommt Anna-Darstellerin Confurius Post von dort: «Ich habe viele Briefe bekommen von Menschen, die in der Nähe von Mödlareuth aufgewachsen sind oder denen die Geschichte nahegegangen ist, weil sie sich wiedererkennen.»

Von vielfältigen Reaktionen spricht auch ZDF-Redakteurin Caroline von Senden, die diesmal wieder mit Produzentin Gabriela Sperl zusammenarbeitet: «Häufig wurde berichtet, dass Großeltern, Eltern und Kinder miteinander 'Tannbach' geschaut haben als Familienerlebnis und Familienereignis und sehr viel über die eigene Geschichte, Kriegs- und Nachkriegserlebnisse, Schuld und die Verdrängung von Schuld gesprochen wurde.»

In der zweiten Staffel wird es viele neue Erzählstränge geben. Die ZDF-Redakteurin verrät ein wenig davon: Mit Rosemarie (Anna Loos), der neuen Frau von Georg von Striesow (Heiner Lauterbach), werde viel über die Situation der Frau in den sechziger Jahren vermittelt. Und Pfarrer Wolfgang Herder (Clemens Schick) verlasse den Westen, um im Osten die Kirche zu stärken.

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