Fr., 29.12.2017

In Ölgemälden lebendig werden „Loving Vincent“: Poetischer Animationsfilm und faszinierendes Künstlerporträt

Neulich in Auvers-sur-Oise: Der junge Armand Roulin (Douglas Booth, l.) hat eine schicksalhafte Begegnung mit Postmeister Joseph Roulin (Chris O‘Dowd). Alles wegen Vincent van Goghs letztem Brief.

Neulich in Auvers-sur-Oise: Der junge Armand Roulin (Douglas Booth, l.) hat eine schicksalhafte Begegnung mit Postmeister Joseph Roulin (Chris O‘Dowd). Alles wegen Vincent van Goghs letztem Brief. Foto: La Belle Company

Von vielen Filmbildern wird gesagt, sie seien wie Gemälde und leuchteten wie Ölfarbe. Die englisch-polnische Produktion „Loving Vincent“ kann dies Lob für sich beanspruchen. Was Dorota Kobiela, Hugh Welchman und Jacek Dehnel in sechsjähriger Arbeit schufen, betritt als erster abendfüllender, vollständig aus Ölbildern erschaffener Animationsfilm visuelles Neuland.

Von Hans Gerhold

Gedreht wurde zunächst mit realen Schauspielern, die vor Blue und Green Screens agierten. Ihre Bewegungen ergaben im Rotoskopie-Verfahren 65 000 Einzelbilder, die von Malern in Ölgemälde im Stil van Goghs umgesetzt wurden, wobei rund 800 Motive und 120 Originalgemälde aus dem reichhaltigen Schaffen des Meisters Eingang fanden und ganz oder teilweise nachgestellt und variiert wurden. Das Ergebnis sind bewegte filmische Ölbilder.

Erzählerischer Ausgangspunkt ist der Selbstmord Vincent van Goghs (Robert Gulaczyk), um den die Macher eine detektivische Recherche mit der Hypothese konstruierten, es sei Unfall oder gar Mord gewesen. Ein Jahr nach dessen Tod reist Armand Roulin (Douglas Booth im kanariengelben Jacket) mit dem letzten, an Bruder Theo gerichteten Brief des Künstlers nach Auvers-sur-Oise und begibt sich auf die Suche nach der Wahrheit. Die Detektivarbeit führt vom Weizenfeld (wo ist die Waffe?) über Arles bis nach Paris und zurück nach Auvers zu Doktor Gachet (Jerome Flynn), mit dessen Tochter (Saoirse Ronan) van Gogh eine innige Beziehung pflegte.

Die Kunstgeschichte muss wegen des Films nicht neu geschrieben werden, aber der Krimi-Ansatz erleichtert die Passage durch das Leben van Goghs, das in schwarzweißen Rückblenden aufgerollt wird. Wahrscheinlich wird „Loving Vincent“ in Museen in aller Welt als Kultobjekt vermarktet werden. Sehenswerte van-Gogh-Filme wie Vincente Minnellis Melodram mit Kirk Douglas (1957) oder Maurice Pialats Studie mit Jacques Dutronc (1991) verlieren jetzt keineswegs ihren Rang. Der mit dem Europäischen Filmpreis ausgezeichnete originelle und poetische Animationsfilm ist als Gipfeltreffen von Film, Kunst, Experiment und Avantgarde ein Sehgenuss.  

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