In der ethischen Zwickmühle
„The Killing of a Sacred Deer”: Eisiges, schwarzhumoriges Horror-Melodram mit Colin Farrell

Schicke Villa, nette Kinder, mondäne Frau: Herzchirurg Steven Murphy (Colin Farrell, mit grau meliertem Vollbart) hat es gut getroffen. Und doch hat der Ex-Alkoholiker ein schlechtes Gewissen. Auf seinem Operationstisch starb vor einiger Zeit ein Mann, und an dessen Tod ist Steven offenbar nicht unschuldig. Um gutzumachen, was nicht gutzumachen ist, kümmert er sich wie eine Art Mentor um Martin, den halbwüchsigen Sohn des Opfers – beeindruckend undurchsichtig gespielt von „Dunkirk“-Newcomer Barry Keoghan.

Freitag, 29.12.2017, 12:12 Uhr

Herzchirurg Steven Murphy (Colin Farrell) liefert sich klirrende Wortgefechte mit Gattin Anna (Anna Murphy). Aber es kommt noch schlimmer.
Herzchirurg Steven Murphy (Colin Farrell) liefert sich klirrende Wortgefechte mit Gattin Anna (Anna Murphy). Aber es kommt noch schlimmer. Foto: dpa

Doch Martin hat was anderes vor. Immer mehr drängt er sich in Stevens Familie, die bald unter einem Fluch zu leiden scheint: Nacheinander werden Bob und Kim, die Kinder, von Lähmungserscheinungen heimgesucht. Martin möchte, dass Steven eins seiner Familienmitglieder tötet, um ausgleichende Gerechtigkeit zu schaffen. Was anfängt wie ein unterkühltes Ehedrama (mit klirrenden Wortgefechten zwischen Farrell und Nicole Kidman), wächst sich zum einigermaßen schockierenden Horrorfilm aus.

Der griechische Regisseur Yorgos Lanthimos etabliert sich immer deutlicher als eine der markantesten Stimmen des gegenwärtigen Kunstkinos. Nachdem er zuletzt in „The Lobster“ (ebenfalls mit Farrell) die Science Fiction einer Beziehungsdiktatur brillant vor sich hin mäandern ließ, lässt er in seinem zweiten englischsprachigen Film wieder lange offen, wohin die Reise geht. Aufgestützt auf den griechischen Iphigenie-Mythos um einen Vater, der seine Tochter opfern muss, um eine ungünstige Flaute zu beenden, und mit stilistischen Anleihen bei Kubrick, Polanski sowie Michael Haneke zeichnet Lanthimos das Bild einer sozial vergletscherten Welt, in der die merkwürdigsten Dinge geschehen, auf die Menschen mit bleierner Miene reagieren.

Lanthimos lässt den Fluch in den Realismus seiner Ärztewelt krachen, Alicia Silverstone („Clueless“) sich als Martins Mutter zu absurden Übergriffigkeiten versteigen, und am Ende öffnet sich im Keller des schmucken Eigenheims so etwas wie die Hölle: Egal, ob man es mag, Lanthimos‘ Kino hat etwas Ureigenes, etwas noch nie Gesehenes. „The Killing of a Sacred Deer“, der in Cannes den Drehbuchpreis gewann, ist der letzte große Film dieses an großen Filmen reichen Kinojahres. Sehenswert.  

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