So., 04.06.2017

Bildhauer Lenk wird 70 «Das Leben ist nur als Komödie zu ertragen»

Der Bildhauer Peter Lenk wird 70.

Der Bildhauer Peter Lenk wird 70. Foto: Felix Kästle

Er erinnere sich noch daran, 30 Jahre alt zu sein, sagt der Bildhauer Peter Lenk. «Kann ich gar nicht verstehen, dass ich jetzt schon 70 bin.» Der Künstler feiert am Dienstag seinen runden Geburtstag - und ist kein bisschen weniger provozierend.

Von dpa

Bodman-Ludwigshafen (dpa) - Beschäftigt sich ein Künstler wie Peter Lenk eigentlich mit dem Altern? Wenn man den Bildhauer fragt, antwortet er gleich mit zwei Zitaten: « Gottfried Benn hat geschrieben: Das Leben verging wie ein Nachmittag.

Und die Oma hat gesagt: Lass doch den Christbaum stehen, den brauchen wir doch bald wieder.» Auch er merke, dass das Leben einfach immer schneller vergehe, sagt Lenk, der am kommenden Dienstag (6. Juni) 70 Jahre alt wird. «Ich kann mich noch erinnern, da war ich 30 Jahre alt. Kann ich gar nicht verstehen, dass ich jetzt schon 70 bin.»

Und auch, wenn es sehr nach Klischee klingt: Man merkt ihm das Alter nicht an. Lenk sitzt an diesem Tag - es ist früher Abend - auf der Terrasse eines Restaurants in Überlingen, Hosenträger über weißem Hemd, vor sich ein Glas Apfelschorle. Es ist heiß, die Sonne scheint ihm ins Gesicht, in das er tief seine Mütze gezogen hat. Vermutlich war es ein langer Tag, gerade eben hat er noch Besucher durch eine neue Ausstellung geführt, gleich soll es weiter gehen zur Vernissage. Doch Peter Lenk wirkt kein bisschen müde. Er sprudelt nur so vor Anekdoten, springt von einem Thema zum anderen, klopft auf den Tisch, um seine Worte zu betonen.

Es habe drei Sätze gegeben, die ihn beeindruckt haben, sagt der Bildhauer. «Erstens Friedrich Dürrenmatt: Das Leben ist nur als Komödie zu ertragen. Dann Picasso: Kunst und Freiheit muss man wie das Feuer des Prometheus rauben, um es gegen die bestehende Ordnung anzuwenden. Und nicht zuletzt Albert Camus: Die Fantasie tröstet die Menschen darüber hinweg, was sie nicht sein können. Und der Humor darüber, was sie tatsächlich sind. Damit hatte ich schon mal die Grundstimmung, die ich brauchte, um das hier durchzuhalten.»

Und durchhalten musste Lenk: Seine Skulpturen, die vor allem im Bodenseeraum, aber auch in ganz Deutschland stehen, wurden nicht immer mit Wohlwollen begrüßt. Zum Beispiel die Statue Imperia in Konstanz, 10 Meter hoch, 18 Tonnen schwer. Der Tourismusverein habe die Skulptur damals in Auftrag gegeben, zwei Drittel im Gemeinderat waren dagegen. Da habe er sich gesagt: «Die Verantwortungsträger schlafen doch nachts. Nehmen wir ihnen die Verantwortung halt mal kurz ab und geben sie ihnen beim Aufwachen zurück.» Lenk schmuggelte die Skulptur mitten in der Nacht über den Bodensee und baute sie auf.

Die Überfahrt habe ein Schweizer Unternehmen finanziert - unter der Bedingung, die Eidgenossen zu verschonen und das Kunstwerk in Deutschland aufzustellen. Inzwischen gehört die Imperia - die seit mehr als 20 Jahren am Konstanzer Hafen steht - zu den Wahrzeichen der Stadt. Fünf Jahre lang hätte die Kommune versucht, die Imperia abzureißen, sagte Lenk einmal. «Dann ist bei ihnen der Groschen gefallen. In Rekordzeit. Sie kauften die Figur. In Stuttgart hätte es 50 Jahre gedauert und in München vermutlich 100, wenn überhaupt.»

Lenks Werke provozieren, sie zielen auf Missstände, vor allem in der Politik und in der Wirtschaft. Dabei setzt er auf drastische Darstellungsformen: Seine Figuren sind meist nackt, ihre Körperformen wenig schmeichelhaft dargestellt. Oft trifft es historische oder zeitgenössische Prominenz - in seinem Heimatort verursachte Lenk etwa 2008 beträchtlichen Wirbel mit dem Wandrelief «Global Players». Zu sehen sind Figuren, die beispielsweise Kanzlerin Angela Merkel und Edmund Stoiber ähneln und Ringelpiez mit Anfassen spielen.

Lenk stehe als Synonym für provokante Enthüllungen, sagt der Ludwigshafener Bürgermeister Matthias Weckbach. «Seine Kunst zeichnet sich durch Überhöhung beinahe ins Groteske aus. Eine künstlerische Satire. Eine solche Überhöhung provoziert und bringt die tiefsten Gefühle in uns hervor von Anerkennung, Begeisterung und auch von tiefer Ablehnung. Eines ist jedenfalls nicht möglich, sich nicht damit auseinander zu setzen. Seine Werke bringen die tiefsten Gefühle in uns in Bewegung.»

Zahlreiche Werke hat Lenk in den vergangenen Jahrzehnten produziert, die Empörung über Missstände hat bei ihm trotzdem nicht nachgelassen. Und die Empörung, die ihm selbst mitunter entgegenschlägt, scheint er durchaus zu genießen: Auf seiner Homepage sammelt er mehrere Auszüge aus Briefen, die er bekommen hat. «Der Künstler gehört ins geistliche Gefängnis und dort gezwickt und gezwackt», heißt es dort. Und: «Kunstlose Kunst erster Güte». Oder «Schamlos bis in die Badehose hinein!»

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