Aachener Ludwig Forum
Der radikale Bruch - Kunst in den 68er Jahren

Proteste, gesellschaftlicher Umbruch, revolutionäre Ströme - die Welt brodelt in den 68er Jahren. Die Kunst bricht mit dem Alten, schockiert, verstört und sucht neue Wege.

Dienstag, 17.04.2018, 15:04 Uhr

Peter Weibels Kunstwerk "Das Recht mit den Füssen Treten" im Ludwig Forum für Internationale Kunst.
Peter Weibels Kunstwerk "Das Recht mit den Füssen Treten" im Ludwig Forum für Internationale Kunst. Foto: Henning Kaiser

Aachen (dpa) - Wien, April 1959 vor einer Dichterlesung: Plötzlich brausen zwei Männer auf einem Motorrad auf die Bühne und schlagen mit Äxten den wunderschönen Holzflügel kurz und klein. Friedrich Achleitner, Schriftsteller, und Gerhard Rühm, Lyriker und ausgebildeter Pianist, nennen diesen Akt der Zerstörung 2. Literarisches Cabaret.

Die Schwarz-Weiß-Fotos im Aachener Ludwig Forum für Internationale Kunst vermitteln Jahrzehnte später noch Schwung und Dynamik dieser verstörenden Szene.

Sie markiert den Bruch mit den traditionellen Kunstformen, mit denen Künstler gegen das bestehende System rebellieren. Wenn einer losgeht und sich Leinwand und Keilrahmen kauft, mache er den ersten Fehler, soll Joseph Beuys gesagt haben.

«Kunst reagiert in Zeiten gesellschaftlichen Umbruchs besonders innovativ, besonders produktiv. Wir haben eine unglaubliche Aufbruchsituation», sagt der Kurator und Leiter des Ludwig Forums für Internationale Kunst, Andreas Beitin, zur Vorstellung von «Flashes of the Future (Blitze der Zukunft). Die Kunst der 68er oder Die Macht der Ohnmächtigen» (20.4.-19.8.2018) am Donnerstag.

Das Desaster des Vietnam-Kriegs, Panzer im Prager Frühling, Studentenproteste, Anschlag auf ein Frankfurter Kaufhaus - politische Unruhen und gesellschaftliche Umwälzungsprozesse erreichen international 1968 ihren Höhepunkt. Die nach Museumsangaben bundesweit einzige Kunstausstellung zu den 68er Jahren spiegelt mit 280 Werken etwa von Georg Baselitz, Joseph Beuys, Sigmar Polke, Günther Uecker oder Wolf Vostell, welche Impulse die Kunst in dieser Zeit gab.

Intellektuelle wie der Philosoph Theodor W. Adorno rufen die Künstler schon in den 50ern auf, nach der NS-Zeit nicht zu verdrängen: «Wir müssen den Bruch ernst nehmen nach Auschwitz, nach Hiroshima, und wir müssen reflektieren», gibt der Kunsthistoriker und Kurator Eckhart Gillen den Appell sinngemäß wider.

Die Kunst reagiert, radikal, und wirkt teilweise verstörend - wie die als «Uni-Ferkelei» bekanntgewordene Aktion an der Wiener Uni, bei der Studenten bei einer Art inszenierter Vorlesung aus Protest gegen nationalsozialistische Tendenzen onanieren und die Nationalhymne singen. Oder wie das Gemälde von Georg Baselitz «Die große Nacht im Eimer».

Es ist die Zeit des Wirtschaftswunders, der kitschigen Heimatfilme und der Schnulzen. Da schockiert Baselitz mit dem Gemälde eines onanierenden Jungen, der auf die ganz große Nacht gehofft hatte - als Sinnbild für die große Zukunft mit Hitler, in einem «großdeutschen» Reich. Dann Schock und Ernüchterung: Hitler bringt sich um. Und der Junge befriedigt sich selbst. Das Bild wird wegen angeblicher Unsittlichkeit in West-Berlin beschlagnahmt.

«Wir haben zahlreiche Beispiele dafür, wie Kunst aufgebrochen ist. Performance war ganz wichtig, dass die Künstler aus den Museen auf die Straße gegangen sind, mit Happenings und Aktionen aller Art ganz neue Formate entwickelt haben», sagt Kurator Andreas Beitin.

Performances wie «Cut Piece» von Yoko Ono, bei der sie sich von Zuschauern entblößen lässt. Das Video zeigt Ono regungslos auf der Bühne sitzend, während sie sich die Kleider abschneiden lässt. A.R. Penck entwickelt seine Strichmännchen und malt «Das große Weltbild» - eine Darstellung des Kalten Kriegs, wie Beitin sagt: «Das war sein Versuch, sich selbst zu erklären, wie hängt das alles zusammen.»

Zu der Ausstellung unter der Schirmherrschaft von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier ist kein herkömmlicher Katalog erschienen, sondern ein 600 Seiten starker Band, der für sieben Euro bei der Bundeszentrale für politische Bildung zu bekommen ist: «Er informiert so umfassend wie nie zuvor über Kunst und die 68er», sagt Beitin.

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