Interview
Mi., 15.02.2012
„Darum beneidet uns die Welt“ - Ludger Pries über die ökonomische Stärke
Professor Ludger Pries lobt die „weichen Faktoren“.
Münster -
Was macht Deutschlands Wirtschaft so erfolgreich? Darüber sprach unser Redaktionsmitglied Claudia Kramer-Santel mit dem Arbeitssoziologen Ludger Pries von der Bochumer Ruhr-Universität.
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Was ist das Geheimnis der deutschen Wirtschaft?
Pries: Es ist nicht nur die Wirtschaftspolitik. Es ist auch nicht die vielgepriesene technologische Innovationsfülle. Nein, es sind viele weiche Faktoren, die sie gar nicht so leicht messen lassen. Es ist die gute Mischung. Dazu kommt eine Regierungspolitik ohne extreme Pendelausschläge, wie wir sie aus anderen Ländern durchaus kennen. So bleibt das System verlässlich.
Was heißt das konkret?
Pries: Insbesondere um die duale Berufsausbildung, die Theorie mit konkreten Erfahrungen in Unternehmen koppelt, werden wir in anderen Ländern beneidet. Sie schafft eine frühe Orientierung der Menschen auf den Beruf hin. Die Menschen sind dadurch tief mit ihrer Arbeit verbunden und nicht wie in anderen Ländern wie Frankreich hauptsächlich durch theoretische Studiengänge geprägt. Dies „Beruflichkeit“, die Arbeit nicht nur als irgendeinen Job anzusehen, fördert die innere Motivation der Menschen am Arbeitsplatz. Sie sind stolzer auf das, was sie schaffen.
Warum schafft Deutschland es, speziell am Weltmarkt so erfolgreich zu sein?
Pries: Das verdanken wir nicht etwas nur den großen Firmen mit ihren Forschungsabteilungen. Die wirkliche Stärke unserer Volkswirtschaft sind die vielen kleinen mittelständischen Unternehmen, die es schaffen, Weltmarktführer in ihrer ganz speziellen Nische zu sein. Sie sind extrem erfolgreich. Außerdem ist es sehr wichtig, dass wir nicht wie Großbritannien auf den Abbau der Industrie setzen. Unsere Stärke ist immer noch die industrielle Ausrichtung vieler Unternehmen.
Und die Gesellschaft spielt dabei keine Rolle?
Pries: Wir haben in unserem Staat die optimale Verbindung zwischen den einzelnen Interessengruppen. Wir haben ein System des Ausgleichs von Interessen, das von Firmen und Arbeitnehmern weitgehend geteilt wird. Die Konflikte werden zumeist nicht durch Arbeitskämpfe und Streiks geregelt. Dieses stabile System der Arbeitsbeziehungen ist mehr wert als eine rigorose Deregulierung. Beispiel: Firmen und Arbeitnehmer einigten sich in der Krise des Jahres 2008 auf Kurzarbeit. Es wurde nicht einfach Personal entlassen. So konnte nach der Phase der Krise sofort wieder durchgestartet werden. So etwas nenne ich einen vernünftigen Konsens, um den uns andere Staaten beneiden.
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