Mo., 05.11.2012

Dieter Walter avancierte vom Stasi-Häftling zum Mitarbeiter der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen: Die "Gastfreundschaft" der Stasi

Dieter Walter avancierte vom Stasi-Häftling zum Mitarbeiter der Gedenkstätte : Berlin-Hohenschönhausen: Die "Gastfreundschaft" der Stasi

Die Stasi-Untersuchungshaftanstalt in Hohenschönhausen Foto: Martin Ellerich

Berlin - Dieter Walter stemmt seine Hände auf die Armlehnen. Vor dem Stuhlsessels steht ein Schreibtisch. Die beige Platte typisch DDR-Kunststoff. Im rechten Winkel dazu ein weiterer Tisch – wie einst in jeder Amtsstube jenseits der Mauer. An den Wänden vergilbte DDR-Tapete. Walter richtet sich weiter auf: „Ich bin ein Sieger der Geschichte. Weil ich hier sitze – und nicht auf dem Schemel, der früher da vorne stand.“

Von Martin Ellerich

Der Schemel war reserviert für die Untersuchungshäftlinge – im zentralen Untersuchungsgefängnis der DDR-Staatssicherheit in Berlin-Hohenschönhausen wie in den anderen Stasi-Knästen. Walter kennt auch die andere Perspektive, die vom Schemel aus. „Ich hatte selbst das zweifelhafte Vergnügen, die Gastfreundschaft der Stasi zu genießen“, sagt er. Wer den 72-Jährigen durch die heutige Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen begleitet hat, zweifelt nicht mehr daran, dass die DDR ein Unrechtsstaat war.

Walters Schemel stand nicht in Berlin-Hohenschönhausen, sondern in einem anderen Stasi-Untersuchungsgefängnis. „Aber das System war überall gleich“. Gleich perfide. Was damit anfing, dass die Gefangenen gar nicht wussten, in welcher Stadt ihr Schemel stand.

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Ich hatte selbst das zweifelhafte Vergnügen, die Gastfreundschaft der Stasi zu genießen.

Dieter Walter

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In der Garage der Gedenkstätte parkt ein alter Barkas. Einer jener „Ost-Bullis“ mit Zweitaktmotor, wie sie in der DDR als Bäckereitransporter oder Milchwagen eingesetzt wurden.  So sieht der Wagen auch aus – von außen. Im Inneren verbergen sich winzige Zellen ohne Fenster. Jede gerade groß genug, um einen Erwachsenen hineinzusperren. „Sie sind damit stundenlang durch die Gegend gefahren worden“, sagt Walter. „Nach einer Stunde hatten Sie jede Orientierung verloren.“ Das war gewollt. Teil des Konzepts.

Ebenso wie der Empfang in der Stasi-Garage. Weiße Wände, blendend-helle Lampen. „Sie sind aus herausgestolpert aus dem Dunkel“, erinnert sich Walter. Angeschrien, Herumgestoßen. „Kurze Befehle: Raus, Stehenbleiben, Gesichts zur Wand, Weiter, Stehenbleiben, Ausziehen.“ Was er dabei gedacht hat? „Was alle gedacht haben: Das muss ein Irrtum sein“, sagt Walter. „Das wird sich alles aufklären, ich habe doch nichts gemacht.“ Er habe sogar noch nachgedacht, ob er es noch rechtzeitig schaffe zur Verabredung mit der Freundin am Abend. Er war 19 Jahre alt. „Es war der Tag meiner zweiten Abiturprüfung.“

Einkleidung in Haftklamotten, ab in die Einzelzelle. Ein ausgeklügeltes Lichtzeichen-System in den Gängen soll dafür sorgen, dass sich niemals zwei Untersuchungshäftlinge begegnen, wenn die „Läufer“ genannten Wachleute sie zur Vernehmung führen. Vom „Läufer“ kommen nur kurze Befehle. Die Häftlinge  werden mit Nummern angeredet. „Sie wurden einfach nicht mehr als Mensch behandelt.“ Über Tage, Wochen...

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Sie können 90 Jahre alt werden, wir werden Sie nicht vergessen.

Ein Stasi-Offizier zu Dieter Walter

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„Und dann kommt die erste Vernehmung“, sagt Walter. Durch die Gänge.  Durch die doppelte, gepolsterte Tür, die keinen Ton hinauslässt. In das Zimmer mit dem Schreibtisch. „Da sitzt einer,  der redet Sie plötzlich mit Namen an...“ Die einzige Bezugsperson: der Vernehmer.  „Da heißt es dann: Junge, Du bist doch noch jung... Du willst Dich doch einbringen, in unserem Staat.“ Dann plötzlich: Auch hier Gebrüll, Drohungen. Walter deutet auf das eckige, weiß-graue  DDR-Telefon: „In den Händen eines Stasi-Offiziers wurde das zu einem perfiden Folterinstrument, der hat Ihnen nämlich hier vorgespielt, dass gerade ihr Freund, ihr Vater verhaftet wurden.“ Und dann ging es zurück in die Zelle: Stunden nichts anderes zu tun, als sich den Kopf zu zerbrechen.

Grauer Reibeputz an der Wand. Oben Maschendrahtzaun. Ein Platz für den Bewacher mit der MP. „Voliere“  nennt Walter die winzigen Höfe, in denen die Häftlinge ihren Hofgang absolvierten.  Es gibt nichts zu sehen – außer einem Stück Himmel.  Himmlisch ist es, wenn mal eine Wolke vorbeizieht - oder gar ein Vogel singt. „Da haben Sie was, um später in der Zelle Ihre Gedanken zu beschäftigen“, sagt Walter, „da wird jede Krähe zur Nachtigall.“

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Heute kann ich sagen: Ich bin ein glücklicher Mensch.

Dieter Walter

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Walters Verbrechen? Er hatte Kontakt gehalten über die Grenze hinweg. Er hatte eine Begegnungen mit anderen Jugendlichen aus Norddeutschland organisiert – und er hatte wohl etwas zu oft etwas zu frei gesprochen. Ein Lehrer habe ihn angeschwärzt.   Zweieinhalb Jahre Strafhaft waren schließlich die Quittung. Frei war er danach nicht, während seiner Haft wurde die Mauer gebaut.

Die Haftstrafe verfolgte ihn ein Leben lang. Was hatte der Stasi-Vernehmungsoffizier gesagt: „Sie können 90 Jahre alt werden, wir werden Sie nicht vergessen.“ Aus dem Abiturienten wurde ein Hilfsarbeiter. Erst Jahre später ginge es über die Abendschule mühsam und langsam aufwärts.

Und heute? „Es gibt Tage, da spaziere ich stolz wie ein Gockel hier über das Gelände“, sagt Walter. „Wir Ostdeutschen haben die Mauer von innen eingedrückt.“ Darauf könnten die Deutschen stolz sein. „Heute kann ich sagen: Ich bin ein glücklicher Mensch.“

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Zum Thema: Gedenktstätte Berlin-Hohenschönhausen

Ein Ort, der auf keinem Stadtplan stand: die zentrale Untersuchungshaftanstalt der Staatssicherheit in Berlin-Hohenschönhausen. Gleich nach dem Krieg hatten die sowjetischen Besatzungsbehörden hier in einer Großküche ein „Speziallager“ für politische Gefangene und echte oder vermeintliche Kriegsverbrecher eingerichtet. Prominentester Häftlinge der ersten Monate war Heinrich George, der Vater von Götz George und ebenfalls Schauspieler. Er starb 1946 im Speziallager Sachsenhausen.

Im Keller der Großküche entstand später das berüchtigte „U-Boot“, ein Zellentrakt ohne natürliches Licht, in dem ka­ta­stro­pha­le Bedingungen herrschten. Unter der Ägide der sowjetischen Geheimdienste waren körperliche Gewalt und Folter an der Tagesordnung, in den späteren Jahrzehnten der DDR wichen diese Verhörpraktiken subtileren Methoden. So ist der Gefängnis-Neubau von 1961 bis ins Detail auf das Isolieren und Zermürben der Häftlinge ausgelegt. Wie perfide dies in den unscheinbaren Räumen ablief, wird erst durch die Zeitzeugen klar.

Deshalb können die historischen Gebäude der Gedenkstätte Hohenschönhausen nur in Führungen besichtigt werden. Diese sind täglich – jeweils zur vollen Stunde – zwischen 11 und 15 Uhr, am Wochenende zwischen 10 und 16 Uhr. Eintritt: 5 Euro (ermäßigt 2,50 Euro, Schüler ein Euro). Gruppen müssen sich anmelden.

www.stiftung-hsh.de

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