Do., 01.12.2016

Arye Shalicar hört als Pressesprecher der israelischen Armee auf Per Facebook Brücken nach Israel bauen

 

  Foto: Gadi Yampel

Münster - 

Vom Antisemitismus-Opfer zwischen arabischen Straßengangs in Berlin-Wedding in die große Politik nach Israel: Arye Shalicar hat am 1. Dezember nach sieben Jahren als Pressesprecher der israelischen Armee (IDF) aufgehört und wird ab Januar Abteilungsleiter im Büro des Premierministers. Der Deutsch-Iraner, der nach Israel auswanderte, steht für eine der wohl außergewöhnlichsten deutsch-israelischen Geschichten...

Von Claudia Kramer-Santel

Vom Antisemitismus-Opfer zwischen arabischen Straßengangs in Berlin-Wedding in die große Politik nach Israel: Arye Shalicar hat nach sieben Jahren als Pressesprecher der israelischen Armee (IDF) aufgehört und wird ab Januar Abteilungsleiter im Büro des Premierministers. Der Deutsch-Iraner, der nach Israel auswanderte, wird sich somit weiter an oberster Stelle mit Sicherheitsfragen beschäftigen. Er suche neue Herausforderungen, erklärte er im Gespräch mit unserer Zeitung.

Shalicar steht für eine der wohl außergewöhnlichsten deutsch-israelischen Geschichten. Nur eine Besonderheit: Gerade in der deutschsprachigen Öffentlichkeit hat er eine große Anhänger- und Kritikerschar auf Facebook, mit der er „rund um die Uhr“ diskutiert. Dort kündigte er bereits den Wechsel an. „Ich werde meine Seite aber weiter betreiben und euch weiterhin ,meinen Senf‘ mitteilen“, versprach er aber seinen Facebook-Freunden. Sein Geheimnis, warum er als Sprachrohr der Armee Israels auch mit vielen muslimischen Einwanderern in Deutschland per du ist: „Ich spreche ja die Sprache der Straße. Schau mal, ich habe früher immer isch statt ich gesagt“, räumt Shalicar ein.

Geschadet hat ihm dies nicht. In Israel sei seine Vergangenheit in Straßengangs kein Problem gewesen. Viele können es dort nachvollziehen, wie sehr man unter Antisemitismus leiden kann, „wenngleich nur wenige so lebensbedrohlich gefährdet waren wie ich“. Außerdem vollzog der heute 39-Jährige einen rasanten „Imagewandel“ zum „Streber“, wie er lachend bemerkt.

Nach seinem Umzug nach Israel absolvierte er die Armeezeit, schaffte eine Bestnote im Masterstudium für Europäische Politik. Er spricht neun Sprachen und es gelang ihm mit seiner kämpferischen Natur rasch, zum Experten einer äußerst schwierigen Mission zu werden: Die Rolle der IDF einer kritischen europäischen Öffentlichkeit zu erklären. Sein Motiv: „Ich habe mich entschieden, weil ich aus dem Wedding komme, dass ich der großen Sicherheitsorganisation Israels beitrete und die Thematik meiner Jugend konkret anspreche. Ich kann nicht damit leben, dass so viel Unwissenheit über Israel herrscht. Oft ist es ja gar kein tiefsitzender Antisemitismus.“

Es ist vielsagend, dass er seine „krasse Geschichte“ bereits Ende zwanzig in einer Autobiografie verarbeitet hat. Titel: „Ein nasser Hund ist besser als ein trockener Jude.“ „Ich habe meine Lehrer in Deutschland gehasst, die Polizei gehasst. Ich habe es gehasst, dass ich Jude bin. Alles war negativ und schwarz.“ Weil er sich unter gewalttätigen Türken und Arabern behaupten musste, griff auch er zur Gewalt. „Ich habe den Nahost-Konflikt im Kleinen erlebt, und bin da irgendwie aus dem Sumpf gekommen.“ Shalicar hat übrigens zwei neue Bücher in der Mache.

Doch Shalicar möchte auf keinen Fall als Mann verstanden werden, der nur die Geschicke Israels mit Leidenschaft vertritt. „Ich bin mit Herz und Kopf in der Mitte zwischen Deutschland und Israel, stolz darauf, Israeli, nicht weniger stolz darauf, Deutscher zu sein.“ Er möchte gerne Brückenbauer sein: „Ich glaube fest daran, dass diese beiden Länder eng befreundet sein können, müssen und sollten. Doch noch sind unsere Werte und Vorstellungen nicht eins.“ Aber in der Sicherheitsfrage sei man einen Schritt weiter: Das stabile Deutschland spiele inzwischen für Israel eine fast so wichtige Rolle wie die USA – gerade in Zeiten des Terrors. Wohl auch deshalb ist es für Israels Regierung wichtig, auf Shalicar zu setzen, denn er weiß, wie man in Deutschland „tickt“.

Es klingt einmal mehr vollkommen widersprüchlich, wenn Shalicar, der persönlich unter dem arabischen Antisemitismus schwer gelitten hat, sich als Sprachrohr auch der muslimischen Zuwanderer in Deutschland fühlt. „Viele, die nach außen aggressiv wirken, sind keine aggressiven Jungs. Das System tut viel, aber noch nicht genug, um sie aufzufangen. So werden sie anfällig für den Terrorismus.“ Sozialarbeit als Sicherheitspolitik – auch ein Blickwinkel.

Bis heute würde auch in den Medien Israel sehr einseitig als grundlos aggressiv wahrgenommen, ärgert er sich. Dabei herrsche im Moment dort relative Ruhe: „Um uns herum, geschieht viel, worauf wir keinen Einfluss haben“, spricht er die vielen innermuslimischen Konflikte an. Doch Israel bleibe ein Feindbild in der Region, es sei eine Frage der Zeit, bis neue Konflikte drohen. „Die Palästinenser sind gar nicht das Hauptproblem.“

Aus der Armee ist Shalicar noch nicht ganz heraus. Man möchte gerade in Krisenzeiten auf ihn bauen. „Ich bleibe als Reserveoffizier dafür zuständig, Deutschland das Vorgehen der israelischen Armee zu erklären.“ Schon weil es gar keinen Major in Israel gibt, der wie er gut deutsch spricht. Auch seine Facebookfreunde wird er behalten.

Shalicar wagt eine neue Zäsur und blickt nach vorne: „Ich bin glücklich, deshalb bringt mich nicht viel aus der Ruhe. Vor 20 Jahren ging mein Leben fast den Bach runter. „Jetzt habe ich eine Frau, zwei Kinder. Wo ich wohne, ist mir egal, Deutschland oder Israel: Mein Herz schlägt in beiden Ländern.“

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