Do., 21.10.2010

Aus aller Welt Lernen, arbeiten, zu Gott beten: Das Leben auf einer Missionsstation

Von Gunnar A. Pier

Iringa - Nein, in einem Flugzeug gesessen hat Daniel Saitoti noch nie. Aber er kennt jemanden, der einmal geflogen ist, von Dar es Salaam in ein fremdes Land, und der hat Daniel davon erzählt. Jetzt möchte Daniel Pilot werden. Doch der Weg dorthin ist lang, vielleicht zu lang für den elfjährigen Schüler aus Frelimo nahe Iringa in Tansania . Immerhin: Daniel hat schon einmal mächtig Glück gehabt. Denn er hat einen Platz in der St. Charles School bekommen.

Die Erkenntnis ist nicht neu, gleichwohl noch immer gültig: Gute Bildung ist weltweit die wichtigste Grundlage für die Entwicklung eines Landes und die Zukunfts-Chancen der Menschen. Also auch hier im ostafrikanischen Tansania. Der Staat weiß Bescheid, deshalb gibt es eine allgemeine Schulpflicht. Säumigen Eltern droht gar Gefängnis. Doch die staatlichen Schulen gelten als miserabel. Die Lehrer dort waren ebenfalls auf öffentlichen Schulen, „haben irgendwie ihren Abschluss geschafft“, wie St.-Charles-Leiterin Schwester Victoria formuliert. Sie sprechen beispielsweise schlechtes Englisch. „Was sollen das schon für Lehrer sein?“ Also helfen auch viele kirchliche Organisationen wie der Orden von Schwester Victoria mit eigenem Engagement.

1997 kamen die Borromäerinnen aus Indien nach Iringa, eine 115 000-Einwohner-Stadt im Hochland von Tansania. Kurz drauf begannen sie mit den Vorbereitungen, um 1999 eine kleine Schule zu eröffnen. Heute besuchen rund 570 Kinder die verschiedenen Klassen der Missionsstation am Stadtrand. Die Plätze sind begehrt, Jahr für Jahr müssen die indischen Ordensschwestern Bewerber ablehnen. Für mehr als 50 Schüler pro Jahrgang ist kein Platz. „Wir sind eine Schule für die armen Kinder, die bevorzugen wir bei der Auswahl“, sagt Schwester Victoria.

Arme Kinder wie Daniel Saitoti. Naturwissenschaften und Geografie sind seine Lieblingsfächer. Und wenn Daniel Saitoti das sagt, klingt er sehr zielstrebig. Beides brauche er, um Pilot zu werden, erklärt der Elfjährige. Deshalb geht er mit sichtbarem Eifer jeden Morgen die 20 Minuten zur St. Charles School. Für seine Ausbildung hängt er sich wirklich rein. Was ist zu tun? „Study hard, work hard and pray to god“, erklärt er in flüssigem Englisch: fleißig lernen, hart arbeiten und zu Gott beten.

Gott als Antrieb, als Motivator, als verlässliche Größe im Hintergrund: Für Schüler und Ordensschwestern gilt das gleichermaßen. „So lange Gott mich hier braucht“, antwortet Schwester Victoria auf die Frage, wie lange sie noch in Tansania bleiben wird. „Wo immer er mich hinschickt, werde ich gerne sein.“ Also erträgt sie das mühsame Leben auch nach all den Jahre noch. Im September feierte sie Goldenes Ordensjubiläum: Sie ist seit 50 Jahren Nonne.

Ihre Erfahrung hilft „Vicci“, wie die Mitschwestern sie manchmal nennen, im Alltag. Denn als Leiterin der Schule muss Schwester Victoria mehr können als Stundenpläne schreiben. Schon lange erstellt sie alle Zeichnungen, wenn neue Räume oder gar eine große Halle gebaut wird. „Mit Gottes Gnade verstehe ich, wie all diese Dinge funktionieren“, sagt sie schlicht. Wenn es nötig ist, setzt sie sich auch neun Stunden in den ungemütlichen Überlandbus und kauft beim Stahlhandel in der Hafenmetropole Dar es Salaam die fehlenden Alu-Paneele selbst ein. Anschließend überwacht sie die Bauarbeiten. Gerne engagiert Schwester Victoria die Eltern ihrer Schüler, gibt ihnen Arbeit. „So spüren sie einen weiteren Vorteil durch unsere Einrichtung.“

Andersherum fließt ebenfalls Geld - wenngleich das Schulgeld allenfalls symbolisch ist: 60 000 Shilling zahlen die Eltern derzeit. Das sind gut 30 Euro - pro Jahr, wohlgemerkt. Die Regierung forderte, dass die St. Charles School auf 200 000 Shilling erhöht, doch die Schwestern hielten stand. „Jeder soll sich Bildung leisten können“, erklärten sie trotzig. Mehr als 60 000 Shilling möchten sie nicht nehmen. Damit kamen sie durch. Dennoch sagen sie leise und betroffen: „Einige Kinder haben uns verlassen.“

Staatliche Unterstützung bekommen Schulen wie diese übrigens nicht. Sie finanzieren sich durch Spenden. Die St. Charles School beispielsweise ist Partnerprojekt der Grevener St.-Lukas-Gemeinde, die Jahr für Jahr viele Spenden sammelt und nach Tansania überweist.

Mit ihrer Botschaft von der Bedeutung der Bildung erreichen die Schwestern offenbar die Menschen. Wie Daniels Klassenkameradin Matilda Martine , die etwas bodenständigere Pläne hat als der angehende Pilot. Ihr Traum: Sie möchte bei der Bank arbeiten. Genauer gesagt: Sie möchte „Boss of the Bank“ werden. Entschlossen erklärt die Elfjährige, dass sie reich werden möchte. Dafür arbeitet sie hart und nimmt sich kaum Zeit für anderes. Wenn sie von der Schule heimkommt, isst sie kurz, wäscht ihre Schuluniform und setzt sich an die Hausaufgaben. Mehr Zeit ist nicht.

Zu Hause lebt Matilda zusammen mit ihren Eltern und drei Geschwistern. Ihr Vater steuert einen der Überlandbusse, die die großen Städte verbinden. Manchmal fährt er die neun Stunden nach Dar es Salaam, manchmal hoch in den Norden von Tansania, nach Arusha oder Moshi am Fuße des Kilimanjaro. Das gilt hier schon als große Reise. Geflogen ist aus Iringa noch kaum jemand.

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