Di., 14.02.2012

Interview Grüner Strom aus alten Zechen - RAG-Chef Tönjes über den Kohleausstieg

Interview : Grüner Strom aus alten Zechen - RAG-Chef Tönjes über den Kohleausstieg

RAG-Aktiengesellschaft-Vorstandsvorsitzender Bernd Tönjes Foto: Wilfried Gerharz

Herne - Zu Besuch bei Bernd Tönjes in dessen Büro in Herne. Auf der Fensterbank des RAG-Chefs liegen die üblichen Utensilien der Branche: Grubenlampe, Kohlebrocken, ein Miniatur-Förderturm. Den haben RAG-Lehrlinge dem obersten Chef des Kohlekonzerns vor sechs Jahren zum 50. Geburtstag geschenkt. Doch die Kohle-Zeit in Deutschland geht zu Ende: Im Interview mit unserem Redaktionsmitglied Martin Ellerich spricht Tönjes über seine Gefühle beim Ende des Steinkohlebergbaus, über Energiepolitik und die RAG nach 2018.

Von Martin Ellerich

2018 endet der Kohlebergbau in Deutschland . Was werden Sie dann beruflich machen?

Tönjes : Die RAG wird es auch nach 2018 noch geben. Dann kommen sehr langfristige Aufgaben auf uns zu – Ewigkeitslasten: Das Pumpen unter Tage, die Bergschadensbearbeitung, die Sicherung alter Schächte... Und unsere Töchter, die sich mit Immobilien, Bergbauequipment und –Know-how beschäftigen. Die RAG wird zwar das Kohlefördern 2018 beenden, aber sie wird eine wichtige Gesellschaft bleiben.
 

...und einen Vorstandschef Tönjes brauchen?

Tönjes: (lacht) Das entscheide nicht ich, sondern der Aufsichtsrat.

Normale Unternehmen wachsen, Sie müssen die RAG zunehmend verkleinern: Am 1. Juni endet der Bergbau an der Saar. Was empfinden Sie persönlich?

Tönjes: Das tut weh. Ich bin seit über 30 Jahren Bergmann aus Überzeugung. Mein Vater, Großväter, Onkel, Cousins sind oder waren Bergleute. Natürlich sehe ich das mit großem Bedauern. Aber die Politik hat entschieden: Der Steinkohlenabbau soll 2018 auslaufen und dies sozialverträglich, ohne betriebsbedingte Kündigungen.
 

Wie geht das konkret?

Tönjes: Das ist kein einfacher Managementprozess: Von den 30 000 Bergleuten, die wir noch 2007 hatten,  mussten bis zu diesem Jahr 15 000 ausscheiden, die anderen 15 000 müssen zur Hälfte einen anderen Job oder einen anderen Arbeitsplatz akzeptieren. Dahinter stehen riesige Verwerfungen und Zumutungen für die Mitarbeiter.

Was bedeutet die letzte Schicht an der Saar für die anderen Zechen – vor allem für die in Ibbenbüren ?

Tönjes: Unser Motto ist: Die RAG ist ein Bergwerk mit mehreren Standorten – drei Produktionsstandorten im Ruhrgebiet, einem an der Saar und eben Ibbenbüren. Durch eine Stilllegung sind daher immer alle Standorte betroffen. Im vergangenen Jahr sind 249 Bergleute von  der Saar nach Ibbenbüren verlegt worden, in diesem Jahr werden weitere 538 kommen. Ibbenbüren braucht diese Mitarbeiter, weil altersbedingt andere ausscheiden.

In Ibbenbüren glauben manche mit Blick auf das mit der dortigen Kohle befeuerte RWE-Kraftwerk, dass diese Zeche über 2018 hinaus arbeiten könnte.

Tönjes: Es gibt Einige, die mit einem Konzept für den ewigen Bergbau in Ibbenbüren durch die Welt reisen. Ich kenne keine reale Chance! In Ibbenbüren fördern wir die Kohle 1500 Meter unter der Erde. Das wird auch mit verbesserter Technik nicht wettbewerbsfähig werden. Auch Ibbenbüren braucht Beihilfen. Die Gesetzeslage ist glasklar: Die Beihilfen laufen 2018 aus. Das hat die EU ganz klar gemacht.

Sie sehen keine Chance auf einen Einstieg von RWE in Ibbenbüren?

Tönjes: Warum sollte RWE höhere Kohlenpreise bezahlen als am Weltmarkt? Und eine eventuelle Rückzahlung von Subventionen ist in diesem Fall auch noch nicht vom Tisch.

Den Ausstieg an der Saar kann man als Testlauf für das Ende in NRW sehen. Was ist geplant?

Tönjes: Von der Größenordnung war die Stilllegung des Bergwerks Ost in Hamm 2009 durchaus mit der Saar vergleichbar. Wir haben also Erfahrung. Klar ist, dass der Bergbau an der Saar kein großer Arbeitgeber mehr sein wird. Aber wir haben die Grundstücke und die Aufgabe, diese Flächen anderweitig weiter zu nutzen. Unser Hauptfokus ist: Wenn diese Industriearbeitsplätze wegfallen, müssen neue Arbeitsplätze her. Nur in Kunst, Kultur und Landschaft zu machen, reicht nicht.

Es gibt die Idee, diese Standorte für grüne Energie zu nutzen?

Tönjes: Das ist ein Ansatzpunkt. Auf unseren hundert Meter hohen Halden haben wir küstenähnliche Windverhältnisse. Das belegen Gutachten. Das werden wir konsequent für die Windkraft nutzen. Man kann dort auch Pumpspeicherkraftwerke bauen. Derzeit läuft eine Machbarkeitsstudie für die Halde Sundern im östlichen Ruhrgebiet. Wenn die positiv ausfällt, werden wir relativ schnell ein Pilot-Pumpspeicherkraftwerk errichten. Das ist noch relativ klein: 20 Megawatt. Mit solchen Pumpspeicherkraftwerken kann man Sonnen- und Windenergie speichern, indem man Wasser hinaufpumpt, dass man später über eine Turbine ablässt. Wenn sich das Pilotprojekt bewährt, setzen wir das auch an anderen Standorten um.

Die RAG will Pumpspeicherkraftwerke sogar unterirdisch in die Schächte bauen.

Tönjes: Ja, die Unis Essen/Duisburg und Bochum untersuchen mit uns und der DMT gerade das Projekt. Unter Tage hat man nicht wie auf der Halde bis zu 100 Meter Gefälle, sondern 500 oder 1000 Meter Fallhöhe. Das sind ganz andere Größenordnungen. Wir wollen diese Option binnen drei Jahren zu Ende entwickeln. Das ist absolutes Neuland, da gibt es viele Probleme. Eine Turbine, die eine solche Wassersäule aushält und zudem durch den Schacht passt, können Sie nicht einfach im Katalog bestellen. Aber wir haben bislang keinen Punkt gefunden, der ein Killer für das Projekt wäre. Wir glauben, dass wir bis 2018 ein schlüssiges Konzept haben werden.

Wie groß wäre so ein Pumpspeicherkraftwerk unter Tage?

Tönjes: Das wären Größenordnungen von 360 Megawatt. Und wenn das in einer Grube geht, dann kann man es auch in den anderen Bergwerken machen. Eine solche Speicherkapazität für regenerative Energien wäre ein ernsthafter  Beitrag zur Energiewende.

Dann ist das mehr als ein Marketing-Gag von der Qualität des Donar-Bergwerkes, das einst EX-RAG-Chef Werner Müller bei Ascheberg bauen wollte?

Tönjes: Ich dementiere das in aller Form: Das Donarfeld war nie ein Marketing-Gag. Die Kohle ist wirklich da, und sie ist marktgerecht förderbar. Wir geben diese Lagerstätte nicht auf. Wenn Bergbau überhaupt noch eine Chance in Deutschland hätte, dann mit einem solchen Kokskohlebergwerk – subventionsfrei auf der grünen Wiese.

Interessenten gibt es nicht?

Tönjes: Das Problem ist, dass sich dieses Investment von ca. 1,5 Milliarden € nicht in Quartalen rechnet. Das rentiert sich nur sehr langfristig. Die Chinesen haben diesen langen Atem, wir in Deutschland derzeit nicht. Die Idee ist, Koks herzustellen – also Förderung und Verarbeitung aus einer Hand. Der Kokspreis liegt bei 400 Dollar pro Tonne.

Sehen Sie bei den Unter-Tage-Pumpspeicherkraftwerken wirklich Chancen? Auch in Ibbenbüren?

Tönjes: Absolut. Ob wir in Ibbenbüren ein Pumpspeicherkraftwerk bauen, kann ich weder bestätigen noch dementieren. So weit sind die Pläne nicht.

Wie groß ist die Industriefläche, die beim Kohleausstieg frei wird?

Tönjes: Wir haben derzeit 13 000 Hektar Grundbesitz, davon 2500 Hektar im Saarland. Es sind Wald und Forst dabei und Industrieflächen, die mit dem Kohleausstieg frei werden. Aber: Nach der bergbaulichen Nutzung muss neues Planungsrecht geschaffen werden – und plötzlich sind dann viele jahrzehntelang industriell genutzte Flächen nicht mehr automatisch reine Industrieflächen. In der Entwicklung haben wir deshalb gerade einmal 250 Hektar Industriefläche.

Wie groß sind denn die Flächen, die Sie für Fotovoltaik nutzen können?

Tönjes: Wir gehen jetzt im Saarland von 310 Hektar Potenzial aus, die wir mit bis zu 180 Megawatt ausstatten können. Das ist nicht wenig. Die Hälfte wollen wir in diesem Jahr realisieren, den Rest 2013. Die Saarländer sind im Vorteil: Da scheint die Sonne einfach öfter.

Aber mit ein wenig Öko-Strom werden Sie nie die Jobs anbieten können, die Sie früher hatten?

Tönjes: Nein, für die neue RAG nach 2018 gibt es zurzeit keine Perspektive, die weit über 1 000 Beschäftigte hinausgeht. Das ist die Crux: Die Erneuerbaren sind nie mit viel Arbeitsplätzen verbunden – anders als Steinkohlenbergbau.

Steigen Sie mit dem Öko-Strom nicht einfach von einer Subvention auf die andere um?

Tönjes: Nein! Wir haben hier zunächst unsere eigenen bergbauspezifischen Schwerpunkte. Zum Beispiel: Pumpspeicherkraftwerke unter und über Tage, Grubenwasserwärmenutzung oder Geothermie aus alten Schächten.
Und außerdem: Warum soll die RAG diese Möglichkeit nicht nutzen wie jeder andere? Im Saarland sind wir auf ehemaligen Bergbauflächen unterwegs, die man sonst nicht nutzen könnte.

Der Bergbau ist über Jahrzehnte subventioniert worden. Jetzt stehen wir immer noch vor der Aufgabe, 15 000 Arbeitsplätze zu ersetzen. Hätten wir nicht eher aussteigen müssen?

Tönjes: Auf keinen Fall. Wir hätten gar nicht aussteigen sollen. Es stimmt, es sind große Beträge gezahlt worden. Aber dafür gibt es auch keinen Strukturbruch in den Bergbauregionen. Wir hatten 1957 über 600 000 Bergleute, die haben wir auf heute 15 000 zurückgefahren. Und dies ohne Brüche, ohne betriebsbedingte Kündigungen und ohne politische Unruhen. Schauen Sie nach England: Margret Thatcher hat den Bergbau brutal beendet, die Leute auf die Straße gesetzt. Davon haben sich die Regionen bis heute nicht erholt. Dort gibt es bis heute maximale Arbeitslosenquoten. Das ist hierzulande verhindert worden.

Sind wir energiepolitisch auf dem Holzweg?

Tönjes: Wir haben festgelegt, was wir nicht wollen – Kernenergie und Kohle – und was wir wollen – Sonne und Wind... Nur ist jetzt bei Netz und Speicher ein ziemlicher Investitionsstau zu beobachten. Wir haben zuletzt 20 Kilometer Stromnetz zugebaut pro Jahr. Wir brauchen für  die Energiewende etwa 3600 Kilometer.  Wenn wir in dem Tempo weitermachen, sind wir in tausend Jahren fertig. Zudem wird jede große Infrastrukturmaßnahme inzwischen durch Bürgerinitiativen in Frage gestellt: Wenn wir aber Windstrom von der Küste in den Süden bringen wollen, brauchen wir die Netze. Das wird noch spannend...

Die A45 war wochenlang gesperrt wegen Bergschäden. Machen  Sie sich Sorgen, welche Überraschungen noch im Boden schlummern?

Tönjes: Mit der A 45 haben wir nichts zu tun. Da wo moderner Bergbau stattgefunden hat – das ist alles nördlich der  A40 – ist alles sehr gut dokumentiert und verfüllt. Da kann man solche Dinge ausschließen. Es hat aber nach den Weltkriegen auch nicht genehmigten, wilden Bergbau gegeben – und darüber gibt es keine Aufzeichnungen.

Wird Ibbenbüren die letzte Zeche sein, die 2018 schließt oder wird das wegen der Tradition eine Zeche an der Ruhr sein?

Tönjes: In unserer Planung ist vorgesehen, dass wir das Saarland Mitte des Jahres, das Bergwerk West Ende 2012, Auguste Victoria Ende 2015 schließen und dann die beiden verbliebenen Bergwerke – Prosper-Haniel und Ibbenbüren – 2018 auslaufen.

Haben die Gemeinderäte im Tecklenburger Land begriffen, was beim Ausstieg auf sie zukommt?

Tönjes: Ich glaube, dass die Zeichen der Zeit erkannt worden sind: Dass es jetzt nicht mehr darum gehen kann, den Bergbau über 2018 hinaus zu verlängern, sondern dass man sich überlegt, was mit den Geländen ab 2019 zu tun ist.

Mit dem Bergbau bricht eine Kultur ab, was plant die RAG, um diese Kultur am Leben zu halten?

Tönjes: Der Bergbau hat die Menschen geprägt mit Werten wie Kameradschaft, Verlässlichkeit, Offenheit, Strebsamkeit. Das wird bleiben. Und ein Wort wird bleiben: Glück auf! Das finde ich sehr schön. Dann gibt es die Bergbauchöre wie z.B. den großen Ruhrkohlechor. Viele solcher Aktivitäten sollten meines Erachtens über 2018 hinaus fortgeführt werden.

Was wird Ihr schwerster Gang beim Ausstieg sein?

Tönjes: Wir haben inzwischen Erfahrung mit Stilllegungen. Als ich 2000 im Vorstand anfing, war eine meiner ersten Aufgaben, das Bergwerk Ewald stillzulegen. Dort hatte ich lange Jahre gearbeitet. Wir haben vor 2 000 Bergleuten in der Lohnhalle gestanden und ihnen den Termin der letzten Schicht mitgeteilt. Das sind Erlebnisse, die unter die Haut gehen. Vielleicht wird es bei den beiden letzten Zechen am schlimmsten. Wo man persönlich gearbeitet hat – so wie ich in Ibbenbüren – da ist es noch ein stückweit emotionaler.

RAG-Auszubildende waren immer gefragt, was wird aus der Ausbildung?

Tönjes: Wir bekennen uns zu unserer Ausbildungsverpflichtung. Wir werden weiter ausbilden – auch über Bedarf. Aber wenn der Bergbau geht, geht auch die Ausbildung – jedenfalls die, die der Bergbau finanziert

Wenn 2020 in Ibbenbüren Bergschäden auftreten, haben die Leute dann Pech gehabt?

Tönjes: Nein, das läuft so weiter wie bisher. Natürlich werden wir Bergschäden weiterhin zuverlässig regulieren und bleiben Ansprechpartner in der Region.

Werden unsere Kinder bedauern, dass wir alle Zechen geschlossen haben?

Tönjes: Ich glaube es ist ein Fehler, dass man den Zugang zu allen Lagerstätten verbaut. Nun reißt der Faden: Wenn man die Lagerstätten in 20 Jahren wieder öffnen wollte, hätten wir keine Bergingenieure mehr, keine Bergleute, kein Knowhow.

Leserkommentare

Google-Anzeigen

kfzmarkt.ms Anzeigen

Autos, Motorräder, Wohnmobile und Nutzfahrzeuge aus Ihrer Region

Anzeige


http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/657888?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F197%2F200%2F595916%2F695974%2F