So., 02.07.2017

Interview mit Mittelstandspräsident Mario Ohoven Mario Ohoven über Steuerentlastungen, Donald Trump und innovative Unternehmer

Mario Ohoven, Präsident des Mittelstandsverbandes BVMW, setzt auf die „unternehmerische Vernunft“ Donald Trumps.

Mario Ohoven, Präsident des Mittelstandsverbandes BVMW, setzt auf die „unternehmerische Vernunft“ Donald Trumps. Foto: dpa

Münster - 

Freundlich, verbindlich, aber glasklar in den Forderungen – so präsentiert sich Mario Ohoven im Interview mit unserem Redaktionsmitglied Martin Ellerich. Im Handelsstreit mit den USA setzt der Präsident des Bundesverbandes mittelständische Wirtschaft (BVMW) auf die „unternehmerische Vernunft“ von Präsident Donald Trump, in der Steuerpolitik pocht der Düsseldorfer auf Entlastungen.

Von Martin Ellerich

Die Auftragsbücher sind voll, die Unternehmer allen Umfragen nach zuversichtlich, die Arbeitslosenzahlen niedrig – was ist unser Problem in Deutschland?

Ohoven: Es sieht auf den ersten Blick gut aus, aber wir leben von der Substanz: Wir sind bei einer Investitionsquote von 1,5 Prozent. Zu viele Maschinen laufen auf Verschleiß. Wir Deutsche investieren wenig bei uns, aber viel im Ausland, weil die Rahmenbedingungen hier nicht stimmen.

Wir sind eine Exportnation. Was bedeutet die isolationistische Politik von US-Präsident Trump für den deutschen Mittelstand?

Ohoven: Die Amerikaner sind mit einem Handelsvolumen von 165 Milliarden €  unser drittwichtigster Handelspartner – nach China und nach Frankreich. Die USA sind unser Exportmarkt Nummer eins mit einem Volumen von knapp 110 Milliarden € . Wie Herr Trump Deutschland sieht, lässt sich daran ablesen, dass wir ein halbes Jahr nach Regierungsantritt immer noch keinen US-Botschafter in Berlin haben. Wir brauchen ein neues Freihandelsabkommen, obwohl Trump gesagt hat: „TTIP ist tot.“ EU und Bundesregierung müssen auf die USA zugehen. Ziel muss ein Abbau der Zölle sein.

Mario Ohoven

Ohoven wurde 1946 in Neuss in eine Unternehmerfamilie hineingeboren. Der gelernte Banker ist seit Jahrzehnten im Bereich der Vermögensanlagen tätig. Seit 1998 ist er Präsident des Bundesverbandes mittelständische Wirtschaft (BVMW), der sich selbst als „stärkste Kraft des freiwillig organisierten Mittelstandes“ bezeichnet. Den Wirtschaftssenat des BVMW leitete Ohoven bereits seit 1997.

Er ist mit der UNESCO-Sonderbotschafterin Ute-Henriette Ohoven verheiratet und hat mit ihr einen Sohn, Michael, und eine Tochter, Chiara.

Ist das denn mit Trump zu machen? Er droht mit hohen Einfuhrzöllen.

Ohoven: Ja! Ich bin davon überzeugt. Mit hohen Einfuhrzöllen würde Trump in erster Linie seinem eigenen Land schaden. Deutschland wickelt über 60 Prozent seines Handels mit EU-Ländern ab. Das heißt: Deutschland hat Alternativen. Die EU ist mit 500 Millionen Menschen die größte Freihandelszone der Welt. Die USA können sich keinen Protektionismus leisten – und keinen Handelskrieg. Da wird es zu einer Einigung kommen.

Trump verweist auf die hohen deutschen Exporte und geringen Importe. Stichwort: kaum Chevrolets auf deutschen Straßen.

Ohoven: Der deutsche Leistungsbilanzüberschuss ist den erfolgreichen deutschen Unternehmern zu verdanken. Von den global 2700 „Hidden Champions“, den heimlichen Weltmarktführern, sind 1300 deutsche Mittelständler. Wenn die Amerikaner bessere Autos bauen würden, dann würden die auch gekauft ...

Das Chevrolet-Problem ist ein amerikanisches, kein deutsches?

Ohoven: Genau! „Made in Germany“ steht eben weltweit für Innovation und Qualität.

Auf allen Gipfeltreffen seit Trumps Amtsantritt haben die USA sich dem üblichen Bekenntnis zum Freihandel verweigert. Muss uns das nicht Sorgen machen?

Ohoven: Ich bin davon überzeugt, dass es nicht so heiß gegessen wird wie es gekocht wird. Herr Trump muss Rücksicht auf seine Wähler nehmen. Ich setze auf die unternehmerische Vernunft von Herrn Trump. Er ist ein erfolgreicher Unternehmer. Die Einigung zwischen Bundeskanzlerin Merkel und Trump beim G7-Gipfel, eine Arbeitsgruppe zum Handelsstreit einzurichten, ist ein erster, wichtiger Schritt. Im Übrigen: Trumps Vorwurf, Deutschland würde den Euro künstlich niedrig halten, um seine Exporte zu fördern, ist absurd. Der Euro wird nicht von uns, sondern von der Europäischen Zentralbank niedrig gehalten. Und die EZB ist unabhängig. Wo Trump aber recht hat: Die Bundesregierung muss ihre Bemühungen intensivieren, die EZB zu einer Wende in ihrer Niedrigzinspolitik zu bewegen. Über Jahrhunderte hat man Zinsen bekommen, wenn man Geld verliehen hat. Heute soll man dafür noch bezahlen. Das ist doch wirtschaftlich pervers!

Im September sind Wahlen: Was halten Sie von den Steuerplänen der Parteien? Das der SPD dürfte Sie nicht begeistern ...

Ohoven: (lacht) Freundlich formuliert. Die Erhöhung des Spitzensteuersatzes träfe gerade die Mittelständler: 80 Prozent von ihnen sind Personenunternehmen, die unter die Einkommensteuer fallen. Das entzieht Kapital, hemmt Investitionen und kostet Arbeitsplätze. Die SPD will Besserverdiener stärker belasten. Aber 20 Prozent der Leistungsträger bringen schon heute 70 Prozent der Steuern auf. Das SPD-Konzept ist eine soziale Mogelpackung zulasten der mittelständischen Unternehmen.

Die Pläne von CDU und FDP gefallen Ihnen besser?

Ohoven: Was Finanzminister Schäuble bietet, ist ein Almosen, keine echte Entlastung: 15 Milliarden €  bei Steuermehreinnahmen von 55 Milliarden €  bis 2020! Die Forderung von Carsten Linnemann (Chef der Mittelstandsvereinigung der CDU/CSU) ist berechtigt: Es dürfen am Ende nicht nur zwei Tassen Cappuccino übrig bleiben, sondern es muss echte Entlastungen geben. Aber das muss Herr Linnemann in seiner Partei dann auch durchsetzen.Das Steuerkonzept der FDP ist sehr gut, weil es mit Entlastungen von 30 Milliarden Euro mittelstands- und investitionsfreundlich ist. Und die FDP will endlich etwas gegen die kalte Progression tun. Darüber reden wir seit Jahren ...

Getan hat sich nichts...

Ohoven: Ja! Es bleibt bei Lippenbekenntnissen. Diese heimliche Steuererhöhung muss endlich beseitigt werden. Ein Mittelständler gibt seinen Leuten eine Gehaltserhöhung – und viele haben hinterher weniger im Portemonnaie als vorher. Das darf nicht sein. Wir brauchen eine regelmäßige Anpassung des Steuertarifs an die Inflationsrate. Die 480 Milliarden Euro zur Bankenrettung sind im Eiltempo verabschiedet worden; um etwas gegen die kalte Progression zu tun, braucht Berlin Jahre!

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