Do., 26.10.2017

FMO beklagt Wettbewerbsnachteile Luftverkehrssteuer vor dem Aus?

Auch wenn einige Linien wie Germania ihr Streckennetz ausbauen – die „Ticketsteuer“ belastet die Flughäfen.

Auch wenn einige Linien wie Germania ihr Streckennetz ausbauen – die „Ticketsteuer“ belastet die Flughäfen. Foto: Gunnar A. Pier

Münster/Düsseldorf - 

FMO-Sprecher Andrés Heinemann spricht von einem „Sündenfall“ – mit Folgen, könnte man ergänzen. Denn die Einführung der Luftverkehrssteuer in Deutschland war zum Beispiel 2012 auch ein Grund, warum die damals schon angeschlagene Fluggesellschaft Air Berlin ihre Berlin-Verbindungen ab dem Flughafen Münster-Osnabrück (FMO) auf nahezu null zurückschraubte. 

Von Wolfgang Kleideiter

Der Kostendruck auf die deutschen Airlines sei im Jahr 2011 mit Einführung der Steuer noch größer geworden – „man hat sich aus der Fläche zurückgezogen“, er­innert sich Heinemann.

Fünf Millionen Passagiere, so hat der Flughafenverband ADV in einer Studie ermittelt, sind seit Einführung der Steuer pro Jahr von deutschen Flughäfen zu den Airports im benachbarten Ausland abgewandert, weil man ihnen dort im harten Wettbewerb preiswertere Tickets offeriert. „Abwanderungszahlen für den FMO selbst wären spekulativ“, sagt Heinemann. „Aber als grenz­naher Flughafen sind wir in jedem Fall stark betroffen.“

Deutsche Unternehmen benachteiligt

Jetzt könnte es sein, dass die Steuer wieder fällt. Im schwarz-gelben NRW-Koalitionsvertrag werden die dadurch ausgelösten Wett­bewerbsnachteile für die nordrhein-westfälische Luftverkehrswirtschaft offen angesprochen. CDU und FDP kündigen an, auf Bundesebene eine Initiative zur Abschaffung zu ergreifen. Fürsprecher hätten sie. Bundesverkehrsminister Dobrindt plädierte schon im März für ein Aus. Bundeswirtschaftsministerin Zypries geißelte die Steuer im Zusammenhang mit der Air-Berlin-Pleite als „wettbewerbs­verzerrend“. Deutsche Unternehmen würden einseitig benachteiligt.

Flugg__ste_am_FMO
Foto: WN

Schaut man in die Niederlande, wird dieser Umstand deutlich: Im Nachbarland gab es einst eine „Vliegtaks“. Als man die wirtschaftlichen Folgen spürte und sogar das Luftdrehkreuz Schiphol bei Amsterdam seine Wachstumsprognosen deutlich nach unten korrigieren musste, rollte man dort nach nur neun Monaten die Steuer wieder ein. Seitdem, so zeigt auch der kürzlich veröffentlichte Evaluierungsbericht des Bundesverbandes der Deutschen Luft­verkehrswirtschaft (BDL), sind die niederländischen Flughäfen bei den Passagierzahlen dreimal so stark gewachsen wie deutsche Airports. Die Passagierzahlen in den grenznahen Flughäfen im Ausland nahmen seit 2010 sprunghaft um 63 Prozent zu.

Größte Herausforderungen für Airport

Nicht zuletzt der privat betriebene Airport Weeze fordert schon lange Chancengleichheit für sich und die anderen NRW-Flughäfen. Im hart umkämpften Low-Cost-Segment konnte Weezes Konkurrenzflughafen Eindhoven dank deutscher Steuerpraxis deutlich punkten, weil dort zum Beispiel die Ryanair bei einem mittleren Ticketpreis von 41 Euro der deutschen Luft­verkehrssteuer buchstäblich aus dem Weg geht. Flugpreis-Unterschied links und rechts der Grenze: 18 Prozent. Weezes umtriebiger Flughafenchef Ludger van Bebber zählt die Luftverkehrssteuer neben der ­Pkw-Maut zu den größten Herausforderungen für seinen Airport, der pro Jahr von 1,85 Millionen Passagieren genutzt wird. Auf dem Gebiet der Kosteneffizienz ­werde man dadurch massiv behindert.

Mehr zum Thema

Zwischenbilanz am Flughafen Münster/Osnabrück: FMO-Chef warnt vor zu hohen Erwartungen

Studie:  FMO-Stärken sind zu unbekannt

Multimedia-Story: Die Geschichte des FMO

Andrés Heinemann sagt offen, dass der FMO eine ­Abschaffung Luftverkehrssteuer sehr begrüßt. Der Flughafen würde davon in jedem Fall profitieren. Der BDL sieht in seinem Bericht Spielraum im Bundeshaushalt. Eine Abschaffung, so heißt es, würde zudem ein so starkes Wirtschaftswachstum entfalten, dass am Ende der Staat mehr einnimmt.

Luftverkehrssteuer gilt seit 2011

Die Luftverkehrssteuer wurde vor sieben Jahren in erster Linie beschlossen, um den Bundeshaushalt zu entlasten. Am 1. Januar 2011 trat sie in Kraft. Für jeden Passagier, der von einem deutschen Flug­hafen aus startet, wird ­diese Steuer fällig – ­deshalb wird sie oft auch als „Ticketsteuer“ bezeichnet. Sie variiert je nach Flugdistanz zwischen sieben und 42 Euro. Allein im vergangenen kassierte der Bund auf diesem Wege 1,074 Milliarden Euro.

Etwa 50 Prozent der Summe müssen die deutschen Airlines überweisen. Die andere Hälfte zahlen etwa 100 internationale Flug­gesellschaften, wenn sie in Deutschland starten. Für Air Berlin belief sich die Ticketsteuer pro Jahr auf 100 Millionen Euro, die das Ergebnis stark belas­teten.

Damit kalkuliert offenbar auch Österreich. Im süd­lichen Nachbarland wird ­aktuell die Ticketsteuer in zwei Stufen um 50 Prozent abgebaut. Ein Grund: Der Großflughafen Wien hat eine Million Passagiere verloren – diese sind unter anderem ins 80 Kilometer entfernte Bratislava abgewandert. Eine Ticketsteuer kennt man in der Slowakei nicht.

Leserkommentare

Google-Anzeigen

Mehr zum Thema

kfzmarkt.ms Anzeigen

Autos, Motorräder, Wohnmobile und Nutzfahrzeuge aus Ihrer Region

Anzeige


http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/5246536?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F197%2F200%2F