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Echte Väterbraucht das Land

Donnerstag, 01.01.1970, 01:01 Uhr

- Jungen haben schlechtere Noten als Mädchen, bleiben öfter sitzen, machen seltener Abitur oder überhaupt einen Abschluss und bevölkern die Arbeitsagenturen und Jugendgefängnisse. Das hören, sehen oder lesen wir regelmäßig in den Medien: „Jungenkatastrophe“, „Kleine Helden, große Not“, so oder ähnlich lauten die Schlagzeilen dazu, und die Diagnose scheint klar: Jungen sind das neue schwache Geschlecht, sind Bildungsverlierer, Sorgenkinder.

Vermutungen über die Ursachen gibt es viele:

Das Bildungssystem, schon im Kindergarten auf Stillsitzen und saubere Mappenführung ausgerichtet, mache es den Jungen schwer, sich unterrichtskonform zu verhalten.

Ihr testosterongesteuertes Gehirn passe nicht mehr in die heutige Zeit. Gerade „die heutige Zeit“ sei schuld, die schwankenden Rollenideale und die Chemie. Außerdem würden Bisphenol A und andere Stoffe, die in Schnuller, Wasserflaschen, Plastikspielzeug vorkommen und weiblichen Hormonen ähneln, die körperliche und geistige Entwicklung von Jungen verändern. Oder ist es die weibliche Vormacht in der Erziehung, die aus einer geballten Front von Müttern, Omas, Tagesmüttern, 97,6 Prozent Erzieherinnen und 84 Prozent Grundschullehrerinnen besteht?

Egal, was nun stimmt und was dagegen getan werden könnte: Mehr männliche Pädagogen, mehr Schulsport, mehr Textaufgaben mit Rittern, weniger Plastikspielzeug in den Kindergärten - auf das meiste können wir Eltern nicht warten. Wer einen Sohn hat, macht sich heute und jetzt Gedanken: Ist das noch normal oder schon ADHS, nur eine Phase oder schon der erste Schritt auf die schiefe Bahn? Ist er ein Lausebengel oder hat er eine dissoziale Verhaltensstörung? Wenn eine Johanna sich als Pirat verkleidet, ist das toll. Aber wenn Johann immer Prinzessin sein will? Sollten wir ihn dann beim „Mutmachkurs für Jungen“ anmelden?

Verständlich und normal sei es, wenn Eltern verunsichert sind, so Reinhard Winter , Pädagoge, Jungenforscher und Buchautor („Jungen - eine Gebrauchsanweisung“, Beltz-Verlag , 16,95 Euro). Denn natürlich sei das Jungesein heute anders, seien alte Männlichkeitsvorstellungen überholt. Aber „Veränderungen schaffen auch Platz für Neues“. Diese Freiräume gelte es zu nutzen. „Denn die Annahme, Jungenerziehung sei schwierig, kann nur zur Folge haben, dass es überhaupt erst schwierig wird.“

Das klingt schön und für Eltern von Jungen auch ein bisschen erleichternd. Aber wie genau soll das gehen? Sich nicht auf die Schlagzeilen und dramatischen Zuspitzungen konzentrieren, so Winter, nicht auf die Probleme. Nicht auf die Jungen schauen. Sondern nur auf den eigenen. Und den nicht in erster Linie als Sohn betrachten, sondern als Kind.

Männlichsein ist nicht an bestimmte Eigenschaften geknüpft, das sollte man vermitteln. Besonders in unserer Gesellschaft, in der „männliches“ Verhalten eher als schlecht, falsch oder unerwünscht gilt, und weibliches als gut. Jedes Kind ist gut so, wie es ist - und nicht erst, wenn es so ist, wie Eltern, Lehrer oder Omas es gerne hätten. Das heißt: Ein Kind, das sehr viel Aggressionen, Ängste, Bewegungsdrang, Träume in sich hat, darf so aggressiv, ängstlich, wild oder verträumt sein, wie es ist. „Wenn Ihnen die Art missfällt, wie es diese Gefühle auslebt, dann suchen Sie mit ihm nach Alternativen“, so Winter. Aus dem Wildfang Lukas wird kein sittsames, bescheidenes Haserl werden. Aber vielleicht ein Ritter. Und kein Rüpel.

Wie, das muss ihm jemand zeigen, beibringen, vorleben.

Sicherlich braucht es dafür das sprichwörtliche „ganze Dorf“. Aber ganz besonders braucht es: Männer. Nicht unbedingt zum Toben oder zum Vorlesen oder um Seite an Seite beim Angeln philosophische Gespräche zu führen - oder was auch immer eine Studie gerade als das besonders Wichtige ergeben hat. Sondern schlicht erwachsene, normale, gestandene Männer, an denen die Jungen sehen können, wie erwachsene, normale, gestandene Männer so sind. Zum Beispiel, dass es nicht so wichtig ist, Männlichkeitsidealen aus Kino, Werbung oder Musikgeschäft zu entsprechen. Oder dem Ideal, das in der Peergroup, also der Clique, kursiert oder das Mütter, Erzieherinnen und Grundschullehrerinnen vor Augen haben.

Und Männer fehlen.

Ja, in den Kitas und Grundschulen und bei alleinerziehenden Müttern. Aber auch in ganz vielen ganz normalen Familien. Ja, heutige Väter machen viel: Sie wickeln, sie bringen das Kind zur Kita, gehen mit ihm Schwimmen und holen es von der Geburtstagsparty ab. Aber die meisten erledigen nur ein paar Jobs. Ohne wirklich die Verantwortung für das Kind zu übernehmen. Die Schwimmtasche hat Mama gepackt, sie hat das Geschenk besorgt, weiß, wann die nächste Zahnarztkontrolle ansteht und sie wird ans Telefon geholt, wenn Spielkameraden anrufen um sich zu verabreden. Auch fürs Kind ist sie die Hauptansprechpartnerin: Es will von ihr gebadet und ins Bett gebracht werden, es will nur mit Mama zum Arzt und nur von ihr getröstet werden, wenn es schlecht geträumt hat. „Sie kann das auch einfach besser“, das sagen viele Väter tatsächlich.

Allerdings ist das keine historische und gattungsgeschichtliche Zwangsläufigkeit. Es ergibt sich so.

Weil die meisten Mütter ihren kleinen Vorsprung von neun Monaten Schwangerschaft konsequent ausbauen: Schnell ist es so, dass das Kind sich an die Mutter gewöhnt hat, an ihre Stimme und ihre Handgriffe. Wickelt, füttert oder badet Papa das Baby, ist das ungewohnt, und es quengelt oder weint. Also macht Mama es lieber, und nach und nach wendet das Kind sich mit allen Fragen, Sorgen, Wünschen und Nöten an sie.

Und nicht an den Vater. Der ist ja nur der Assistent.

Ist Mütter-Assistent ein gutes Rollenvorbild eines erwachsenen Mannes? Nein. Also müssen Väter Verantwortung übernehmen. Sich Zeit nehmen für das Kind, von Anfang an: tragen, trösten, wenn es sich wehgetan hat und wenn es krank ist, mit ihm zum Zahnarzt gehen, mit ihm streiten, schimpfen und ohne die Mutter entscheiden, ob es eine Mütze aufsetzt oder nicht. Dann haben Väter bald eine ähnlich enge Bindung zu ihrem Kind, wie es die meisten Mütter haben. Und sind zuständig. Nicht fragen: „Kann ich dich heute baden?“ Sondern: „Heute bade ich dich.“ Natürlich schreit das Kind nach Mama. Aber der Protest gilt nicht dem Vater, sondern dass Mama weg ist.

Schwierig wird es oft dadurch, dass auch viele Mütter meinen, sie könnten es automatisch besser. Der Familienpädagoge Jesper Juul hat dafür den Begriff „Mütterchauvinismus“ geprägt: Die Mutter wird also anbieten, das Baden doch zu übernehmen. Weil sie Vater und Kind helfen will, weil sie das Geschrei nicht aushält, weil sie meint, bei ihr werde das Kind sauberer.

Für Väter heißt das, sie können nicht damit rechnen, dass die Mütter ihnen den Raum und die Zeit gewähren, die sie brauchen, um sich als Vater zu bewähren und ein wichtiger Mann im Leben ihres Kindes zu werden.

Sie müssen sie sich nehmen, dafür sind sie selbst verantwortlich.

Darüber können sie sich jeden Abend am Badewannenrand streiten. Oder sie schicken die Mutter der Kinder einfach mal fünf Tage in Urlaub. In diesen fünf Tagen ist der Vater einfach zuständig, es geht gar nicht anders. Und hat damit eine gute Basis für den zukünftigen Familienalltag.

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