Hintergrund
SKANDAL: Reiseverbot für Karl Marx

Dienstag, 24.04.2007, 16:04 Uhr

Münster / Chemnitz . Die „Skulptur-Projekte 2007“ in Münster haben ihr erstes Politikum. Die Stadt Chemnitz weigert sich kategorisch, den berühmten Karl-Marx-Kopf in irgendeiner Form an einer anderen Stelle besichtigen zu lassen als in der ehemaligen Karl-Marx-Stadt. Hatte die Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig im März noch den Denkmalschutz gegen einen Transfer des Originals ins Feld geführt, entschied die gebürtige Chemnitzerin gestern, dass nicht einmal eine Kopie der im Volksmund „Nischel“ („Schädel“) genannten Figur in den Westen darf.

In einer Stellungnahme von Barbara Ludwig (SPD) heißt es: „Wer tatsächlich Interesse an der Monumentalplastik hat, der muss nach Chemnitz kommen. Der Kopf ist ein Unikat und soll auch ein Unikat bleiben. Die Großplastik ist außerdem nur im Gesamtensemble mit der von Heinz Schumann gestalteten Schriftwand im Hintergrund und in dem die Skulptur umgebenden Stadtraum authentisch. Die beabsichtigte Replik aus Kunststoff in Münster wäre eine Darstellungsform, die abzulehnen ist.“ Ferner argumentierte die ehemalige Lehrerin (Jahrgang 1962), dass das Monument jeder Zeit in Chemnitz in seinem vollständigen – historischen wie künstlerischen – Kontext betrachtet werden könne.

„Dazu sind alle Münsteraner wie auch alle Besucher der Skulptur-Projekte Münster 07 herzlich eingeladen.“ Im Gespräch mit unserer Zeitung fasst Ludwig zusammen: „Wenn der Marx-Kopf in Münster aufgestellt würde – was hätten wir dann davon? Und eine Kopie von einem Kunstwerk zu machen, „das ist für mich keine Kunst“. Wenn der Künstler mit dem Nischel etwas machen wolle, „gerne, aber dann bitte in Chemnitz“. Die Kuratoren der „Skulptur-Projekte“ bedauern die Absage, zumal man sich seit Oktober 2006 um das Projekt bemüht habe und die Bitte um eine persönliche Präsentation abgelehnt wurde.

Der Karl Marx aus Chemnitz sollte als Beitrag des litauischen Künstlers Deimantas Narkevicius für die Skulptur-Projekte nach Münster gebracht werden. Die Witwe des russischen Künstlers Lew Kerbel, der den 40-Tonnen-Bronzekoloss gestaltete, hatte grünes Licht gegeben. Als Denkmalschützer Bedenken anmeldeten, sollte eine 1:1-Replik angefertigt werden, die während der Großausstellung vom 16. Juni bis 30. September an einem prominenten Platz in Münsters Innenstadt gezeigt werden sollte.

Der Chemnitzer Marx kann als das Symbol deutsch-deutscher Befindlichkeit gelten. Das Marx-Monument zierte zu DDR-Zeiten die Briefmarken zu 35 Pfennigen. Genau eine solche Marke musste lecken, wer einen Brief in die BRD schicken wollte. Dabei verbindet Marx einiges mit dem Westen und Westfalen. Der Kapitalismuskritiker schließlich Wessi und war verheiratet mit Jenny von Westphalen.

Anzeige
http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/542264?categorypath=%2F2%2F84%2F61%2F35537%2F596999%2F597133%2F
Nachrichten-Ticker