Chirurgie
Handwerk

Dass das mal klar ist: „Ich stelle überhaupt keine Ansprüche,“ sagt Michael Thäns. „Ich bin froh, dass das Ding wieder dran ist.“ Das „Ding“, das ist die linke Hand des Linkshänders. Der 32 Jahre alte Borkener hat bei einem Arbeitsunfall am 29...

Mittwoch, 30.04.2008, 14:40 Uhr

<1>Dass das mal klar ist: „Ich stelle überhaupt keine Ansprüche,“ sagt Michael Thäns . „Ich bin froh, dass das Ding wieder dran ist.“ Das „Ding“, das ist die linke Hand des Linkshänders. Der 32 Jahre alte Borkener hat bei einem Arbeitsunfall am 29. März seine Hand in einer Müllpresse verloren. Irgendetwas ist an dem Morgen ganz schief gelaufen.

So gegen 7 Uhr, nach einer Stunde Arbeit, wollte der Schichtführer eines Müllentsorgers in Borken den Sensor einer Müllpresse reinigen. Die Wartungsklappe war offen. Da hätte die Presse eigentlich wissen müssen, dass sie sich nicht bewegen darf. Sie tat es aber doch. Und weil Michael Thäns zu lange brauchte, bis er den Notschalter fand, hing irgendwann seine Hand im Ärmel seines Arbeitsanzugs. „Ich hatte noch Zeit, mein Handy aus der Tasche zu holen und den Notarzt zu rufen“, sagt er knapp vier Wochen später. Da hat er schon gewusst: Die Hand ist ab.

Seltsam, dass Menschen nach solchen Unfällen so klar bleiben. Keine Hysterie, kein Schmerz, keine Panik. Als der Rettungswagen auf dem Firmenhof stand, ist Thäns noch auf eigenen Beinen zur Trage gegangen, bis ihn der Notarzt ins Reich der Träume beförderte. Was danach passierte, weiß er nur noch aus den Erzählungen. Der Flug mit dem Hubschrauber in die Klinik für Unfall-, Hand- und Wiederherstellungschirurgie nach Münster. Die Hand, die im Handschuh steckte und das Handgelenk, um das noch die Armbanduhr gebunden war. Die neuneinhalb Stunden, in denen ihm die Ärzte der Uniklinik Münster die Hand wieder annähten, die plötzlich nicht mehr zu ihm gehörte.

In den ersten Tagen konnte ich den Ärzten vor Rührung nicht mal „Danke“ sagen. - Unfallopfer Michael Thäns

Das Annähen ist wie jeder Notfall ein Wettlauf mit der Zeit. „Wir wissen, dass bei Schwerverletzten alle drei Minuten die Chance zu überleben, um ein Prozent sinkt,“ erklärt Chefarzt Professor Michael Raschke . Wer also 30 Minuten vom Unfall bis ins Krankenhaus braucht, hat schon zehn Prozent weniger Chancen. Nach zwei Stunden ohne Blut beginnen die Muskeln im Amputat zu degenerieren.

Darum fängt das erste Ärzteteam schon an, den Stumpf zu operieren, während die Anästhesisten den Patienten noch auf zehn, zwölf oder sogar 15 Stunden Eingriff vorbereiten. Sie überprüfen, ob der Arm überhaupt zu retten ist, dann desinfizieren sie die Wunde, geben Antibiotika und entfernen totes Gewebe. Fast nie ist der Schnitt bei so einem Unfall glatt. Oft sind es Quetschungen, die es den Medizinern unmöglich machen, die Hand zu retten. Ist der Anteil von zerstörten Sehnen, Nerven oder Adern zu groß, dann bleibt auch ihnen nichts anderes übrig, als den Patienten auf eine künstliche Prothese vorzubereiten.

<2>Besteht aber eine Chance, dann fügen die Chirurgen den Patienten und den Arm wieder zusammen. Wichtigste Regel: „Hardware vor Software“. Erst kürzen sie die Wunden so weit, bis sie glatte Ränder haben, wie Raschke es sagt. Dann verbinden sie die getrennten Knochen mit Metallplatten, bevor sie sich an die 23 Sehnen machen, die in den Armen verlaufen. Als letztes kommen die Nerven, die zwei großen Arterien und die vier Venen dran.

Trotz aller Erfahrung: Wenn das Blut während der Operation wieder in die Hand strömt, jagt das auch den Medizinern noch einen Schauer über den Rücken. „Wir warten fieberhaft auf den Erfolg“, meint Dr. Uwe Frerichmann. Die Tage nach der OP schleicht er immer um seine Patienten herum. „Für eine gewisse Zeit gehen wir eine Ehe mit unseren Patienten ein“, sagt Professor Raschke.

Diese Nähe hat einen guten Grund. In den ersten Tagen können Komplikationen viel Unheil anrichten. Blutgerinnsel können verhindern, dass genug Blut durch die Hand fließt. Oder Keime geraten in die Wunde und führen zu einer Infektion. Darum haben die Ärzte Thäns’ Hand schon in neun weiteren Operationen gespült. Bis jetzt läuft alles gut. Darum ist es gut möglich, dass die Ärzte diese Woche vorsichtig Haut von seinem Oberschenkel abhobeln, um damit die offene Wunde auf seinem Arm abzudecken.

Professor Raschke betont: „Für uns ist das Annähen einer Hand nicht spektakulär. Von der Technik her ist das kein Problem. Das ist eine Leistung, die wir ohne weiteres erbringen können. Patienten erwarten, mit so einer Verletzung behandelt zu werden.“

Schließlich hat die Handchirurgie in Münster eine lange Tradition. Schon 1974 hat der damalige Oberarzt Erwin Brug als einer der ersten eine vollkommen abgetrennte Hand wieder angenäht – auch wenn er sie nach wenigen Stunden wieder amputieren musste, weil der Patient eine lebensbedrohliche Blutgerinnungsstörung erlitt. Wenige Monate später aber gelang dem Arzt eine vergleichbare Behandlung für längere Zeit. „Wir spielen hier bereits Champions League“, sagt Raschke.

Wenn wir keinen Mundschutz hätten, könnte es passieren, dass wir die Fäden einatmen. - Dr. Martin Langer

Er betont die Bedeutung der Klinik als Traumazentrum mit einem Einzugsbereich von der Nordsee bis ins Sauerland. „Wir sind zuständig für Problemfälle,“ meint er. Das sind nicht nur abgetrennte Gliedmaßen, sondern das können auch Sportverletzungen oder aufweichende Knochen rund um eine neue Hüfte sein.

Dafür betreibt die Klinik einen riesigen – und teuren – Aufwand. Immer sind die Experten aller medizinischen Fachbereiche vertreten: Von den Unfallchirurgen bis zu den Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgen, von den Anästhesisten bis zu den Gynäkologen. All die Spezialisten sind ständig da, um auf alle möglichen Notfälle reagieren zu können.

<3>Entdecken die Mediziner auch nur den Hauch einer Chance, eine Hand zu retten, legen sie los. So wie bei Michael Thäns. Sein Arm ist durch den Unfall vier Zentimeter kürzer geworden. „Wir müssen in die Bereiche gehen, die gesund sind.“ Dann können sie anfangen, die Transportwege im Arm zu vernähen. Vergleichen könnte man das mit zwei Schläuchen, die so gelegt werden, dass ihre Enden aneinanderstoßen. Dann stechen die Ärzte die Nadel in ein Ende des Nervs oder Blutgefäßes, ziehen den Faden zum anderen Ende und verknoten dort den Faden. Dafür arbeiten sie unter einem Mikroskop, die Fäden sind so fein, dass selbst der Vergleich mit dem Haar nicht passen würde. Gut, dass die Mediziner einen Mundschutz haben. Wenn sie den nicht hätten, könnte es passieren, dass sie die Enden der Fäden einatmen, ohne es zu bemerken. „Wir können noch Äderchen mit einem Durchmesser von drei Millimetern nähen“, erklärt Dr. Martin Langer, Chef der Sektion Handchirurgie. Da macht Übung den Meister.

Er hat schon als Kind so fisselige Hobbys wie das Präparieren von Wanzen und Schmetterlingen gehabt. Solche Leidenschaften sind eine gute Voraussetzung, um in stundenlanger Kleinarbeit Nerven, Sehnen und Blutgefäße wieder zusammenzunähen. Langer hat sie: „Manche Handoperationen sind so ästhetisch, dass man fürs Operieren fast Eintritt bezahlen müsste“, sagt der 44-Jährige. Dadurch, dass viele Eingriffe so gut wie ohne Blut durchgeführt würden, können die Chirurgen etwa die Struktur von Sehnen ganz genau sehen. Gedreht wie ein Stahlseil und mit einem leichten Glanz würden sie die Kraft der Muskeln etwa auf die Finger oder den Unterarm übertragen. Außerdem sehen die Ärzte relativ schnell erste Erfolge. „Je feiner wir arbeiten, desto größer ist unser Erfolg“, erklärt Langer. Darum sitzen sie gerne mal eine Stunde länger.

Der Nordwalder Mike Manca weiß das zu schätzen. Am 21. Juni ist der damalige Lastwagenfahrer verunglückt. Dabei zersplitterte das Fenster der Fahrerseite. Sein Arm geriet nach draußen. Dann kippte der Laster auf die Seite und rutschte noch mehrere Meter weiter. All das auf Mancas Arm. Anschließend verband nur noch ein bisschen Haut den Arm mit der Schulter.

Nachdem die Feuerwehr seinen Wagen angehoben und ihn aus dem Führerhaus befreit hatte, riet ihm einer seiner Retter nur: „Guck nicht auf den Arm.“ Das hat er getan. Sonst hätte der Lasterfahrer die Ärzte nicht ermuntert: „Seht zu, dass Ihr mich wieder fertig kriegt“. Schließlich habe er für sechs Wochen später einen Tauchurlaub gebucht. Aus dem wurde nichts.

Heute, zehn Monate später, besucht der 39-Jährige Computerkurse, um bei seinem alten Arbeitgeber einen anderen Job zu machen. „Mir geht es topp“, sagt er. Zwar hängt der Arm noch schlapp an seiner Seite, aber dafür kann er die Gabel zwischen Daumen und Zeigefinger wieder so halten, dass er beim Schnitzelschneiden nicht mehr die Hilfe seiner Frau Monika braucht. „Die Erfolge kommen schleichend“, weiß der Nordwalder.

Auch Thäns ist den Medizinern für ihren Einsatz zutiefst dankbar. „Ich bin total happy“, sagt er. In den ersten Tagen nach der OP habe er noch nicht mal „Danke“ sagen können vor Rührung, weil sie ihn in neuneinhalb Stunden wieder „zusammengefummelt“ haben, wie er es sagt. „Die machen das mit Leidenschaft“, sagt er. Dass seine Hand wieder dran ist, bucht er schon als Erfolg. Alles, was sie später wieder kann, sieht er als einen zusätzlichen Bonus.

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