Lernen
Krank in die Schule

Gebannt hören die Drittklässler der 18-jährigen Lea zu. Die Oberstufenschülerin liest ihnen aus „Neue Briefe von Felix“ vor, zeigt ihnen dabei immer wieder die Bilder aus dem Buch. An diesem April-Mittwoch ist der Welttag des Buches...

Mittwoch, 30.04.2008, 14:04 Uhr

Gebannt hören die Drittklässler der 18-jährigen Lea zu. Die Oberstufenschülerin liest ihnen aus „Neue Briefe von Felix“ vor, zeigt ihnen dabei immer wieder die Bilder aus dem Buch. An diesem April-Mittwoch ist der Welttag des Buches .

Die Helen-Keller-Schule hat dazu verschiedene Projektgruppen organisiert. Dazu zählt auch, dass die „Großen“ den „Kleinen“ im großen Mehrzweckraum der Schule vorlesen. Und der befindet sich in der siebten Etage der Uniklinik, direkt unter dem Bettenturm West.

Die Helen-Keller-Schule ist die „Städtische Schule für Kranke“ in Münster . Der Hauptsitz ist in der Uni-Klinik, Außenstellen gibt es auch in anderen fünf Krankenhäusern der Stadt. Der Unterricht findet nicht nur in den hell gestrichenen Klassenräumen statt. „Unsere Lehrer unterrichten auf den Stationen, in den verschiedenen Kliniken, auch direkt am Krankenbett, wenn es nicht anders geht“, erklärt Schulleiterin Rosalia Abbenhaus .

Die Pädagogin räumt vor allem mit einem längst überholten Bild von Krankenschulen auf: „Mit etwas besserem Nachhilfeunterricht und nettem Vorlesen am Bett hat unsere Arbeit wenig zu tun. Wir haben einen eindeutigen Auftrag: Unterricht.“

Und dabei ist es Ziel und Notwendigkeit zugleich, so eng wie möglich mit den Heimatschulen der Kinder und Jugendlichen zusammenzuarbeiten. Denn die Schüler der Helen-Keller-Schule sind wegen ihres Krankenhausaufenthaltes oft mehrere Wochen oder Monate aus dem Unterricht gerissen. „Wir stimmen den Unterrichtsstoff mit den Heimatschulen ab, lassen uns Klausuren und Material schicken. Das bringt natürlich erheblichen Organisationsbedarf mit sich“, berichtet Deutschlehrerin Andrea Drolinski-Leusch . Ihr Unterricht und der ihrer 23 Kollegen umfasst alle Schulformen.

Die Stundenpläne richten sich nach den Schülern. Die Oberstufe besteht aktuell aus neun Jugendlichen, kurz zuvor waren es noch zwölf. Eine Schülerin ist direkt in die Schlussphase des Abiturs wieder an „ihr“ Gymnasium gegangen. Sie wurde gezielt auf die vier Prüfungsfächer vorbereitet.

Wir haben einen eindeutigen Auftrag: Unterricht. - Schulleiterin Rosalia Abbenhaus

„Gerade in einer solchen Phase geht es auch darum, die Angst und Unsicherheit zu nehmen, wenn es wieder in das frühere Schulsystem zurückgeht“, sagt Abbenhaus. Daneben werden noch andere Schülerinnen und Schüler der Klassen 11 bis 13 auf den Stationen unterrichtet: Alle die, die nicht direkt in die Schule gehen können oder dürfen. Zur Klinikschule gehört auch, dass es ein eigenes Schulleben gibt: mit Projekttagen, mit Schulausflügen, mit Aufführungen. Auch Zeugnisse stellt die Helen-Keller-Schule aus. Allerdings wird immer versucht, dass die Heimatschule die Zeugnisse ausstellt, damit es hier keinen Bruch gibt. Abbenhaus: „Wir sind eine normale Schule, nur eben im Krankenhaus.“

Das wird auch deutlich, wenn man sich in der Schule umschaut. Der Klassenraum von Andrea Drolinski-Leusch sieht aus, wie Klassenräume in der Oberstufe eben aussehen: Projektarbeiten hängen an der Wand, die Einblick geben in den aktuellen Unterrichtsstoff. Es geht um Fontanes „Effi Briest“ oder Schillers „Don Carlos“. An der Wand gegenüber hängen Plakate mit den aktuellen Lesefavoriten der Schüler. Der Raum ist nur kleiner als andere Klassenzimmer. Dabei werden momentan rund 130 Schülerinnen und Schüler in der Helen-Keller-Schule unterrichtet.

„Wir wollen Perspektiven schaffen. Und das geht nicht, wenn unser Unterricht hinter verschlossenen Türen stattfindet“, betonen Abbenhaus und Drolinski-Leusch. Und diese Perspektiven sollen über den Aufenthalt und den Unterricht in der Klinik hinausgehen. Speziell in den Abschlussklassen rückt auch die Schullaufbahn- oder Berufsberatung immer stärker in den Vordergrund.

Für eine Schülerin der Oberstufe ist der Projekttag zum Tag des Buches zugleich auch einer ihrer letzten in der Helen-Keller-Schule. Nach ihrer Entlassung aus der Uniklinik steht erstmal ein Praktikum in einem Kindergarten an. Ob sie tatsächlich Erzieherin werden möchte, weiß sie noch nicht. Vielleicht wird sie ja auch Lehrerin.

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