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Die letzte Hoffnung vieler DDR-Bürger ist tot

Freitag, 22.08.2008, 18:08 Uhr

Berlin – Für viele DDR-Bürger, die in den Westen wollten, war er die letzte Hoffnung. Für die Bundesregierung der stille Briefträger, der zwischen Bonn und Ost-Berlin diskret Botschaften übermittelte. Für Moskau und Washington ein versierter Unterhändler beim Austausch von Top-Spionen, selbst in den schwierigsten Zeiten des Kalten Krieges .

Und nach dem Fall der Mauer war er die Erinnerung daran, wie merkwürdig die Verhältnisse zwischen Ost und West vor gar nicht so langer Zeit waren. Am Donnerstag ist der Ost-Berliner Rechtsanwalt Wolfgang Vogel im Alter von 82 Jahren gestorben – in Oberbayern, wo er seinen Lebensabend verbrachte.

Die von ihm eingefädelten Agenten-Deals, die oft auf der Glienicker Brücke zwischen Berlin und Potsdam ihr Ende fanden, brachten besten Thriller-Stoff für Filmemacher und Autoren. Ein besonders spektakulärer Fall reicht in die Anfänge seiner Vermittlertätigkeit zurück: Der gebürtige Schlesier führte für die Sowjetunion die Verhandlungen über die Freilassung ihres in den USA inhaftierten Top-Agenten Rudolf Abel . 1962 wurde Abel gegen Gary Powers ausgetauscht, der über der UdSSR abgeschossen worden war.

Vogel selbst verstand sich als „ehrlichen Makler“ zwischen den Welten. Einmal, die DDR war bereits Geschichte, sagte er über sich: „Meine Wege waren nicht weiß und nicht schwarz. Sie mussten grau sein.“ In den Vordergrund drängte sich der stets elegant gekleidete Anwalt nie. Auch nach der Maueröffnung nicht, als er an der Seite seiner attraktiven Frau Helga auf Empfängen gefragt war, freundlich viele Hände schüttelte. Dabei wirkte er auf viele aber auch unverbindlich und distanziert, wie es die Art so vieler Anwälte ist.

Dann kam Vogel selbst auf die Anklagebank und in Untersuchungshaft. Seine Kritiker nannten ihn einen „Menschenhändler“ und „Erpresser“, der mit dem Freikauf von DDR-Häftlingen viel Geld verdient habe. Die Verfahren endeten mit Freispruch. Gefreut hat den Anwalt, dass so viele zu ihm hielten. Zu den Prominenten, die sich für ihn stark machten, gehörte auch Altkanzler Helmut Schmidt (SPD). Der Berliner Kardinal Georg Sterzinsky verteidigte den bekennenden Katholiken ebenfalls. Die Kirche zahlte seinerzeit sogar 100 000 Mark Kaution für seine Haftentlassung.

Vogels Karriere begann schon Mitte der 50er Jahre. West-Berliner Juristen bauten Verbindungen zu ihm auf. Da West-Anwälte im Osten nicht auftreten durften, benötigten westliche Stellen Verteidiger im Ost-Teil, die Angeklagte vertreten, an deren Schicksal sie interessiert waren. Vogel erwarb sich rasch Vertrauen. Wenig später nutzte er eine Besonderheit des damaligen Berlin: Als Ost-Berliner Anwalt erwarb er auch eine Zulassung für den Westen. Schon vor dem Mauerbau war Vogel auf beiden Seiten etabliert.

Auch später, als er immer wichtiger wurde, konnte die DDR-Stasi nicht über ihn verfügen, da Staats- und Parteichef Erich Honecker die Hand über ihn hielt. Selbstkritisch sagte der Anwalt Ende der 90-er Jahre einmal, er hätte seine Gesprächspartner im Westen mehr über die Zustände auf seiner Seite aufklären sollen. Außerdem wäre es besser gewesen, bei kritischen Gesprächen öfter Mitglieder der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik in Ost-Berlin hinzu zu ziehen. So hätte er vielleicht seine Verantwortung ein wenig mehr verteilen können. „Ich habe zu viel auf eigene Schultern genommen.“

Generell sah er seine Vermittlungsmissionen im Kalten Krieg aber weiter positiv. „Ich würde es wiederholen“, sagte Vogel 1997, als bereits nicht mehr Rechtsanwalt war. Mit dieser Meinung stand er nicht allein. Viele der 33 000 Häftlinge, die unter seiner Vermittlung aus DDR-Gefängnissen freigekauft wurden, und der mehr als 250 000 DDR-Bürger, die mit Hilfe von Vogel und Kollegen in den Westen kamen, werden ihn in dankbarer Erinnerung behalten.

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